Schätze aus der DDR

„Fasse dich kurz!“ Die Geheimnisse der Telefonzellen in der DDR

In einem Bildband zeigt das DDR Museum Berlin 1000 Objekte aus dem Fundus. Der KURIER stellt einige davon vor. Heute: Die letzte Telefonzelle der DDR.

Author - Florian Thalmann
Teilen
Es war nicht so leicht, zu DDR-Zeiten an ein Telefon zu kommen. Die gelben Telefonzellen erfüllten daher einen wichtigen Zweck.
Es war nicht so leicht, zu DDR-Zeiten an ein Telefon zu kommen. Die gelben Telefonzellen erfüllten daher einen wichtigen Zweck.United Archives/imago, DDR Museum Berlin

Heute läuft jeder mit einem Mini-Computer in der Tasche durch die Gegend – einer, mit dem man obendrein noch telefonieren kann. Doch zu DDR-Zeiten war das anders! Wie schwierig es war, jemanden anzurufen, zeigen auch heute noch Relikte im Depot des DDR Museum. Zu den größten gehört eine echte Telefonzelle aus Honeckers Zeiten – die gelben Zellen waren aber nicht nur ein Ort zum Telefonieren. Sondern auch einer, an dem sich Dramen abspielten. Eine der letzten ihrer Art hat es nun auch in den neuen Bildband „Die DDR in Objekten“ des Museums geschafft. Wir erzählen die Geschichte dahinter.

Telefonzelle gehört zu den größten Schätzen aus der DDR

Wie ein Denkmal steht sie da, im Fahrzeug-Depot des DDR Museum in Berlin-Marzahn. Eine große Halle, gefüllt mit unzähligen Motorrädern. Und in einer Ecke daneben: eine Telefonzelle aus der DDR. Das Gelb ist inzwischen etwas verwaschen, die Zelle, einst ein seltener Ort der Verständigung, hat an vielen Stellen Rost angesetzt. Die Glasscheiben sind Geschichte – und auch das Telefon lange weg. „So einen Apparat suchen wir noch“, sagt Sammlungsleiter Eric Strohmeier-Wimmer.

Bisher hatten die Macher des DDR Museum Berlin aber kein Glück – wie soll man auch mehr als 35 Jahre nach der Wende etwas finden, das schon zu DDR-Zeiten Mangelware war? Zwar gab es damals Telefonzellen, aber vielerorts musste erst darum gekämpft werden. Die Bevölkerung wollte sie, weil nur die wenigsten Haushalte einen eigenen Telefonanschluss hatten. „Das war ein Problem, das in der DDR bis zum Ende nicht gelöst werden konnte – und auch nicht gelöst werden wollte, aus politischen Gründen“, sagt Strohmeier-Wimmer.

Relikt aus der DDR: Diese Telefonzelle steht heute im Depot des DDR Museum Berlin.
Relikt aus der DDR: Diese Telefonzelle steht heute im Depot des DDR Museum Berlin.DDR Museum Berlin

Nur 18 Prozent der Bevölkerung hatten ein eigenes Telefon, wesentlich weniger als in der Bundesrepublik. „In der Regel ist man auch nur an einen Anschluss gekommen, wenn man eine gewisse Funktion hatte.“ 

Wie problematisch die Beschaffung von Telefonanschlüssen war, zeigen auch Eingaben, die im Depot des Museum schlummern. Hier forderten Bürgerinnen und Bürger die Einrichtung von Münzfernsprechern – ein Anliegen, das vom Fernsprechamt Berlin zum Leidwesen der Betroffenen immer wieder abgelehnt wurde. „Uns stehen weder freie Schaltwege noch Anschluß-Rufnummern zur Verfügung“, hieß es beispielsweise in einer Antwort auf eine Eingabe von 1977.

Vor Telefonzellen der DDR bildeten sich Schlangen

Kein Wunder, dass sich dort, wo es die gelben Kästen mit einem Telefonanschluss gab, lange Schlangen bildeten. „Sie standen meistens an den Postzentralen, manchmal auch in größeren Wohngebieten“, erinnert sich Eric Strohmeier-Wimmer. Das Telefonieren an sich war teuer – die Geräte schluckten Münzen über Münzen. Und doch waren die Zellen schon aufgrund ihrer Seltenheit ein wichtiger Ort in Zeiten, in denen man sonst nur über die Post kommunizieren konnte.

So sah es im Inneren der Telefonzellen aus der DDR aus. In der Zelle, die das DDR Museum Berlin aufbewahrt, fehlt heute aber leider das Telefon.
So sah es im Inneren der Telefonzellen aus der DDR aus. In der Zelle, die das DDR Museum Berlin aufbewahrt, fehlt heute aber leider das Telefon.Jürgen Ritter/imago

Jeder hat andere Erinnerungen an die gelben Häuschen. Manch einer sieht noch das kleine Schild mit der Aufschrift „Fasse dich kurz!“ vor sich, das lange Gespräche unterbinden sollte, schließlich wollte jeder mal telefonieren. Andere erinnern sich an andere Details. „Ich habe den Geruch noch in der Nase“, sagt Simone Uthleb, Sprecherin des DDR Museum Berlin. Denn manch einer nutzte die Münzfernsprecher auch, um sich zu erleichtern – zum Leid aller, die telefonieren wollten.

Infobox image
DDR Museum Berlin
Die DDR in Objekten
Das neue Buch „DDR in Objekten“ (DDR Museum Verlag GmbH, 49 Euro) ist bereits der dritte Band der gleichnamigen Reihe. Es widmet sich unter dem Titel „Arbeit, Wirtschaft und Politik“ der Arbeitswelt der DDR, aber auch den Bereichen Bildung, Gesundheitswesen und Kommunikation. 1000 Objekte aus dem Depot des DDR Museum Berlin werden hier vorgestellt – der KURIER zeigt rund um die Veröffentlichung des Buches eine Auswahl. Weitere Informationen unter www.ddr-museum.de

Telefonzellen der DDR: Hier passierten Dramen des Alltags

Und die Zellen waren Orte, an denen die Dramen des Alltags passierten. „Da wurden Liebesbeziehungen begonnen und beendet, Gesundheitsprobleme erläutert – und manchmal hat man das alles als Nichtbeteiligter auch live mitbekommen“, sagt Strohmeier-Wimmer. „Sie wurden eher unfreiwillig zu einem sozialen Platz, der notwendig war, um über weite Strecken zu kommunizieren. Die Telefonzellen waren ein zentraler Erinnerungsort, den es heute nicht mehr gibt.“

Mit der Wende begann das Ende der Telefonzellen

Denn die Münzfernsprecher fanden über die Jahre nach und nach ein Ende. In der Übergangszeit und Anfang der 90er-Jahre waren sie noch wichtig. Uthleb erinnert sich, dass es an der Frankfurter Allee sogar eine Telefonzelle gab, mit der man in der wilden Zeit zwischen dem Ende der DDR und der Wiedervereinigung in den Westen telefonieren konnte. „Da war immer eine riesige Schlange“, sagt sie. 

Das Einrichten von Festnetzanschlüssen war dann mit der Zeit  immer weniger ein Problem – und mit dem Siegeszug der Handys und später der Smartphones wurden die öffentlichen Fernsprecher überflüssig.

Im Depot des DDR Museum Berlin in Marzahn lagern 400.000 Objekte aus der DDR-Zeit. Nur einige davon werden in der Ausstellung in der Karl-Liebknecht-Straße 1 in Mitte ausgestellt.
Im Depot des DDR Museum Berlin in Marzahn lagern 400.000 Objekte aus der DDR-Zeit. Nur einige davon werden in der Ausstellung in der Karl-Liebknecht-Straße 1 in Mitte ausgestellt.DDR Museum Berlin

Telefonzelle aus der DDR hat leider kein Telefon mehr

Im Depot des DDR Museum Berlin steht die Telefonzelle, ihr leuchtendes Gelb weckt Erinnerungen an vergangene Zeiten. Im neuen Bildband „Die DDR in Objekten“ wurde der Zelle nun auch ein Denkmal gesetzt. Vielleicht wird sie irgendwann wieder in einer Ausstellung stehen – vorausgesetzt, es findet sich doch noch ein Telefon. Die Museumsmacher machen es wie alle, die in der DDR auf einen der begehrten Anschlüsse warteten: Sie geben die Hoffnung nicht auf.

Welche Erinnerungen haben Sie an Telefonzellen in der DDR? Schicken Sie uns eine Nachricht an wirvonhier@berlinerverlag.com. Wir freuen uns auf Ihre Zuschriften!