KURIER-Kommentar

Von der DDR zur Demokratie: Wo sind die Grenzen der freien Meinung?

Wie freie Meinungsäußerung zur Illusion wird: Erinnerungen an die DDR und die heutige Realität.

Author - Norbert Koch-Klaucke
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Wenn Menschen in Deutschland miteinander reden: Die Mehrheit der Deutschen hat das Gefühl, dass man heute nicht mehr alles sagen darf wie früher.
Wenn Menschen in Deutschland miteinander reden: Die Mehrheit der Deutschen hat das Gefühl, dass man heute nicht mehr alles sagen darf wie früher.KURIER-Illustration (von KI erstellt)

Ich bin in der DDR aufgewachsen. Und ich weiß daher ganz gut, was es bedeutet, wenn man seine Meinung nicht frei äußern darf. Schon in der Verfassung stand genau drin, was man sagen und was man nicht sagen durfte. Zwar hatte jeder das Recht auf Meinungsfreiheit – aber die Führungsrolle der SED und den Sozialismus durfte man nicht in Frage stellen. Der SED-Staat regelte schon sehr genau, wie weit die Gedanken frei sein durften.

In der DDR wurden Wahrheiten zwischen Zeilen gepackt

Öffentliche berechtigte Kritik an dem Staat war tabu. Wer sie dennoch äußerte, machte schnell Bekanntschaft mit der Stasi und dem Gefängnis. Man musste schon höllisch aufpassen, mit wem man offen reden und wem man seine Gedanken anvertrauen konnte.

Ulrich Mühe als Stasi-Mann in dem Film „Das Leben der Anderen“: Diese Szene hat sich als Symbol des Abhörens ins kollektive Gedächtnis eingebrannt.
Ulrich Mühe als Stasi-Mann in dem Film „Das Leben der Anderen“: Diese Szene hat sich als Symbol des Abhörens ins kollektive Gedächtnis eingebrannt.imago stock&people

Um nicht in Gefahr zu geraten, entwickelten wir Ostdeutschen eine besondere Kunst. In öffentlichen Texten oder Liedern wurden unangenehme Wahrheiten geschickt verpackt. Man musste schon recht gut zwischen den Zeilen lesen oder hören können.

Eine Eigenschaft, die leider heute wieder Anwendung findet. Sarrazins Vergleich der heutigen Zustände mit denen in der DDR ist durchaus berechtigt.

Auch in der Demokratie darf man nicht alles sagen

Warum? Als DDR-Bürger schaute man einst sehr neidisch auf den Westen. Wir dachten: Da darf man alles sagen ohne Probleme zu bekommen. Jetzt leben wir in diesem Westen und stellen fest: Nein, auch in der Demokratie darf man heute nicht alles sagen.

Um uns gleich richtig zu verstehen: Zur freien Meinungsäußerung gehören für mich keine Beleidigungen, keine Drohungen, keine Hetze, keine Anfeindungen, weil jemand eine andere Hautfarbe hat oder an einen Gott glaubt.

Bin ich ein Rassist, weil ich für die Mohrenstraße bin?

Was ich kritisiere: Dass man heutzutage öffentlich angeprangert wird. Etwa, wenn man die Umbenennung der Mohrenstraße für absoluten Schwachsinn hält. In der öffentlichen Diskussion ist man dann gleich ein Rassist.

Oder man wird als „alter weißer Mann“ beschimpft, nur weil man den Gender-Quatsch nicht mitmachen will. Wenn ich etwa von den Berlinern rede, muss ich nicht explizit jedes Geschlecht aufzählen. Das Wort beinhaltet ja schon alle Menschen jeglichen Geschlechts, die in Berlin leben. Warum soll ich dann „Berlinerinnen und Berliner“ sagen?

„Das darf man aber doch nicht mehr sagen!“ Wie oft höre ich diesen Satz und denke: Lebe ich schon wieder in der DDR? Denn auch seine politische Kritik darf man nicht mehr so offen austragen, wenn sie sachlich und berechtigt ist.

Es bleibt die Angst, man könnte missverstanden werden. Dafür muss man aber keine Angst haben, für die berechtigte Kritik am Staat ins Gefängnis zu landen wie einst in der DDR.

Was ist Ihre Meinung? Schreiben Sie uns einen Leserbrief per Mail an leser-bk@berlinerverlag.com.