In Berlin werden jedes Jahr mehr als eine halbe Million Straftaten registriert. Rund 1500 am Tag. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal in eine davon geraten würde. Ein Irrtum. Noch heute spuckt das Internet, wenn man „Überfall Gerit Kling“ eingibt, sofort mehrere Schlagzeilen aus. „Schauspielerin Gerit Kling – Opfer eines Raubüberfalls.“ Kann man alles nachlesen.
„Ich habe gelernt: Eine Axt wirkt bedrohlicher als eine Schusswaffe“
Im Januar 2014 wurde ich in Berlin Zeugin eines bewaffneten Raubüberfalls auf einen Juwelier. Zwei Männer mit Masken, Pistolen und Äxten. Ja, Äxte. Ich habe gelernt: Eine Axt wirkt bedrohlicher als eine Schusswaffe. Vielleicht, weil sie so unmittelbar ist. Man sieht sofort, was sie anrichten kann.

Seit fast 20 Jahren arbeite ich in einer Polizei-Krankenhaus-Serie. Ich spiele eine Ärztin. Ich ermittle nicht aktiv, aber ich bin in die Fälle involviert. Verbrechen gehören also zu meinem Berufsalltag – allerdings nur fiktiv. Meine Geschichte dagegen ist so absurd, dass man sie sich kaum ausdenken würde. Sie ist aber genauso passiert. Es liegt zwölf Jahre zurück. Ich war damals verheiratet. Unsere Ehe war schwierig. Mein Mann kam aus dem Westen. Ich brachte ein Kind mit. Wir lebten eher nebeneinander als miteinander. Kein gemeinsames Konto, kein gemeinsames Kind, kein richtiges Wir.
Dafür viele Versuche, eins zu werden. Es war Anfang Januar. Berlin zeigte sich von seiner unbarmherzigen Seite. Der Winter biss, der Wind kam ungefragt von hinten, direkt in den Nacken. Die Stimmung zwischen uns war ähnlich rau. Eines Tages sagte mein Mann: „Ich finde, ich bin jetzt mal dran.“ „Womit?“, fragte ich. „Mit einer schönen Uhr. Eine Wertanlage. Und ich finde, du könntest sie kaufen.“ Ich verstand nicht sofort. Weder das Warum noch das Wieviel. Und erst recht nicht das Prinzip.

Warum diese Uhr? Warum jetzt? Und warum sollte ich eine Wertanlage für ihn kaufen? Wir fuhren zu einem Juwelier in Berlin-Mitte. Teuer. Kühl. Sehr korrekt. Die Verkäuferin war reserviert. Mein Mann nicht. Er sah die Uhr seiner Begierde sofort. Seine Augen leuchteten. Als der Preis genannt wurde, kippte ich innerlich vom Stuhl. „Eine Anschaffung für die Zukunft“, sagte mein Mann. „Diese Uhren verlieren nie an Wert.“
„Da standen sie plötzlich im Raum. Zwei Männer. Maskiert. Waffen. Äxte“
Mir schwirrte der Kopf. Ich spürte, dass ich in einer Falle saß. Ich zog meine Kreditkarte. Mein Mund wurde trocken, meine Finger zitterten. Die Verkäuferin nahm die Karte wortlos mit, als wäre sie ein Taschentuch. Fünf Minuten später kam sie zurück. „Das Limit reicht nicht. Haben Sie noch eine andere Karte?“ Meine EC-Karte brachte noch weniger Punkte. Gerade wollte ich etwas sagen – abbrechen, verschieben, fliehen –, da standen sie plötzlich im Raum. Zwei Männer. Maskiert. Waffen. Äxte.
„Auf den Boden“, sagte einer leise. Kein Gebrüll, kein Filmton. Ich lag da und dachte ganz sachlich: „Ach so. So läuft das also wirklich.“ Dieses ganze Rumgebrülle im Fernsehen ist völliger Quatsch. Es war still. Sehr still. Der Verkäufer bekam zwei blaue Müllsäcke. Alle Uhren hinein, auch die Traumuhr meines Mannes musste dran glauben. Die Banditen waren beschäftigt. Der Verkäufer auch. Für ein paar Sekunden waren alle abgelenkt.
Wir robbten in einen Nebenraum. Ein Verkäufer gab uns ein Zeichen. Die Tür ging zu. Wir waren zu dritt in Sicherheit. Ich musste an den Film „Panic Room“ denken. „So fühlt sich das also an“, dachte ich. Sicher fühlte ich mich trotz verschlossener Tür nicht. „Ihr könnt wieder rauskommen, sie sind weg“, rief ein Verkäufer. Unaufgeregt. Fast routiniert. Zwei, drei Minuten waren vergangen. Als die Polizei kam, kam die Angst. Vielleicht war es der Schock. Wir wurden lange verhört, sollten die Täter beschreiben. Ich konnte ihre Gesichter nicht sehen.
„Ich glaube, sie wurden nie gefasst“
Ich glaube, sie wurden nie gefasst. Die Uhren blieben verschwunden. Man bot uns eine Therapie an. Traumabewältigung. Wir lehnten ab. Erst später merkte ich, wie schwer es mir fiel, ein Geschäft ohne Angst zu betreten. Auf jeder Rolltreppe drehte ich mich um. Es dauerte Jahre, bis diese Unsicherheit langsam verschwand. Das Geld meiner Kreditkarte bekam ich zurück. Über eine Uhr haben wir nie wieder gesprochen. Ein Jahr später ließen wir uns scheiden. Heute sind wir freundschaftlich verbunden.



