Total überwacht

Geheimaktion „Metropole“: So baute die Stasi den Palast der Republik auf

Von 1973 bis 1976 wurde in der DDR der Palast der Republik gebaut. Unter den  fleißigen Handwerkern waren auch Stasi-Leute, die das Haus verwanzten.

Author - Norbert Koch-Klaucke
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Richtfest am Palast der Republik im November 1974:  Nicht nur fleißige Handwerker bauten an Erichs Lampenladen mit. Auch die Stasi war dabei.
Richtfest am Palast der Republik im November 1974: Nicht nur fleißige Handwerker bauten an Erichs Lampenladen mit. Auch die Stasi war dabei.PEMAX/imago

Sie kamen aus allen Teilen der Republik: Tausende Bauarbeiter errichteten den Palast der Republik. Hunderte von ihnen wurden zu der Feier eingeladen, als vor 50 Jahren „Erichs Lampenladen“ am 23. April 1976 im Herzen Berlins eröffnet wurde. Aber nicht nur Handwerker, Maurer und Elektriker bauten in einer Rekordzeit von drei Jahren den Palast der Republik auf. Auch Stasi-Spitzel mischen tatkräftig mit.

Ein Haus fürs Volk, an dem die Stasi mitbaut

1973 fängt alles an. Ein Jahr, das zu den besten in der DDR gehörte. Der Arbeiter-und-Bauernstaat wird unter Staatschef Erich Honecker Mitglied in der UN-Vollversammlung. Damit bekommt die DDR endlich die internationale Anerkennung. 

Im Sommer 1973 finden im Osten Berlins die X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten statt, die kurz einen Hauch von Offenheit ins Land bringen. Als krönender Abschluss wird im November der Grundstein für den Palast der Republik gelegt.

Ein Jahr nach der Grundsteinlegung wurde am Palast der Republik im November 1974 Richtfest gefeiert. Auf der Tribüne hält Staatschef Erich Honecker die Rede.
Ein Jahr nach der Grundsteinlegung wurde am Palast der Republik im November 1974 Richtfest gefeiert. Auf der Tribüne hält Staatschef Erich Honecker die Rede.Pemax/imago

Honeckers Botschaft bei dem Festakt ist klar. „Dieser Palast soll ein Haus des Volkes werden. Er soll dienen als Stätte wichtiger Kongresse, als ein Ort verantwortungsbewusster Beratungen der höchsten Volksvertretung unseres Arbeiter- und Bauern-Staates und als Forum internationaler Begegnung“, sagt er.

Und auch für die DDR-Bürger da sein. „Unsere sozialistische Kultur wird in diesem Palast ebenso eine Heimat finden wie der Frohsinn und die Geselligkeit unserer werktätigen Menschen“, sagt Honecker.

Damit der knapp 700 Millionen DDR-Mark teure Prestigebau gelingt, soll die Staatssicherheit für einen reibungslosen Ablauf der Bauarbeiten sorgen. Stasi-Chef Erich Mielke ist sich seiner Verantwortung voll bewusst.

Noch vor dem Baubeginn trifft die Staatssicherheit die Planungen für ihren Einsatz. Im Sommer steht der geheime Maßnahmenplan unter dem Tarnnamen „Metropole“.

Ein Stahlträger wird hochgezogen: Diese Aufnahme von der Baustelle des Palastes der Republik. entstand von Mitarbeitern der Staatssicherheit.
Ein Stahlträger wird hochgezogen: Diese Aufnahme von der Baustelle des Palastes der Republik. entstand von Mitarbeitern der Staatssicherheit.BArch/MfS, HA PS, Fo, Nr. 615, Bild 20

„Als künftige ständige Tagungsstätte der Volkskammer der DDR und Ort bedeutender politischer und kultureller Veranstaltungen wird der Palast der Republik das markanteste Bauwerk im Zentrum der Hauptstadt sein“, steht darin. Heißt im Klartext: Der Bau und die Bauarbeiter werden lückenlos überwacht. Und an wichtigen Abschnitten baut die Stasi sogar selber mit.

Palast der Republik: Stasi überwacht Arbeiter und Künstler

Das Dokument befindet sich heute im Bundesarchiv. Laut der Akte übernahm die Stasi-Hauptabteilung XX den Palast der Republik, die in den 70er Jahren vor allem für die Überwachung des Staatsapparates, der Justiz und des Gesundheitswesens zuständig war.

Blick in das Foyer des Palastes der Republik: An der Wand sind die Gemälde berühmter DDR-Maler zu erkennen.
Blick in das Foyer des Palastes der Republik: An der Wand sind die Gemälde berühmter DDR-Maler zu erkennen.Carst6en Milbret/imago

Es galt etwa, „feindlichen Handlungen, Störmaßnahmen und Aktivitäten“ zu verhindern. So wurden etwa die Arbeiten der Künstler überwacht.

Über die 16 Gemälde, die Star-Maler wie Werner Tübke, Willi Sitte oder Wolfgang Mattheuer schufen und die dann im Palast-Foyer hingen, war die Stasi im Vorfeld genau informiert. Grund: Die Sorge der Stasi war groß, dass Künstler in ihren Werken „negativ-feindliche Aussagen“ unterbringen könnten.

Wolfgang Mattheuer (starb 2004) war einer der DDR-Maler, der  für den Palast der Republik ein Gemälde ablieferte.
Wolfgang Mattheuer (starb 2004) war einer der DDR-Maler, der für den Palast der Republik ein Gemälde ablieferte.Eckehard Schuklz/imago

Als Arbeiter getarnte hauptamtliche Mitarbeiter der Stasi waren während der Bauarbeiten tätig. Sie kamen unter anderem beim Einbau der technischen Anlagen und Telefonleitungen zum Einsatz.

Als Arbeiter getarnte Stasi-Leute verwanzten den Palast

Dazu gehörte auch die Einrichtung von zwei Abhör- und Überwachungsräumen mit Bildschirmen im Palast der Republik. Das gesamte Gebäude wurde verkabelt und verwanzt. Ob in den Restaurants, dem Großen Saal oder auf der Bowlingbahn – überall hörte die Stasi mit. Selbst der Volkskammersaal wurde abgehört.

In einer Rekordzeit von drei Jahren wurde der Palast der Republik fertig. Am 23. April 1976 wurde er eröffnet.
In einer Rekordzeit von drei Jahren wurde der Palast der Republik fertig. Am 23. April 1976 wurde er eröffnet.dpa

Ohne die Stasi ging beim Palast der Republik gar nichts. Sie überprüfte jede Person, die sich dort um einen Job bewarb: die Bauarbeiter, später Putzkräfte, Küchenhilfen, Restaurantpersonal, Techniker. Etwa 1800 Menschen arbeiteten später im Palast der Republik.

Stasi-Mitarbeiter vor der Hauptschaltanlage und Observationsmonitoren im Palast der Republik.
Stasi-Mitarbeiter vor der Hauptschaltanlage und Observationsmonitoren im Palast der Republik.Quelle: BStU, MfS, HA PS, Fo, Nr. 22, Bild 3

Ganz nebenbei suchte sich die Stasi vor dem Gebäude ideale Horch- und Beobachtungsposten aus, um später die Palast-Besucher bespitzeln zu können. So waren spezielle Stellplätze auf dem Parkplatz vor dem Haupteingang für Fahrzeuge der Stasi reserviert. Die Kommandozentrale des MfS befand sich im gegenüberliegenden Marstall.

Palast der Republik: Stasi hatte auf Parkplatz Beobachtungsposten

Mielkes Wachregiment „Feliks Dzierzynski“ übernahm die Sicherung des Gebäudes und der Baustelle. „Neben den Vorbeugungen gegen staatsfeindliche Angriffe soll auch die vorbeugende Kriminalitätsbekämpfung gewährleistet werden“, stand in dem Stasi-Plan.

Die Staatssicherheit sicherte sich auf dem Parkplatz vor dem Palast der Republik gute Plätze, um freie Sicht auf den Eingangsbereich für Observationszwecke zu haben. In einer Stasi-Akte wurden solche Beobachtungspunkte dokumentiert.
Die Staatssicherheit sicherte sich auf dem Parkplatz vor dem Palast der Republik gute Plätze, um freie Sicht auf den Eingangsbereich für Observationszwecke zu haben. In einer Stasi-Akte wurden solche Beobachtungspunkte dokumentiert.BStu

Die Sorge war offenbar nicht ganz unberechtigt. „Diebstähle von Armaturen“, „Bedrohen und Anpöbeln der Sicherungskräfte“, „Alkoholgenuss während der Arbeitszeit“ und „unerlaubtes Entfernen von der Baustelle“ – das stand in den Berichten, die DDR-Bauminister Wolfgang Junker im Januar 1974 zugestellt bekam. Da liefen die Arbeiten noch kein halbes Jahr.

Welche Erinnerungen haben Sie an den Palast der Republik? Waren Sie am Aufbau dabei? Schicken Sie uns einen Leserbrief per Mail an leser-bk@berlinerverlag.com.