Ein Prestigebau aus Stahl, Beton, Glas und Asbest: Als am 23. April 1976 der Palast der Republik eröffnet wurde, wussten Fachleute, und vor allem die Staats- und Parteiführung schon, dass „Erichs Lampenladen“ ein illegaler Bau war. Denn die Verwendung von Spritzasbest war zu diesem Zeitpunkt in der DDR schon verboten.
Warum nahm die DDR Asbest für den Palast der Republik?
Der Bau des Palastes der Republik ist eines der besten Beispiele, die zeigen, wie wenig sich Obrigkeiten an die Gesetze oder Verordnungen ihres Landes halten. Es wird sich einfach über Bestimmungen hinweggesetzt, wenn getroffene Anordnungen und Entscheidungen sich plötzlich als störend erweisen – oder wenn es die Sicherheit verlangt.
So war es auch Anfang der 1970er Jahre beim Bau des Palastes der Republik. Ein Haus, in dem Tausende von Menschen gleichzeitig an einem Ort waren, vor allem, wenn politische oder kulturelle Großveranstaltungen liefen. Bei einem möglichen Brandim Palast hätte es zu einer Katastrophe kommen können. Also wurde für den Stahlskelettbau ein besonderer Feuerschutz nötig.
Das Tragwerk des Palastes der Republik musste einem Großbrand 120 Minuten standhalten können, um Evakuierungen zu ermöglichen, so die Vorgabe. Die Planer hatten das verheerende Feuer vor Augen, das im Oktober 1972 auf dem Alexanderplatz wütete. Ein Feuer war in einem der U-Bahn-Tunnel ausgebrochen. Auf 105 Metern brach die Tunneldecke ein. Wie durch ein Wunder wurde niemand verletzt.
Palast der Republik: Erbauer hatten Angst vor Großbrand
Der Stahl für die Trägerelemente des Palastes der Republik kam aus Schweden. Der Asbest kam aus Großbritannien. Über 720 Tonnen des feuerfesten Baustoffs wurden in eine Kunststoffummantelung für die Stahlträger des Palastes gespritzt.
Dass dieser Baustoff als krebserregend galt, war damals bekannt. In Bauanordnungen und Vorschriften war die Anwendung von Spritzasbest schon seit 1969 in der DDR untersagt. Seine Verwendung beim Bau des Palastes der Republik war demnach illegal.

Aber wenn es um Prestige-Bauten wie den Palast der Republik geht und der Bauherr dazu noch die Partei und Staatsführung ist, „dann gibt es solche Verbote nicht“, sagt Historiker Sören Marotz (53) vom DDR-Museum Berlin.
„Für Bauvorhaben wie beim Palast der Republik brauchte man ja auch keine Baugenehmigung.“ Was die Partei damals unter Erich Honecker beschloss, wurde gemacht. Das war das Gesetz.

Vor allem wollte die Staatsmacht, dass der Palast der Republik in einer Rekordzeit von nur drei Jahren entstehen sollte. Man hätte ja für die Ummantelung auch Gips verwenden können, erklären Experten. Doch Spritzasbest galt damals als technisch effektivste und schnellste Lösung, um Stahlträger gegen Hitze zu schützen – dem Verbot zum Trotz.
„Palast-Abriss wegen Asbest war eine billige Ausrede“
Keiner sah darin ein großes Problem. Auch nicht der Architekt Dieter Bankert (86), der die Fassade des Palastes der Republik entwarf. „Mit Asbest hatten doch damals alle gebaut, auch beim ICC“, sagt Bankert dem KURIER. „Den Palast wegen Asbest abreißen zu lassen, war eine sehr billige Ausrede und eine grobe Beleidigung.“ Zumal Spritzasbest in der Bundesrepublik Deutschland erst 1979 verboten wurde.

Aber schon in der DDR wurde der Asbest im Palast der Republik schnell zum Problemfall. Etwa bei Rockkonzerten bewirkte der Schall der lauten Musik eine Erschütterung der Dachstahlträger.
Die nicht fest gebundenen Asbestfasern in den Ummantelungen wurden freigesetzt. Sie rieselten von den freiliegenden Dachsparren über dem Großen Saal auf die Ost- und Weststars auf der Bühne und auf die Zuschauer hinab. Das passierte auch, wenn Beleuchtungsbrücken oder Deckenteile im Saal hinauf-und heruntergefahren wurden.
Palast der Republik: Asbest rieselte auf Ost- und Weststars
Freigesetzter Asbest in der Luft: Ein Gutachten der Hygieneinspektion Ost-Berlin wies darauf schon zu DDR-Zeiten hin, berichtet Architekt Wolf-Rüdiger Eisentraut in der RBB-Doku „Palast der Republik – Honeckers Traum aus Marmor und Asbest“ (20. April, 23.50 Uhr im Ersten.)



