Mit dem Ende der DDR landeten viele Dinge im Müll – vieles, was vorher den Alltag im Osten bestimmte, wurde plötzlich nicht mehr gebraucht. Die Container des Landes füllten sich mit allem, was von der gescheiterten Republik übrig war. Viele der Objekte, die damals plötzlich Abfall wurden, werden in einem neuen Bildband des DDR Museum Berlin gezeigt – und einige ab Mittwoch auch in einer Sonderausstellung. Darunter ist auch ein unscheinbares Stück Metall mit besonderer Geschichte. Wir verraten, was es damit auf sich hat.
Besonderes Objekt aus der DDR gibt Rätsel auf
Auf den ersten Blick sieht es aus wie ein Objekt von einem anderen Planeten. Das Stück Metall, das in einer Vitrine des DDR Museum Berlin hängt, schimmert im Licht der Museumslampen. Die Form ist merkwürdig, erinnert an den Fuß eines sehr windschiefen Sofas.
Hier und da ist es etwas abgenutzt, das Metall angekratzt. Gäbe es direkt daneben nicht ein Foto – kaum einer würde erkennen, worum es sich bei diesem Gegenstand handelt. Und das, obwohl zu DDR-Zeiten täglich Tausende Menschen daran vorbeiliefen. Erkennen Sie dieses kleine Stück Metall – und wissen Sie, wohin es gehörte?

Wir lösen das Rätsel: Es handelt sich um die sehr große Nachbildung eines Getreidekorns. Es hing in einem Ährenkranz – und der wiederum schmückte das Staatsemblem der DDR an der Fassade des Palast der Republik. „Es ist das speziellste Stück, das wir in der neuen Ausstellung zeigen“, sagt Sören Marotz, der Ausstellungsleiter des Museums. Das Korn steht sinnbildlich für den Abriss der DDR – und für die Zeit, zu der ein ganzer Staat quasi über Nacht im Abfall landete.
Gestiftet hat es der Architekt Dieter Bankert, der an der Gestaltung der Fassade des Palastes beteiligt war. „Ich habe ihn in Dessau besucht“, sagt Sören Marotz. Sie sprachen über den Palast der Republik, im Volksmund auch „Erichs Lampenladen“ genannt.
Der Bau stand in Mitte, die Volkskammer der DDR hatte hier ihren Sitz. Doch der Palast war auch ein Kulturhaus, in dem Veranstaltungen stattfanden. Außerdem gab es Restaurants, Bier- und Weinstuben, Mocca- und Eisbars, Disco und Bowlingbahn. Nach 2006 wurde der Palast dann abgerissen, das monumentale Gebäude verschwand.

Vieles aus der DDR landete nach der Wende im Müll
Was von damals aus dem Palast der Republik übrig blieb und nicht im Container landete, schlummert heute auch im Depot des DDR Museum Berlin: Geschirr, Lampen, sogar ein Stück echter Asbest. Und nun auch das Korn aus Metall. Denn bei seinem Besuch führte Architekt Dieter Bankert Sören Marotz in den Keller, zeigte ihm den besonderen Schatz.
„Vor dem Abriss des Palastes gab es eine Art Abrissparty mit Menschen, die damals am Bau beteiligt waren. Sie konnten sich damals Erinnerungsstücke an den Palast mitnehmen“, sagt Marotz. Bankert, inzwischen 88 Jahre alt, hatte das Gefühl, dass das Korn im Museum gut aufgehoben sein könnte – und überließ es der Ausstellung.

Es ist nicht das einzige Objekt, das es in die neue Sonderausstellung geschafft hat. Zu sehen sind auch Straßenschilder, die für ein weiteres Kapitel der Entsorgung der DDR stehen. „Nach der Wende wurden zahlreiche Straßennamen geändert“, sagt Sören Marotz.

Nach dem Ende der DDR waren manche Namen, die im sozialistischen Staat eine tragende Rolle gespielt hatten, im Straßenbild nicht mehr erwünscht – eine „Straße der Jungen Pioniere“ brauchte man etwa nicht mehr. Andere gibt es noch heute. „Dass sich unser Museum in der Karl-Liebknecht-Straße 1 befindet – passender könnte es kaum sein“, sagt Marotz und lächelt.

Straßennamen wurden nach dem Ende der DDR entsorgt
Manche Straßen wurden auch neu benannt, um Dopplungen zu vermeiden. „Und viele Straßen, die in der DDR nur mit einer Nummer bezeichnet waren, bekamen erstmals einen richtigen Namen“, sagt der Ausstellungsleiter.
Das, was davon übrig blieb, sind die Straßenschilder – sie wurden von offiziellen Stellen abgeschraubt, um die Umbenennung von Straßen zu vollziehen. Und manchmal auch von Privatpersonen abmontiert, die sich ein Stück DDR-Geschichte für den eigenen Partykeller sichern wollten. Nun schlummern sie in den Museumsvitrinen.

Daneben ein großes Glas voller Abzeichen und Anstecknadeln. „In der DDR wurden ständig für alles Auszeichnungen verliehen“, sagt Marotz. Auch sie sind ein gutes Symbol für das Land, das im Abfall landete. „Mit der Wende waren die meisten davon nur noch Ramschware.“
Doch die Ausstellung „Ein Land im Container“, die am Mittwoch um 18 Uhr im Konferenzraum des Museums eröffnet wird, zeigt auch andere Fälle – Dinge, die nach der Wende überlebten, sogar übernommen wurden. Ein Beispiel ist das Design des Ampelmännchens, das noch heute viele Fußgängerüberwege schmückt. Für manche Dinge aus der DDR gab’s nach der Wende also buchstäblich grünes Licht.




