Haben Sie auch manchmal das Gefühl, dass Ihre Kinder heutzutage deutlich weniger Hausaufgaben aufbekommen, als Sie selbst zu Schulzeiten? Das ist tatsächlich der Fall! Ein Berliner Schulleiter erklärt im KURIER-Interview die Hintergründe – und warum die Tendenz gar nicht so schlecht ist, wie man vielleicht denkt.
Schüler bekommen tatsächlich weniger Hausaufgaben auf
Dr. Hanno Rüther leitet die Grundschule im Taunusviertel in Lichtenrade (Tempelhof-Schöneberg) und kann im KURIER-Interview bestätigen: „Mein Eindruck ist in der Tat, dass zunehmend weniger Hausaufgaben aufgegeben werden.“

„Dafür gibt es auch nachvollziehbare pädagogische Gründe, die man auch gut nachlesen kann“, sagt der Vorsitzende vom Verband Bildung und Erziehung (VBE) Berlin – und verweist dabei auf die Hattie-Studie.
Zur Erklärung: Die Hattie-Studie („Visible Learning“) aus dem Jahr 2008 ist eine große Meta-Analyse, in der mehr als 800 Studien zum Lernerfolg ausgewertet wurden. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass Hausaufgaben insgesamt nur einen relativ geringen Einfluss auf den Lernerfolg haben. Der Effekt ist dabei stark altersabhängig: In der Grundschule bringen Hausaufgaben kaum messbare Vorteile, während sie in höheren Klassen einen moderaten Nutzen zeigen können.
Entscheidend ist laut Hattie jedoch weniger die Menge als die Qualität – sinnvoll gestaltete, klar strukturierte Aufgaben und anschließendes Feedback durch Lehrkräfte haben deutlich mehr Wirkung als reine Routine- oder Übungsaufgaben.
Sind Hausaufgaben total überholt?
„Die Schüler beschäftigen sich zu Hause noch einmal vertieft mit einem Thema in aller Ruhe und begreifen es dadurch besser. Das ist so die Theorie der Hausaufgaben“, meint Dr. Rüther. „Das klappt aber offenbar nicht. Jedenfalls kann man das nicht nachweisen, dass das den Effekt hat, den man sich wünscht.“

„Ich gebe auch zunehmend weniger Hausaufgaben in den letzten Jahren, weil ich sehe, es bringt nicht viel“, sagt der Schulleiter, der aktuell eine vierte Klasse unterrichtet. „Die Schüler haben zum Teil große Schwierigkeiten, sich überhaupt zu konzentrieren. Das liegt an den persönlichen Lebensumständen, aber ich denke auch an dem zunehmenden Gebrauch elektronischer Medien.“
Kann ich dann die Lebenszeit der Schülerinnen und Schüler in Anspruch nehmen, wenn dabei nichts rauskommt?“
Deswegen seien er und seine Kollegen dazu übergegangen, die Schüler noch während einer Unterrichtseinheit in der Schule ihre „Hausaufgaben“ machen zu lassen – „wer nicht fertig wird, macht halt den Rest wirklich zu Hause.“
Jedoch lenkt Dr. Rüther ein: In manchen Fächern ergeben die guten alten Hausaufgaben durchaus noch Sinn. „Sie werden in den Fremdsprachen nicht umhinkommen, dass die Vokabeln in Ruhe zu Hause gelernt werden“, erklärt er und ergänzt: „Sie werden in der Mathematik auch mal dafür sorgen müssen, dass in Ruhe gerechnet wird.“
Schulleiter kann alle Eltern beruhigen
Eltern, die sich sorgen, ob ihre Kinder trotz weniger Hausaufgaben eine ausreichende Bildung erhalten, möchte Dr. Rüther beruhigen: „Das ist kein schlechtes Zeichen, im Gegenteil. Das zeigt einen reflektierten Umgang mit dem Medium Hausaufgaben durch die Lehrkraft.“
Er selbst würde sich heute in diesem Punkt auch viel mehr hinterfragen als früher: „Bei mir gibt es in Deutsch ungefähr einmal die Woche eine Hausaufgabe. Meistens eine Schreibaufgabe, die man in der Stunde bereits anfangen darf. Wer mag, darf zu Hause noch fleißig sein und wird am Ende vielleicht eine bessere Klassenarbeit schreiben. Aber öfter halte ich das wirklich nicht für sinnvoll.“

Außerdem möchte der Schulleiter anmerken: „Ich glaube, dass die Stundentafel in Berlin an den Grundschulen ohnehin schon sehr voll ist. Rein entwicklungspsychologisch glaube ich, das ist wirklich für die meisten Kinder obere Kante. Die sind wirklich mit der Zeit, die sie in der Schule verbringen müssen, gut ausgelastet.“
Gewusst? So viele Hausaufgaben pro Tag sind heute vorgesehen
Wie voll der Stundenplan ist, entscheidet übrigens nicht Dr. Rüther selbst als Schulleiter. „Das wird ja politisch geregelt durch Gesetzgebung.“ Was viele nicht wissen: Auch für Hausaufgaben gibt es einen offiziellen Richtwert.
Wie der Elternverband informiert, sind in Berlin für durchschnittlich schnelle Schüler folgende maximale Bearbeitungszeiten am Tag vorgesehen: In den Klassen 1 und 2 sollten nicht mehr als 15 bis 30 Minuten Hausaufgaben aufgegeben werden. In den Klassen 3 und 4 sollten sie 45 Minuten nicht übersteigen und in den Klassen 5 und 6 sollten es maximal 60 Minuten täglich sein.

Wichtig ist auch: Schüler sollen ihre Hausaufgaben allein erledigen und nicht mit ihren Eltern gemeinsam. „Nach Möglichkeit nichts erklären und schon gar nichts helfen“, appelliert Dr. Rüther. „Sodass die Lehrkraft dann am nächsten Tag sehen kann: ‚Das hat geklappt, alles prima.‘ Oder: ‚Es hat nicht geklappt, da muss ich noch einmal eine spezielle Förderung machen für dieses Kind.‘“
Wie ist Ihre Meinung zu Hausaufgaben damals – und heute?
Abschließend fasst Dr. Rüther seine Meinung zum Thema Hausaufgaben aus der Grundschul-Sicht zusammen: „Man muss natürlich bestimmte Sachen lernen. Schreiben, rechnen, sich in eine Gemeinschaft einfügen, eigene Bedürfnisse zurückstellen. Aber das muss nicht auf Zwang passieren.“
Heutzutage habe man zum Glück eine differenzierte Sicht auf Hausaufgaben– mit einem größeren Fokus auf die tatsächlichen Bedürfnisse der Kinder. Dass es früher anders gewesen ist, heißt nicht, dass es damals auch besser gelaufen ist.


