Seit Jahren gibt es das DDR Museum in der Karl-Liebknecht-Straße in Mitte, tagtäglich werfen hier unzählige Besucher einen Blick in die Vergangenheit. Unzählige Besucher? Nicht ganz. Denn gezählt wurde fleißig. Und nun gab es ein Jubiläum: Sagenhafte zehn Millionen Menschen waren schon in der Ausstellung zu Gast. Die zehnmillionste Besucherin wurde jetzt begrüßt: Es war Silvia Wieland aus Lichtenberg. Im KURIER erinnert sich die Seniorin (75) an den Alltag in der DDR.
Berlinerin (75) erlebte die DDR schon vor dem Mauerbau
Silvia Wieland wurde in Berlin geboren, wuchs zusammen mit einer Freundin in Weißensee auf. „In den Hinterhöfen in Weißensee, in der tiefsten DDR – das ist für mich Kindheitserinnerung pur“, sagt die 75-Jährige dem KURIER. Geboren wurden beide Frauen 1950.
Sie erlebten die DDR vor dem Mauerbau und danach, „wir haben so vieles miterlebt“, sagt Wieland. Doch ihre Wege führten sie in verschiedene Richtungen. „Meine Freundin wohnt heute in Dittmarschen. Jetzt kam sie mich besuchen.“ Ihr Sohn arbeitet als Taxifahrer – und gab den Tipp, doch mal ins DDR Museum zu gehen.
Als Wieland dort um die Ecke bog, warteten schon die Museumsmacher mit einem Präsentkorb inklusive „goldenem Ticket“: Für die 75-Jährige gibt es lebenslang freien Eintritt ins Museum. „Ich dachte erst, das ist ein Scherz“, sagt sie. „Einmal im Monat werde ich das nutzen“, sagt sie. Schließlich war der Besuch, der sie zur Museums-Jubilarin machte, ihr allererster in der Ausstellung in der Karl-Liebknecht-Straße. Und da gab es schon bei der ersten Stippvisite einiges zu entdecken.

Beim Anblick des Büros, das inmitten des Museums aufgebaut ist, kamen bei Wieland etwa schnell Erinnerungen hoch. Es ist nicht irgendein Schreibtisch, der hier steht: Der riesige Tisch in T-Form kommt aus dem Rathaus in Frankfurt an der Oder.
„Meine Freundin entdeckte im Schreibtisch auch Schnaps“, sagt die 75-Jährige. Sie selbst arbeitete früher bei der BVG am Alexanderplatz. „Da war auch Schnaps im Schreibtisch.“ Wieland lacht. „Natürlich nicht bei mir, aber bei meinem Chef.“
In der DDR war Schnaps im Schreibtisch
Sie war Sekretärin, wurde sogar zum Einkaufen geschickt, erinnert sie sich. „Da ging es in die Markthalle am Alexanderplatz. Das kam ja damals kein Geld.“ 6,70 Mark bezahlte sie für die Flasche, erinnert sie sich. „Dann wurde Prost gesagt. Und ich konnte früher Feierabend machen, wenn die Chefs lustig waren.“

Auch andere Dinge erinnern sie an früher: Der ausgestellte Trabi, auch wenn ihre Familie selbst keinen hatte. „Das konnten wir uns nicht leisten.“ Dafür fuhr ihr Papa auf einer Simson, wie sie im Museum steht. Auch in der DDR-Küche, die im Museum aufgebaut ist, staunte Wieland. „Ich habe sogar selbst noch Kochtöpfe und Steintöpfe von damals in Benutzung.“
Schöne Erinnerungen hat sie auch an ihre Kindheit, verrät sie. „Wir haben als Kinder so viel draußen gespielt. Sachen wie Hopse und ,Meister, Meister, gib uns Arbeit“, erzählt sie. Smartphones konnte man sich noch nicht einmal vorstellen. „Heute sitzen alle mit den Handys rum, das kann ich alles nicht verstehen. Ich fahre oft mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, da tippen Mama und Papa auf dem Handy rum und reagieren gar nicht, wenn das Kind was will.“

Die DDR sei keine schlechte Zeit gewesen. „Wir sind da gut groß und auch satt geworden, hatten gute Schule und eine gute Erziehung.“ Zurückholen möchte sie die damalige Zeit trotzdem nicht. Muss sie auch nicht: Ab jetzt kann sich Silvia Wieland die Relikte aus der DDR im Museum anschauen. Und das, wenn sie möchte, sogar jeden Tag.



