E_Paper_BK
BERLINER KURIER - Berlins ehrliche Boulevardzeitung im Netz

Akte Kudamm-Karree: Die Spuren des Oligarchen

84826674

Am 27. Mai soll mit den Vorstellungen am Kudamm Schluss sein.

Foto:

picture alliance / dpa

Martin Woelffer ist ahnungslos, als an Anfang Dezember 2014 sein Telefon klingelt: Die Morgenpost ist dran, sie will eine Reaktion auf den Verkauf seiner Theater. Woelffer, Leiter der Bühnen am Kurfürstendamm, hatte noch nichts von der Sache gehört, nicht von dem Deal und nicht von den Käufern.

Die Theater galten lange als Leuchttürme West-Berlins, Prachtbauten der Weimarer Republik. In der Geschichte, die mit ihrem Abriss enden wird, geht es um steigende Preise auf dem Immobilienmarkt und um Geld, viel Geld. Auf der einen Seite steht Woelffer, auf der anderen eine Firma mit dem kryptischen Namen „Mars PropCo 1 S.a.r.l.“ 

Das ist der Eigentümer, der im Grundbuch steht. Bald schon werden die beiden historischen Theater verschwinden. Das Shoppingcenter, das auf dem Areal entstehen soll, ist Komplex aus Stahl und Glas. Die Münchner Firma Cells Bauwelt teilte Ende 2014 mit, das Grundstück „für private Investoren“ erworben zu haben. Der Geschäftsführer Christian Elleke ist als Partner an Mars PropCo 1 beteiligt.

Keine Beteiligung bei Geldwäsche-Verdacht

Der Preis für das Areal soll 170 Millionen Euro betragen haben, meldete der Immobiliendienstleister Colliers. Offiziell bestätigt wurde die Summe nicht. 

Ein Immobilienberater, der einen Investor beriet, der mitbot, sagt: „Das funktioniert nicht. Wenn ich die Baukosten sehe, wenn ich die realistisch erzielbaren Mieten sehe, rentiert es sich nicht zu einem Kaufpreis von 170 Millionen.“ 

Zur Morgenpost sagte Elleke im April 2016, dass alle vorgeschriebenen Prüfungen durchgeführt worden seien. Auch im Falle des „kleinsten Verdachts“ von Geldwäsche „hätte sich niemand an der Übernahme beteiligt“. Gegenüber dem Berliner KURIER äußert sich Cells Bauwelt zunächst nicht. Dann schickt ein Anwalt Schreiben.

Panama, Virgin Islands, Russland – Kudamm ...

Wer recherchiert, stößt auf Gerüchte über dubiose Geldquellen. Der Name Arkady Rotenberg fällt. Ein Milliardär und Freund Putins. Der Senat ignoriert alle Warnungen, er fädelt den Kompromiss ein, der hohe Mietzahlungen an den Investor beinhaltet und den Abriss der Theater besiegelt. 

Lederer teilte mit, dass der Eigentümer bereits über einen Räumungs- und Zahlungstitel gegenüber dem Theater verfügte, als er das Memorandum of Understanding zwischen Bühne und Investor vermittelt habe. Der Eigentümer hätte die Häuser ohne Genehmigung abreißen können. Allein dieser Kompromiss habe den Theaterstandort, wenngleich nicht die Gebäude, gerettet, so Lederer.

imago62468913h

Arkady Rotenberg, Freund Wladimir Putins: Steckt der Oligarch hinter dem Kauf des Kudamm-Karrees?  

Foto:

imago/Russian Look

Das Areal gehört der Firma Mars PropCo 1 S.a.r.l., an der die Elleke Vermögensverwaltung neunzehn GmbH und die Mozart Holdco S.a.r.l. Anteile halten. Letztere ist eine 100-prozentige Tochter der Firma „Dorado Services S.A.".

Die war bis vor wenigen Wochen registriert in Panama. Nach Recherchen des Berliner KURIER zog sie im April auf die British Virgin Islands um. Es entsteht eine Urkunde, die den Namen des Alleingesellschafters dokumentiert: „Mikhail Opengeym“. 

Staatsanwälte haben kaum Mittel zur Ermittlung

Wirtschaftsexperten in Russland glauben, dass Opengeym eine wichtige Position in Arkady Rotenbergs Unternehmen spielt: Dieser Oligarch steht auf der Sanktionsliste der EU. Auf Anfragen des Berliner KURIER antwortet er nicht.

Ilya Shumanov von Transparency International Russia, sagt: „Es ist bekannt, dass er Treuhand-Aktionäre und Scheinfirmen nutzt, um die Beschränkungen zu umgehen.“ 

Investiert Rotenberg über Strohleute einen dreistelligen Millionenbetrag am Kudamm? 

Dann läge ein Verstoß gegen Sanktionen und womöglich gegen das Geldwäschegesetz vor. Ein Steuerfahnder schreibt: „Die Staatsanwaltschaft selbst hat auch keinerlei Mittel, um festzustellen, wer tatsächlich hinter einer Firma auf den British Virgin Islands steht und wird deshalb (fast) immer überhaupt nicht reagieren.“ Für Akteure bestehe kaum ein Risiko.

Panama Papers brachten Firma in Erklärungsnot

Bundesweit sind rund 300 Ermittler in den Landeskriminalämtern für Geldwäsche zuständig. Dieses Jahr rechnen sie mit 50.000 Verdachtsmeldungen.

Rotenberg ist ein Finanzakrobat, der seine Anlagen häufig über die British Virgin Islands und Zypern steuert. Auch Christian Elleke hat Erfahrung mit verschachtelten Firmenstrukturen. Im Handelsregister finden sich mehr als ein Dutzend Firmen, die alle „Elleke Vermögensverwaltung“ heißen. Die Enthüllungen der Panama Paper brachten die Firma Cells in Erklärungsnot.
Also nannte er einen Namen: Opengeym. Den Kontakt habe die Firma Lenhart Global Investors hergestellt.

Wer aber ist Mikhael Opengeym? Viel ist nicht über ihn bekannt. Alexander Levinsky hat sich mit dem Geschäftsmann befasst. Der russische Wirtschaftsjournalist ist sich „ganz sicher“, dass er noch für Rotenberg arbeitet. „Er gehört der höchsten Management-Ebene an und ist für finanzielle Transaktionen zuständig.“

Woher kommt das Geld für den Kauf des Kudamm-Karrees?

Offiziell tauchte Opengheym im Zusammenhang mit Volgogradneftemash auf, der wichtigsten Tochterfirma von Rotenbergs S.G.M.-Konzern. Dort war er Konzernvorstand. Das steht im Anhang des Jahresabschluss des Unternehmens von 2008. 

Hinzu kommen eine auffällige örtliche und personelle Überschneidungen zwischen der Firma Lenhart Global und Firmen und Organisationen, die Rotenberg zugerechnet werden. „Rotenberg ist in Russland ein kleiner Zar“, sagt ein Korruptionsexperte in Moskau, der anonym bleiben will. „Die täglichen Abläufe in seinen Unternehmen überlässt er Männern, denen er traut. Einer von ihnen ist Mikhail Opengeym.“ 

Um den Geldwäsche-Verdacht zu entkräften, müsste erklärt werden, woher das Geld für den Kauf des Kudamm-Karree stammt. Opengeym gehören keine Großunternehmen. Selbst als Konzernvorstand müsste er wohl fast zwei Jahrzehnte lang jeden Rubel gespart haben, um sich die Top-Immobilie zu kaufen. Und selbst wenn, erklärt dies nicht die Finanzierung der anderen Immobilien, die nach Recherchen der Berliner Zeitung in Deutschland von vermutlich demselben Personenkreis erworben wurden: Dabei geht es um Kapitalflüsse in Höhe von fast einer Milliarde Euro.