KURIER-Umfrage

Ein falsches Wort – und man ist „gecancelt“

Berliner erzählen uns von schiefen Blicken, stillen Konflikten und sprachlicher Sensibilität.

Author - Paula Hitzemann
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Anna (27) und ihr Sohn Marley (3).
Anna (27) und ihr Sohn Marley (3).Markus Wächter/Berliner Zeitung

Ein Satz zu viel, ein Thema zur falschen Zeit, ein Begriff, der „nicht mehr geht“ – und die Stimmung kippt. Plötzlich wird es still. Oder laut. Oder eisig. Meinungsfreiheit gibt es – aber wie fühlt sie sich im Alltag an? Wir waren in Berlin unterwegs und haben gefragt: Was darf man heute nicht mehr sagen, ohne schief angeschaut zu werden?

Es gibt keine Streitkultur mehr

„Es wird uns ja immer gesagt, dass wir alles sagen dürfen. Das stimmt aber nicht“, sagt Willi. Als Beispiel nennt er Kritik an politischen Konflikten: „Wenn ich beispielsweise etwas dagegen sage, dass Israel Krieg gegen den Libanon führt, bin ich ein Staatsfeind“.

„Früher wurde man nicht gleich kriminalisiert“, sagt er. Heute reiche es, „wenn man irgendwie was Falsches sagt“, um „sofort auf ein negatives Gleis gesetzt“ zu werden.

Willi (76), Elektriker aus Berlin-Friedrichsfelde.
Willi (76), Elektriker aus Berlin-Friedrichsfelde.Markus Wächter/Berliner Zeitung

Besonders vermisst er eine offene Streitkultur, Harmonie und Offenheit: „Das Leben macht nicht mehr so viel Spaß, wie es mal Spaß gemacht hat.“

Sprachliche Sensibilität als Zeichen für Fortschritt

Für Isabelle (50) ist die Debatte um Meinungsfreiheit weniger eine Frage von Verboten als von Verantwortung. Dass man bestimmte Worte wie „das sogenannte N-Wort“ nicht mehr sagen dürfe, empfände sie als eine positive Entwicklung, auch wenn es „früher so verwendet wurde“.

Isabelle (50), Sozialarbeiterin aus Berlin.
Isabelle (50), Sozialarbeiterin aus Berlin.Markus Wächter/Berliner Zeitung

Sprache habe sich verändert – und das „aus guten Gründen“. Isabelle betont, dass Meinungsfreiheit dort Grenzen haben müsse, „wo sie in den Bereich reinwirkt, dass sie jemand anderen verletzen könnte.“

Die Wahrnehmung, man dürfe weniger sagen als früher, hält sie für verkürzt. Ja, Sprache sei sensibler geworden. Und ja, das habe „für die einen Menschen sicherlich etwas Beschneidendes“, aber es erkenne auch an, „dass Sprache eine Wirkung hat“.

Entscheidend sei für sie die Unterscheidung zwischen Gedanken und öffentlicher Rede: „Was jemand denkt, ist das eine, aber was jemand öffentlich ausspricht, ist etwas anderes.“ Diese gewachsene Sensibilität für Sprache bewertet Fried als Fortschritt.

Eingeschränkt, ja – aber zurecht

„Bei vielen Themen von rechts außen ist man natürlich eingeschränkt“, erzählt Leander (25), aber das könne er „gut nachvollziehen“. Deutlich werde das auch in der Debatte um geschlechtergerechte Sprache. „Im Bezug auf Gendern zum Beispiel bin ich der Meinung, man sollte das machen“, sagt Leander, betont aber zugleich, dass es unterschiedliche Haltungen gebe und es „am Ende des Tages jedem selbst überlassen“ sei.

Max (25), Hauswirtschaftskraft und Leander (25), dualer Student, beide aus Berlin-Lichtenberg.
Max (25), Hauswirtschaftskraft und Leander (25), dualer Student, beide aus Berlin-Lichtenberg.Markus Wächter/Berliner Zeitung

Max teilt diese Gelassenheit. Allerdings ergänzt er, man dürfe „über Migrationspolitik nicht so viel sagen“. Wer dennoch kritische Punkte anspreche, „dass zum Beispiel manche Dinge besser ausgebaut werden sollten“, werde „schnell in eine Schublade gesteckt“.

Wenn Meinung altmodisch wird

Wolfgang und Renate (beide 87) ernten schiefe Blicke vor allem, wenn sie gesellschaftliche Beobachtungen äußern. „Der Schmutz in Berlin“ oder „dass die Kinder schon im Kinderwagen mit Handy in der Hand sitzen“ geben Renate zu denken.

Wolfgang und Renate (beide 87) aus Berlin-Lichtenberg.
Wolfgang und Renate (beide 87) aus Berlin-Lichtenberg.Markus Wächter/Berliner Zeitung

Wolfgang störe vor allem, dass dadurch „die Menschlichkeit ganz schön zurückgegangen“ sei. Und wenn er diese Dinge anspreche, merke er, dass seine Haltung als altmodisch wahrgenommen werde.

Nicht politisch gemeint – trotzdem heikel

Für Anna (27) aus Berlin‑Lichtenberg zeigt sich Meinungsfreiheit weniger in großen politischen Debatten als im Alltag. Sie berichtet davon, dass sie beispielsweise im beruflichen Umfeld schiefe Blicke erntet, wenn sie Fleisch isst.

Darüber hinaus nennt sie politische und gesellschaftliche Themen, etwa die Diskussion um steigende Spritpreise, bei denen sie sich nicht ernst genommen fühlt. Anna wünscht sich, über solche Themen „mehr reden“ zu können, ohne negative Reaktionen hervorzurufen.

Anna (27), BFB-Mitarbeiterin aus Berlin-Lichtenberg.
Anna (27), BFB-Mitarbeiterin aus Berlin-Lichtenberg.Markus Wächter/Berliner Zeitung

Allgemein habe sich der Umgang mit unterschiedlichen Meinungen verschärft. „Wenn man seine Meinung äußert und die andere Person nicht derselben Meinung ist“, werde das schneller zum Problem als früher. Diese Entwicklung habe „auf jeden Fall“ zugenommen, sagt sie.

Vor allem bei bestimmten Ausdrücken sei das auffällig: „Bei den, ich sage jetzt mal, verbotenen Wörtern eher, wenn die dann doch rausrutschen, dass du dann gleich angeschnauzt wirst.“ Meinungsfreiheit erlebt Anna weniger als formale Einschränkung, sondern als Gefühl im Alltag.

Zwischen Tabu und Toleranz

Die einen fühlen sich mundtot gemacht, sehen Verbote, Tabus und Denkgrenzen. Andere sagen: Endlich wird sensibler gesprochen, mehr Rücksicht genommen.

Für manche zeigt sich eine Meinungseinschränkung bei großen politischen Fragen oder Debatten zum Thema Migration, für andere beim Fleischessen in der Mittagspause, beim Gendern oder beim Handy im Kinderwagen. Und wieder andere verstehen die ganze Aufregung gar nicht und sind sicher: Ich kann alles sagen.

Die verschiedenen Perspektiven machen deutlich, dass es stark davon abhängt, welche Themen man anspricht – und ob man bereit ist, dafür mit schiefen Blicken oder Zuschreibungen zu leben.

Was würden Sie gerne sagen? Erzählen Sie uns Ihre Meinung und schicken Sie uns einen Leserbrief per Mail an leser-bk@berlinerverlag.com.