Meine erste Wohnung in Berlin bezog ich Mitte der 80er-Jahre. Ich war Studentin an der Hochschule für Schauspielkunst und wohnte – wie viele – zunächst im Wohnheim. Zusammen mit Ökonomiestudenten. Eine wilde Mischung. Es war ein reges Treiben. Viel Besuch, viel Musik, viel Alkohol.
„Eigentlich war es eher ein Loch in einem Abrisshaus“
Unser Stipendium, damals 200 Mark im Monat, war fast immer nach zwei Wochen aufgebraucht. Nicht tragisch. Eher ein Zustand. Irgendwann sehnte ich mich nach den ersten eigenen vier Wänden. Und wie es der Zufall so will, sollte sich dieser Wunsch auch erfüllen.

Ein bekannter Filmproduzent aus der DDR besaß noch eine sehr kleine Studentenwohnung. Er selbst wohnte inzwischen längst in einer schönen, großen Wohnung – die kleine hatte er jedoch nie aufgegeben. Gegen ein kleines Entgelt, 14 Mark im Monat, also DDR-Mark, überließ er sie mir. „Wohnung“ ist allerdings ein großes Wort.
Eigentlich war es eher ein Loch in einem Abrisshaus. In Friedrichshain. Es gab kein Bad. Keine richtige Heizung. Nur eine alte Ofenheizung mit uralten, bröseligen Briketts, die man schwer herbeischaffen konnte. Also musste man sparsam damit umgehen. Die Toilette lag eine Treppe tiefer – und wurde mit anderen Nachbarn geteilt.
Das einzig wirklich Sensationelle: ein Telefon. Warum in diesem Abrisshaus ein Telefon stand, weiß ich bis heute nicht. In der DDR bekam man ja nicht einfach so ein Telefon. Aber dort stand eins. Ich war glücklich. Meine erste Wohnung. Aus heutiger Sicht weiß ich, wie unbekümmert wir waren.
Wie schwer es dagegen heutzutage ist, eine bezahlbare Wohnung zu finden, wenn man studiert und die Eltern nicht die finanziellen Mittel haben. Trotzdem weiß ich manchmal nicht, ob junge Leute in der heutigen Zeit überhaupt in so eine Wohnung ziehen würden. Auch für mich ist der Gedanke an eine Wohnung mit so kleinem Standard heute nicht mehr vorstellbar, aber lieber primitiv und winzig als unerschwinglich.
„Nachts zur Toilette zu gehen, war gruselig“
Meine Wohnung bestand aus einem Raum und einer kleinen Küche. Es gab kein Bad. Die Tapete in der Küche war ein wenig heruntergekommen. Ein Wasserschaden. Ich verhängte die Fetzen der Tapete kurzerhand mit Moltontüchern. Improvisation war alles. In der Küche gab es einen kleinen Boiler, der warmes Wasser machte. Also kaufte ich mir eine Kinderbadewanne und einen Eimer aus Plaste.
Ich füllte die Badewanne mit warmem Wasser, setzte mich hinein und stellte die Füße in den Eimer. So nahm ich ein Vollbad. Für mich war es herrlich. Und das Beste: Danach hatte ich immer noch warmes Wasser, um die Bude zu putzen. Nachts zur Toilette zu gehen, war allerdings gruselig. Raus aus der Wohnung, eine Treppe runter. Dunkel. Gemeinschaftstoilette.

Aber ich hatte etwas Entscheidendes: endlich eine eigene Wohnung. Und ich konnte tun und lassen, was ich wollte. Partys. Manchmal blieb das halbe Studienjahr über Nacht. Sie lagen dann im Wohnzimmer, in der Küche, auf dem Flur. Am Morgen wusch man sich notdürftig – und dann ging es zur Schauspielschule.
Eine kleine Episode fällt mir an der Stelle dazu noch ein. Es war Winter und meine kleine Bude dementsprechend hundekalt. Also holte ich ein paar Kohlen aus dem Keller und heizte den Ofen, bevor ich mich auf den Weg zur Schauspielschule machte. Ich musste mich beeilen, denn zu spät kommen wurde gar nicht geduldet. In der S-Bahn nach Schöneweide lächelten die Menschen mich an, manche zwinkerten mir zu.
„Ich war ein wenig zu spät. Aber würde man einer Berühmtheit Ärger machen?“
Ich hatte in dem Film „Der Staatsanwalt hat das Wort“ mitgespielt. Und dieser Film wurde am Abend zuvor ausgestrahlt. Ach du meine Güte, dachte ich. Jetzt bist du schon berühmt. Jetzt kennen dich alle. Ich lächelte zurück, aber auch ein bisschen wie eine Königin, die ihr Volk anlächelt. Daran muss man sich wohl gewöhnen, dachte ich mir. Das nennt man berühmt sein.

Jedenfalls war es aufregend. Gütig vor mich hin lächelnd betrat ich die Schauspielschule. Ich war doch ein wenig zu spät. Aber würde man einer Berühmtheit Ärger machen? Der Pförtner lächelte ebenfalls. Dass alle diesen Film gesehen hatten, fand ich beeindruckend. Siegessicher erreichte ich die Umkleidekabinen.
Erste Stunde: Fechten. Nicht wirklich meine Leidenschaft. Aber heute würde mir auch das locker von der Hand gehen. Ich wollte gerade losstürzen, da sah ich im Augenwinkel das Dilemma meiner Berühmtheit. Kein kleiner Fleck. Kein Hauch. Mein Gesicht war praktisch schwarz. Wie Aschenputtel – in der schlimmsten Version. Heizen muss eben auch gekonnt sein.



