Am Potsdamer Platz passiert Ungeheuerliches. Wo einst die Berliner Mauer samt Todesstreifen war, ist die DDR wieder da! Ein Volkspolizist steht dort mit seinem Motorrad. Wild fuchtelt er mit seinem schwarz-weißen Verkehrsstab. „Genossen, stillgestanden!“, schreit er. „Wir sind wieder da! Die Übung ist vorbei!“ Als Verstärkung erscheint auch noch eine DDR-Politesse. Vorübergehende Menschen schauen entgeistert.
Wo einst die Mauer stand, kommt die DDR zurück
Polizeiuniformen, Sprechfunkgeräte und Verkehrsstab sind echt. Ein Original ist auch das MZ-Motorrad mit weißer Schürze, Blaulicht und Aufschrift „Volkspolizei“. Nur die beiden DDR-Ordnungshüter sind nicht echt.
Ihr ganzer Aufzug ist pures Theater. Denn Kabarettist Mario Kaulfers (60) und seine Frau Susanne (52) lassen zwar in der Tat am Potsdamer Platz die DDR wieder neu auferstehen – aber in Form einer neuen Ost-Show.
Immer sonntags um 15 Uhr läuft in der nahen Showbühne Berlin (Köthener Straße) „Genossen, stillgestanden!“ Die zweistündige DDR-Show der Kaulfers ist der Knaller. Das kleine Theater ist mit diesem Programm seit März ständig ausverkauft.
„Wir gehen mit dem Publikum auf eine humoristische Zeitreise zurück in die DDR. Es ist nicht nur Zufall, dass wir hier spielen, wo einst der Todesstreifen war“, sagt Mario Kaulfers. „Wir ziehen den Ort bewusst mit ins Programm, der einst die Deutschen trennte und wiedervereinte.“
Neue DDR-Show in Berlin: Auch die Puhdys sind dabei
Auf der Bühne ist Mario Kaulfers als Honecker zu sehen – und als ABV (steht für Abschnittsbevollmächtigter). Das war in der DDR ein spezieller Polizist der Volkspolizei, zuständig für die öffentliche Sicherheit in einem Wohngebiet oder Dorf. Die echte Uniform passt Kaulfers gut. War er etwa einmal Dorfsheriff in der DDR?

„Nein“, sagt Kaulfers, der aus Görlitz (Sachsen) kommt. „Eigentlich bin ich ausgebildeter Textilfacharbeiter.“ Und staatlich zugelassener Schallplatten-Unterhalter – so hießen die DJs in der DDR. „Mit meinen Musikprogrammen trat ich damals in Kulturhäusern als Vorprogramm der Puhdys, Karat oder City auf.“
Die Hits der Ostrocklegenden kommen auch in Kaulfers DDR-Show vor. Und am Ende stehen sogar die Puhdys auf der Bühne, singen mit dem Publikum „Hey, wir wollen die Eisbär'n sehn“. Natürlich sind es nicht die echten Musiker.
Doch wie kam Kaulfers zur ABV-Uniform, mit der er nun am Potsdamer Platz in seiner DDR-Show zu sehen ist? „Durch einen Zufall bekam ich sie von einem ehemaligen Hauptmann der Volkspolizei geschenkt. Er wollte die Uniform nicht wegwerfen und dachte, ich könnte etwas damit anfangen. In der Tat war die ABV-Uniform der Anfang für meine DDR-Show. Das war vor 18 Jahren.“

Als „letzter ABV der DDR“ trat dann Kaulfers auf Dorffesten und Familienfeiern auf. Daraus wurde mehr. Seine Frau Susanne stieg mit ins Showgeschäft ein – und ab ging es auf die Bühnen von kleinen Theatern und Veranstaltungshäusern. Seit März sind sie nun in Berlin und präsentieren am Potsdamer Platz sonntags ihr DDR-Programm als Dinnershow mit Bockwurst und Kartoffelsalat.
„DDR passt nicht mehr ins Schema“
„Einen Auftrittsort in Berlin zu finden, war gar nicht so einfach“, sagt Susanne Kaulfers. „Wir hatten mehrere Anschreiben gemacht, bekamen nur Ablehnungen nach dem Motto, die DDR passe gerade nicht in ihr Veranstaltungsschema.“
Die Showbühne Berlin reagierte anders. Hier gibt es eine Zille-Show, hier treten die Männer-Stripper „Sixx Paxx“ auf – warum sollte da nicht auch die DDR Platz haben?

„Man sah sich unser Programm an und am Ende hatten wir einen Zweijahresvertrag in der Tasche“, sagen die Kaulfers. Das Publikum ist begeistert. Wer kommt? „Es sind überwiegend Menschen, die in der DDR aufgewachsen sind“, sagt Mario Kaulfers.
Seine Frau ergänzt: „Es sind Menschen, die an ihr Leben in der DDR erinnert werden wollten – an beliebte Fernsehserien und Shows, an die Lieder von damals, an die Grundwerte wie Gemeinsamkeit, die wir hatten. Denn in der DDR war ja nicht alles nur schlecht.“
„Warum soll man sich nicht an die DDR erinnern?“
Die Mauer, die Toten, die Stasi: Das alles will auch keiner wegdiskutieren. Dennoch: Warum kommen viele Ostdeutsche zum Potsdamer Platz und feiern dort die DDR-Vergangenheit?



