Er war einer der ganz großen Unterhaltungskünstler der DDR, obwohl er auch der „Kleene mit der großen Gusche“ war: Komiker Eberhard Cohrs. Der Bühnen- und TV-Star aus Sachsen war beliebt, erzählte mit seinem unnachahmlichen Charme und sächsischem Dialekt seine Witze. Doch in seiner Karriere findet sich auch ein Bruch: Eberhard Cohrs kehrte der DDR den Rücken zu. Er kehrte im Jahr 1977 nicht von einem Auftritt in West-Berlin zurück. Akten der Stasi zeigen, was die Agenten damals über die DDR-Legende schrieben – und was sie über seine Flucht aus der DDR ans Tageslicht beförderten.
Eberhard Cohrs wurde in der DDR zum Publikumsliebling
Eberhard Cohrs wurde 1921 in Dresden geboren, absolvierte erst eine Ausbildung zum Bäcker, wurde dann zur Wehrmacht eingezogen. Nach dem Krieg absolvierte der Komiker seine ersten Auftritte auf der Bühne. Zuerst trat er in Varietés in Dresden auf, später kamen Engagements in Leipzig hinzu.
Schnell wurde Eberhard Cohrs als „Der Kleene mit der großen Gusche“ zum Publikumsliebling. Er stand in zahlreichen Kabarett-Programmen auf der Bühne, kam über Heinz Quermann ins DDR-Fernsehen und trat im Berliner Friedrichstadt-Palast auf. Und auch in Filmen spielte er mit, etwa im DEFA-Klassiker „Hauptmann Florian von der Mühle“.
Doch die DDR wurde ihm zu klein: 1977 sollte er in West-Berlin im „Klubhaus der Eisenbahner“ auftreten – und nutzte die Gelegenheit zur Flucht in den Westen. Aus Akten des Ministeriums für Staatssicherheit geht hervor, was die Stasi-Spitzel über die Flucht von Cohrs ans Tageslicht brachten.
Eberhard Cohrs sei am 19. Februar 1977 mit seiner Ehefrau Dagmar mit einem Pkw der Marke Lada über den Grenzübergang Invalidenstraße nach West-Berlin ausgereist, heißt es in einem Dokument von damals. Doch seine Frau sei gegen 21.40 Uhr allein mit dem Reiseleiter der zuständigen Künstleragentur zurück über die Grenze gefahren.
1977 trat Eberhard Cohrs in West-Berlin auf
Die Künstleragentur der DDR hatte laut Staatssicherheit die Organisation der Veranstaltung übernommen. Es handelte sich um eine KArnevalsveranstaltung im Klub der Eisenbahner in Halensee.
„Cohrs hatte sich am 13.2.1977 von der Künstleragentur die Genehmigung eingeholt, selbstständig nach Westberlin-Halensee ausreisen zu können, da er angeblich wegen anderer Verpflichtungen im Zeitdruck sei“, heißt es in den Dokumenten. Doch zur vereinbarten Zeit sei er nicht erschienen.

So clever floh Eberhard Cohrs in den Westen
Stattdessen rief seine Frau laut dem Bericht den Reiseleiter der Künstleragentur an und sagte, Eberhard Cohrs sei verschwunden. Der Hintergrund: Das Ehepaar Cohrs traf sich laut Stasi-Bericht an jenem Tag in West-Berlin mit einem anderen Ehepaar. Nach einem Stadtbummel und einem Besuch in der Gaststätte zogen sich beide Paare noch in die Wohnung der West-Berliner Eheleute zurück.
Gegen 17.30 Uhr seien beide Ehepaare mit dem Pkw der West-Berliner Familie in die Nähe des Hotels „Berlin“ gefahren, denn dort hatte Eberhard Cohrs seinen Lada abgestellt. Die beiden Frauen warteten an einem Auto. Die Männer zogen los, um den Lada von Cohrs zu holen.
Sie teilten sich auf, weil der Komiker laut den von der Stasi erfassten Aussagen nicht mehr genau sagen konnte, wo er das Auto abgestellt hatte. Von der Suchaktion kehrte er dann aber nicht zum Auto des anderen Paares zurück. Er hatte den Moment genutzt, um sich abzusetzen. Die Suche seiner Ehefrau und der anderen Eheleute nach dem Komiker sei ergebnislos verlaufen, schrieb die Stasi.
Flucht von Eberhard Cohrs: Ein großes Rätsel für die Stasi?
Ein cleverer Schachzug von Eberhard Cohrs und seiner Familie – und offenbar ein großes Rätsel für die Stasi. Denn warum Eberhard Cohrs es vorzog, nicht in der DDR zu bleiben, konnten sich die Mitarbeiter damals scheinbar noch nicht erklären. Zumindest klingt es in den Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit so.
„Nach den dem MfS vorliegenden Hinweisen sind die familiären und finanziellen Verhältnisse von Cohrs geordnet. Er besitzt ein komfortabel eingerichtetes Einfamilienhaus am Scharmützelsee.“ Außerdem habe er enge Bindungen an Ehefrau und sein damals vier Jahre altes Kind gezeigt.

Zudem sei der Komiker schon mehrfach in West-Berlin gewesen. „Dabei wurden im Zusammenhang mit seinem Auftreten keine negativen Anhaltspunkte bekannt.“ Außerdem hätten mit ihm „bisher in der DDR keinerlei ernsthafte politische und fachliche Auseinandersetzungen“ geführt werden müssen.
Erst später wurde bekannt, warum Eberhard Cohrs tatsächlich die DDR verlassen hatte: Ihm drohte ein Berufsverbot, weil die Witze über Versorgungsengpässe und die Nöte der Bevölkerung der DDR-Regierung nicht mehr passten. „Was ich sagen durfte, darüber hat niemand gelacht und worüber mein Publikum gelacht hätte, das durfte ich nicht sagen“, sagte der Komiker Jahre später in einem Interview.

DDR sicherte das Vermögen von Eberhard Cohrs
Seine Familie – Ehefrau Dagmar und das damals vier Jahre alte Kind – konnten nach der Flucht von Eberhard Cohrs später im Rahmen der Familienzusammenführung nachreisen.
„Auf der Grundlage des vom MfS gegen Cohrs, Eberhard, eingeleiteten Ermittlungsverfahrens erfolgte eine konkrete Feststellung und Sicherung seiner Vermögenswerte in der DDR“, heißt es im Stasi-Bericht außerdem. Cohrs selbst versuchte, seine Karriere im Westen neu zu starten. Doch er scheiterte, weil viele Menschen dort seinen Dialekt nicht verstanden (KURIER berichtete).



