„Sandmann, lieber Sandmann…“ 1959, also vor 66 Jahren, flimmerte er zum ersten Mal im DDR-Fernsehen über die Bildschirme. Im selben Jahr war auch zum ersten Mal das Sandmann-Lied zu hören. Ein Mega-Hit – bis heute! Die Strophen kennt jedes Kind. Was kaum einer weiß: In dem Kinderchor, mit dem damals das Sandmann-Lied für den Abendgruß-Vorspann aufgenommen wurde, sang ein späterer DDR-Rockstar mit.
Der Mann, der Silly gründete: Als Kind sang er für den Sandmann
Den Musiker kennt jeder. Und seine Band erst recht. Die Rede ist von Thomas Fritzsching (77). 1977 gründete der Gitarrist die Kultband Silly mit der legendären Tamara Danz am Mikro. Drei Jahre vor ihrem Tod (Danz stirbt 1994) verlässt er sein „Baby und Lebenswerk“.
Jetzt ist Fritzsching wieder da – mit dem Buch „Silly – Die geklaute Band“. Für viele klingt es wie eine Abrechnung. Dabei bleibt beinahe unbeachtet die bisher unbekannte Lebensgeschichte des Silly-Gründers, die er auch seinem Buch erzählt.
Darin kommt Erstaunliches zutage. Ganz beiläufig erwähnt Fritzsching da: Als Kind „wirkte ich bei der Aufnahme des Liedes ,Sandmann, lieber Sandmann‘ mit“.
Karrierestart mit „Sandmann, lieber Sandmann“
Der KURIER will es genau wissen und lässt sich exklusiv die Geschichte von Fritzsching selbst ausführlich erzählen. Und diese beginnt mit einem sogenannten Musikschrank.

Dabei handelt es sich um ein Möbelstück mit eingebautem Plattenspieler und Radioapparat, das Fritzschings Vater Mitte der 50er Jahre in einem Gebrauchtwarenladen erstanden hatte. Inklusive einer Schallplattensammlung mit Swing-, Blues- und Boogie-Woogie-Stücken.
„Dieses Gerät hat mich als kleiner Junge mächtig angezogen“, sagt Thomas Fritzsching zum KURIER. „Ich habe viele dieser Schallplatten angehört und die Titel mitgesungen. Ein Grund, warum ich eines Tages in einem Chor landete.“

Thomas Fritzsching wurde 1957 Mitglied im Rundfunk-Kinderchor des Senders Leipzig bei Prof. Hans Sandig. Unter seiner Leitung wurde auch das Lied „Sandmann, lieber Sandmann“ aufgenommen.
Alles geschah recht schnell. Denn Eile war geboten. Nicht nur das DDR-Fernsehen wollte im November 1959 einen Sandmann über den Bildschirm flimmern lassen. Der West-Berliner Sender SFB hatte Gleiches vor.

In Windeseile wurde nun an einem Ost-Sandmännchen gearbeitet. Bühnenbildner Gerhard Behrendt entwarf die Figur. In Windeseile musste auch das Sandmann-Lied entstehen. Wolfgang Richter komponierte es in nur drei Stunden am Klavier, Walter Krumbach schrieb rasch den Text dazu.
Was da hinter den Kulissen ablief, bekam der spätere Silly-Rocker gar nicht mit. Entscheidend ist für Thomas Fritzsching: Er gehörte damals mit seinen zehn Jahren zu den ausgewählten Chorkindern, mit denen das Sandmann-Lied aufgenommen wurde.
Sandmann-Lied: Für die Aufnahme gab es 5 DDR-Mark
Warum Fritzsching dieses Ereignis nie an die große Glocke gehängt hatte und es auch nur ganz beiläufig in seinem Buch erwähnt? „Sandig nahm mit uns öfter Lieder auf. Für eine Aufnahme bekamen wir fünf Mark. Für die Probe gab es zwei Mark.“
Der schönste Moment aus seiner Kinderchor-Zeit war ein ganz anderer. „Ich durfte in einer echten Oper mitspielen“, sagt Fritzsching. Das Werk: die 1954 in New York uraufgeführte Oper „Sandhog“ von Earl Robinson (1910–1991). „Der US-Amerikaner Leo Nedomansky hatte sie 1962 für das damalige Kleine Opernhaus in Leipzig inszeniert.“

Davor hatte Thomas Fritzsching sogar schon einen Auftritt in einer Show des DDR-Fernsehens. „Der Fernsehfunk hatte damals oft Kinder aus dem Chor für eigene Produktionen gecastet – und so landete ich am 22. Oktober 1960 in der Samstagabendsendung ,Gesucht und gefunden‘“, sagt Fritzsching. „Mit dem damals sehr populären Sänger Jiri Popper und mit Peter Wendland und seiner Tochter Christine trat ich in der Sendung auf.“
Auftritt in der ersten Rate-Show des DDR-Fernsehens
„Gesucht und gefunden“ war eine der ersten Rateshows im DDR-Fernsehen. Moderator Wolfgang Brandenstein (1929-2021) war Jahrzehnte später unter anderem der Hitschreiber von Wolfgang Lippert („Erna kommt“).
Seinen ersten Fernsehauftritt hat Thomas Fritzsching genauso wenig gesehen wie den historischen Moment, als am 22. November 1959 der Sandmann das erste Mal im DDR-Fernsehen zu sehen und das Sandmann-Lied zu hören war.
Der Grund war ganz einfach: In der DDR gab es in jenem Jahr nur 600.000 Haushalte mit einem Fernseher. „Meine Familie gehörte nicht dazu“, sagt Fritzsching.



