Es gibt Relikte aus der DDR, die damals eine wichtige Rolle im Alltag vieler Menschen spielten, über die man heute aber oft nur schmunzeln kann. Gleich mehrere finden sich im Depot des DDR Museum in Berlin: Brigadetagebücher! Sie schlummern in Kisten, meist in knallrotem Einband – und wer die schweren Buchdeckel öffnet, der begibt sich auf eine Reise in die Vergangenheit. Wofür waren sie da, was stand drin – und was verraten sie über die Arbeitswelt in der DDR?
Brigadetagebücher aus der DDR sind kleine Zeitmaschinen
Unscheinbar sieht das Buch aus, wie es im Depot des DDR Museum Berlin auf einem Tisch liegt. Der Buchdeckel rot, eingeprägt in goldener und geschwungener Schrift das Wort „Brigadebuch“.
Und drinnen seitenweise Erinnerungen an eine Welt, die heute unfassbar fremd erscheint: Mit Schreibmaschine eng beschriebene Seiten, in denen Zeugnis über die Arbeitsleistung der Firma abgelegt wird, der dieses Buch gehörte. Doch zwischendrin auch handschriftlich beschriebene Seiten, versehen mit Fotos und Aufklebern, in denen es um Hochzeitsfeiern und Wanderausflüge geht.
Brigadebücher in der DDR: Sie sind noch heute ein wichtiges Zeitzeugnis für alle, die etwas über die Arbeitswelt in der damaligen Zeit erfahren wollen. Denn über Jahrzehnte waren sie ein wichtiger Teil des Arbeitsalltags in der DDR. Die Idee, solche Bücher führen zu lassen, entstand laut Überlieferung nach der „Bitterfelder Konferenz“ von 1959. Hier wurde der Grundstein für den „Bitterfelder Weg“ gelegt, ein neues Kapitel in der sozialistischen Kulturpolitik. Ziel war es, die „wachsenden künstlerisch-ästhetischen Bedürfnissen der Werktätigen“ zu befriedigen.
in Brigadetagebücher lernt man viel über die DDR
Ab 1960 dann wurden viele Arbeiter zu kleinen Schriftstellern: Die Geschichte der Brigadetagebücher begann. Dokumentiert wurden wichtige Dinge aus dem Arbeitsalltag der Kombinate, um die Leistung der Betriebe zu zeigen. Doch im Buch landete auch vieles, was mit dem Sozialleben zu tun hatte.

Das Buch, das nun auf dem Tisch liegt, ist ein perfektes Beispiel für diesen Teil der DDR-Geschichte. Es gehörte dem Betriebspoliklinik Kombinat VEB Chemische Werke Buna. Wenn man sich durch die vergilbten Seiten blättert, lernt man viele Dinge.
Etwa, dass das Kollektiv im zweiten Quartal des Jahres 1977 vorbildlich arbeitete, dass aber „trotz des zweckgebundenen und koordinierten Einsatzes der PKW“ insgesamt 3.840 Kilometer verfahren wurden. Dass drei Drehhocker, eine Brotschneidemaschine und ein Probierbrillengestell für Kinder angeschafft wurden. Und dass sich die Mitarbeiter des Kollektivs an den Gruppenversammlungen beteiligten.

Ausflug ins Schwimmbad, um fit und schlank zu bleiben
Aber eben auch, dass die Kolleginnen Pelz, Bohm und Bergmann am 5. März um 16 Uhr einen Ausflug ins Schwimmbad „Lauchagrund“ machten. „Wer möchte nicht gern fit und schlank bleiben. Doch wie viele Stunden werden im weichen Sessel vor dem Fernseher verbracht und damit bekanntlich die eigene Gesundheit vernachlässigt“, schrieb Kollegin Bergmann. Ohne Aufenthalt sei es deshalb im Schwimmbad in die Umkleidekabine und anschließend unter die Dusche gegangen. „Und dann bewegten wir uns 45 Minuten intensiv im Schwimmbecken.“
Am 23. April ging es für die Brigade zum Ausflug in die Dölauer Heide. Der Hunger nach der Wanderung wurde in der Gaststätte „Hubertus“ gestillt. „Von der Bewirtung und Bedienung waren alle sehr enttäuscht“, schreibt eine Kollegin. „So machte sich in den Reihen unserer Ausflügler eine Verstimmung bemerkbar. Jeder zog es vor, nach Haus zu fahren.“ Das traurige Ende eines schönen Ausfluges mit viel frischer Luft und „Meilenbewegung“, schildert die Autorin.

Man könnte ewig in den Brigadebüchern aus der DDR lesen und sich erfreuen an den schönen Momenten, die hier beschrieben sind – doch für viele Historiker läuft man damit auch Gefahr, direkt in eine Lüge zu schlittern. Denn wie viele Dinge in der DDR verfolgten auch die Brigadebücher ein Ziel – sie dienten als Mittel zur Selbsterziehung im Arbeitskollektiv und dem Prägen „sozialistischer Verhaltensweisen“. Das Führen war Vorgaben unterworfen, deren Einhaltung durch Betriebs- und Betriebsgewerkschaftsleitung überprüft wurde.

Brigadebücher aus der DDR zeigen keine Schattenseiten
Der Inhalt war deshalb natürlich kuratiert, erklärt Eric Strohmeier-Wimmer, der Sammlungsleiter des DDR Museum Berlin. „Die Leute haben nur Dinge da reingeschrieben, die sie in besonders gutem Licht dastehen ließen. Wir werden darin keine Unfallberichte oder Ähnliches finden.“ Was man hier liest, sei entsprechend eine sehr positive Sicht auf das Brigadeleben gewesen – und zeige wenig Schattenseiten. Aus Sicht eines Historikers müsse man kritisch mit dem Inhalt umgehen. „Ich habe in den Büchern noch nie etwas Negatives gesehen.“

Tagebücher zeigen, wie man Honeckers Geburtstag feierte
Strohmeier-Wimmer hat viele der Bücher durchgeblättert: Mehrere Dutzend davon schlummern im Depot des DDR Museum Berlin, vier haben es in den neuen Bildband „Die DDR in Objekten“ geschafft. Spannend dabei ist, wie einheitlich sie waren.
„Es gab sogar vorgedruckte Ausschneidebögen, aus denen man Dinge wie die Symbole der SED, der FDJ oder der NVA ausschneiden konnte, um die Bücher zu gestalten.“ Auch die Feiertage wurden gewürdigt – so finden sich in den meisten Büchern Einträge, wie das Kollektiv den 1. Mai, den Frauentag oder den Geburtstag von Erich Honecker beging.
Doch zwischendrin dann plötzlich das: An einem Tag feierte ein späteres Ehepaar Polterabend – und steuerte anschließend eine Seite zum Brigadebuch bei. „Da kamen die Kollegen und überbrachten Glückwünsche, Geschenke und zwei Karten fürs Schlagerstudio.“
Am 9. März 1977 ging es für die beiden ins Haus der Freundschaft. „Es erklangen viele schöne Melodien, die das Publikum begeisterten.“ Das gleiche Paar bekam später übrigens auch Nachwuchs – im Mai 1977. „Sie wünschten sich ein Mägdelein, Nanett sollte ihr Name sein“, hat eine Mitarbeiterin hier gedichtet. Die Brigadebücher aus der DDR kannten anscheinend keine Geheimnisse.






