Im September 1985 wird Jörg Schröter zum Wehrdienst eingezogen. Weil der damals 19-Jährige bei der Marine sein will, muss er sich für drei Jahre fest verpflichten. Sein Zuhause wird für diese Zeit das DDR-Raketenschiff „Hans Beimler“.
Der junge Matrose wird 1985 nach Dranske verlegt
Nach seiner Grundausbildung wird der junge Matrose im November 1985 nach Dranske auf die Insel Rügen verlegt. „Ich hatte die Arschkarte“, erzählt Schröter rückblickend dem Berliner KURIER. Denn: Seine Vorgesetzten hätten ihn auch für Rostock-Warnemünde, Peenemünde auf Usedom, Sassnitz, Parow oder Kühlungsborn einteilen können. Doch sie entscheiden sich für die Gemeinde im Norden von Rügen.
Junges Team übernimmt Schiff von der Sowjetunion
Dort kommt Schröter im Frühjahr 1986 mit der „Hans Beimler“ in Berührung. Auf dem 56 Meter langen und mit vier Raketen bestückten Kriegsschiff wird er Besatzungsmitglied. Er ist damit Teil einer jungen Mannschaft, die das Schiff von der Sowjetunion übernimmt.
Schröter gehört zur Gefechtsstation 1 und ist als Navigator tätig. Er ist verantwortlich für die Lenkung des Schiffes, liest Karten, hantiert mit dem Sextanten, schreibt das Logbuch.

Einmal wird von dem Schiff aus geschossen
Aus seiner Zeit auf der „Hans Beimler“ bleibt ihm besonders die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl vom 26. April 1986 in Erinnerung.
Einmal, sagt der 59-Jährige, sei sogar eine Rakete von dem Schiff aus abgefeuert worden. Das sei in Polen in einem Schießgebiet passiert. Doch: „Wenn die Rakete abgeschossen war, hattest du keine Farbe mehr auf dem Schiff“, sagt Schröter schmunzelnd.
Probleme hatten wir mit dem Schiff im Prinzip jedes Mal, wenn wir schnell gefahren sind. Dann gab es Risse in den Propellern.
„Hans Beimler“ muss ständig in die Werft
Der Satz hat einen ernsten Hintergrund. Weil das Schiff ständig Probleme bereitet und gefühlt an jeder Ecke etwas kaputt ist, ist es ständig in der Werft. „Probleme hatten wir mit dem Schiff im Prinzip jedes Mal, wenn wir schnell gefahren sind. Dann gab es Risse in den Propellern“, erzählt Schröter, der ursprünglich aus Teltow stammt, jahrelang in Berlin gelebt hat und heute in Königs Wusterhausen wohnt.
Die Probleme halten jahrelang an. Auch 1987 ist das Schiff in der Werft in Peenemünde. Wieder gibt es etwas zu reparieren. Danach zieht die Truppe in die Hafenstadt Klaipėda (heute Litauen) weiter. Wieder gibt es Probleme mit den Propellern. Die Sowjetunion soll den Schaden in Form einer Garantie reparieren.

Über die Sicherheit wird nicht groß nachgedacht
Wie fühlt man sich auf einem Schiff, das ständig Probleme hat? Fühlt man sich da noch sicher? „Wir haben nicht darüber nachgedacht“, entgegnet Schröter. „Das war unser Schiff.“ Damals sei man noch jung, unerschrocken und unbeschwert gewesen.
Unter den Kameraden habe es daher ständig geheißen: „Wenn der Westen mit einem Stein schmeißt, dann gehen wir unter und dann hat's sich.“ Eigentlich war man nie einsatzbereit. Erst mit den Jahren habe er sich Gedanken darüber gemacht. Heute sieht er viele Dinge anders.
Schröter lernt als Matrose seine spätere Frau kennen
Die Zeit auf dem Schiff beschert Schröter, der heute Chefkoch einer Kita ist, nicht nur Reisen, Abenteuer und Herausforderungen., sondern auch die Liebe seines Lebens.
Bei einem Landgang 1986 geht er, eigentlich widerwillig, mit seinen Kumpels in Dranske in die Disco. Dort lernt er, wie er sagt, im Vollrausch seine damalige Freundin kennen. „Sie war auch leicht betrunken“, erzählt Schröter. Dann habe man sich ein paar Mal getroffen. Bis heute sind die beiden zusammen, verheiratet und haben zwei erwachsene Kinder.

1988 ist Schluss auf der „Hans Beimler“
1988 endet seine Zeit auf der „Hans Beimler“. Die Erinnerungen daran sind aber weiter präsent. Umso mehr freut sich Schröter, dass das letzte größere Kampfschiff der Volksmarine, das in Deutschland noch existiert, jetzt wieder unterwegs ist.
Denn: Nach einem Werftaufenthalt in Wolgast ist das Museumsschiff weitgehend wieder instand gesetzt und auf dem Rückweg zu seinem Liegeplatz in Peenemünde.

Museumsschiff wird fit für die nächsten Jahre gemacht
Ursprünglich existierten von dieser Klasse fünf Einheiten, heute ist die „Hans Beimler“ die letzte Überlebende, wie Schatzmeister Lutz Hübner vom Förderverein Peenemünde erklärt.
Der Werftaufenthalt war nötig, um das Museumsschiff fit für die kommenden Jahre zu machen. Auf der Peene-Werft wurde vor allem der Bereich des Rumpfes, der normalerweise unter Wasser liegt, neu konserviert. Auch der Mast bekam einen frischen Schutzanstrich. Zuletzt war das Schiff 1993 auf einer Werft gewesen.

Kosten liegen bisher bei 100.000 Euro
Ganz fertig sind die Arbeiten noch nicht. In diesem Jahr soll bei einem Arbeitseinsatz auch das Deck gestrichen werden. „Durch die vielen Besucher müssen wir das öfter machen.“
Besucher gibt es reichlich: Rund 18.000 Menschen kamen im vergangenen Jahr an Bord der „Hans Beimler“, um sich ein Bild von der Technik und Geschichte der Volksmarine zu machen.
Günstig war die Frischzellenkur allerdings nicht. Allein der Werftaufenthalt kostete rund 100.000 Euro, dazu kommen noch die Kosten für die Schlepper. Finanziert wurde das Ganze aus Eintrittsgeldern, Vereinsmitteln und Spenden.




