Neue Kolumne

„Gerits Welt“: Gerit Kling im Zwiespalt zwischen Berlin und Potsdam

In Gerit Klings erster Kolumne schreibt sie über ihr Großstadttrauma und darüber, warum es auch Ruhe braucht, um das Leben nicht ganz so ernst zu nehmen.

Author - Gerit Kling
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In „Gerits Welt“ schreibt Gerit Kling über ihr Leben in der DDR und gibt Anekdoten aus ihrem Leben als Schauspielerin, Ehefrau und Mutter wieder.
In „Gerits Welt“ schreibt Gerit Kling über ihr Leben in der DDR und gibt Anekdoten aus ihrem Leben als Schauspielerin, Ehefrau und Mutter wieder.Jordis Antonia Schlösser

Berlin brummt, hupt und fordert. Diesen Dauerton kenne ich seit über fünfzig Jahren. Berlin ist nie leise, selbst wenn es still ist. Ich bin hier erwachsen geworden, zur Schauspielschule gegangen, und über zwölfmal umgezogen. Zwölf. Inzwischen weiß ich, wie Umzüge gehen: Man braucht Freunde. Und man braucht Geduld. Vor allem wenn es immer wieder um 38 Bücherkisten geht, von denen man sich einfach nicht trennt. Ich weiß, es ist idiotisch. Trotzdem. Alles muss immer wieder mit.

„Ich lebe zwischen zwei Welten, dem Brummen und der Stille“

Als ich nach dem zwölften Umzug, von Weißensee in den Wedding, in meiner neuen Wohnung saß, zwischen Kisten, ohne Bett, aber mit einem Glas Wein, dachte ich: Berlin, wir sind noch lange nicht am Ende.

Und vielleicht stimmt das auch. Nur wohne ich inzwischen seit zehn Jahren in Potsdam. Da bin ich nun gelandet. Und bleibe. Durchatmen, Bäume gucken, Wasser hören. Ich lebe zwischen zwei Welten, dem Brummen und der Stille. Als Schauspielerin beobachte ich Menschen, immer und überall. Das ist kein Charakterzug, das ist Berufsausübung. Alles, was ich spiele, habe ich irgendwo schon mal gesehen. Und davon werde ich hier erzählen.

Ich lebe also inzwischen in Potsdam. Mein Mann Wolfi lebt hier schon immer – und das merkt man. Wolfi bewegt sich durch die Welt, als hätte er einen inneren Puffer eingebaut. Er isst langsamer, läuft langsamer, denkt langsamer. Ich hingegen gehe auch in Potsdam schnell. Aus Gewohnheit. Vielleicht habe ich ein tief sitzendes Großstadttrauma.

Gerit Kling und ihr Ehemann Wolfram Becker leben seit vielen Jahren gemeinsam in Potsdam.
Gerit Kling und ihr Ehemann Wolfram Becker leben seit vielen Jahren gemeinsam in Potsdam.Jordis Antonia Schlösser

Alles hat seine Zeit. In Potsdam weiß man das. Hier darf ein Gedanke noch zu Ende gedacht werden, bevor das nächste Gespräch beginnt. In Berlin dagegen ist man oft schon mitten im nächsten Satz, während der vorherige noch brummt. In Berlin hupt man, um recht zu haben. In Potsdam wartet man – und hat trotzdem recht. Hier wird selbst die Eile höflich und diese sympathische Höflichkeit hat mein Mann übernommen.

Außer, wenn er zum Beispiel mit der Bahn fahren soll. Wolfi liebt sein Auto. Die Bahn hält er für eine Art pädagogisches Experiment, bei dem getestet wird, wie lange ein Mensch ruhig bleiben kann, ohne einen Schreianfall zu bekommen. Manchmal schaffe ich es allerdings doch, ihn zu überreden. „Komm, lass uns mit der Regionalbahn nach Berlin fahren. Shoppen.“ Meine „Lieblingsbeschäftigung“. Nicht seine. Zu seiner Ehrenrettung muss ich sagen: Es gibt, glaube ich, generell keinen Mann, der gerne mit seiner Frau shoppen geht. Und dann ausgerechnet Berlin.

„Ich stolpere über einen schweren Rucksack“

Und dann noch mit der Bahn. Sein ganzer Körper erstarrt zur Salzsäule. Aber ich bestehe darauf. Wir stehen am Gleis 4. Verspätung, wegen kurzzeitiger Störung am Gleis. Wir warten, keine weitere Ansage. Es ist Ende Januar, minus 6 Grad. Ich habe keine Mütze auf. Meine Ohren werden knallrot. Der Zug fällt aus.

Wolfi sagt nichts. Da gibt es nur diesen Triumphblick. Den kann er sich nicht verkneifen. Irgendwann kommt die Bahn doch noch. Wir steigen ein. Leider nicht nur wir. Man schiebt, drückt, presst. Ich versuche, mich krampfhaft an Wolfi festzuhalten, gelingt nur mäßig. Ich stolpere über einen schweren Rucksack und falle einem dicken Mann in die Arme, der sehr unwirsch reagiert und mich in einer Sprache beschimpft, die ich nicht im Mindesten erkenne.

Wolfi grinst. Berlin. Wir steigen aus. Die Berliner Luft schmeckt anders als die Luft in Potsdam. Nicht schmutziger oder staubiger. Sie schmeckt nach Aufregung, Großstadthektik und Currywurst. Potsdam hat diese Gerüche nicht. Und obwohl ich Potsdam unendlich liebe, zieht mich der Großstadtwahnsinn an. Wolfi nicht. Ich muss ihn etwas schieben, er lässt es zu.

Und jetzt noch schnell Geschenke besorgen, die nächsten Geburtstage nahen. Schnell noch – denken, glaube ich, alle in Berlin. Die Straßen sind voll, die Geschäfte noch voller. Es ist eiskalt, aber ich bin schweißgebadet. Meine Ohren glühen jetzt endgültig.

„Er grinst mich an. Und meine Wut verfliegt“

Ich sehe keine Verkäufer. Nur SB-Kassen. Ich stehe vor einer Maschine, sie piept. „Artikel unbekannt.“ Ich schlage mit der Hand auf die Kasse. Wieso unbekannt? Verdammter Mist hier. Meine Hand schmerzt und ich merke, wie lächerlich ich wirke, so wutentbrannt mit glühenden Ohren. Wolfi steht daneben. Ruhig.

In ihrer Kolumne enthüllt Gerit Kling persönliche Geschichten aus ihrem Leben, die bislang niemand kannte.
In ihrer Kolumne enthüllt Gerit Kling persönliche Geschichten aus ihrem Leben, die bislang niemand kannte.Jordis Antonia Schlösser

Er scannt die Ware gelassen an der SB-Kasse und siehe da, es geht, ohne Probleme. „Komm“, sagt er, „lass uns einen Sekt trinken, wir müssen ja nicht Auto fahren.“ Er grinst mich an. Und meine Wut verfliegt. Ich lerne gerade eine neue Rolle. Heiter bleiben, auch wenn es schwierig wird. Vielleicht hat Berlin recht mit seiner Geschwindigkeit und Potsdam mit seiner Geduld.

Und vielleicht braucht es beides, um das Leben nicht so ernst zu nehmen. Und sich selbst auch nicht.

Wie hat Ihnen die erste Kolumne gefallen? Haben Sie Fragen oder Kolumnen-Wünsche an Gerit? Dann schreiben Sie uns bitte an: leser-bk@berlinerverlag.com