Schule versagt

Erschreckende Zahlen! Berliner Schüler können nicht mehr Fahrrad fahren

Die Fahrradprüfung in Berlin zeigt alarmierende Zahlen: 50 Prozent der Schüler bestehen nicht.

Author - Sharone Treskow
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Die Wheel Divas bilden mit ihrer Bike Academy Berliner Schüler aus. Hier zu sehen an der Obersee-Grundschule.
Die Wheel Divas bilden mit ihrer Bike Academy Berliner Schüler aus. Hier zu sehen an der Obersee-Grundschule.Emmanuele Contini/Berliner Kurier

Radfahren ist für viele Berliner Kinder leider längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Genau hier setzt die Arbeit von Hans-Günter Päske (58) an. Der Berliner Fahrrad-Coach engagiert sich seit Jahren dafür, dass Schülerinnen und Schüler das Radfahren systematisch lernen – nicht nebenbei, sondern als fester Bestandteil des Schulalltags. Gemeinsam mit dem Verein Wheel Divas bringt er ein professionell aufgebautes Fahrrad-Unterrichtsprogramm direkt an Berliner Schulen.

25 Prozent der Kinder können überhaupt nicht Rad fahren

Päske ist als Ausbilder und Konzeptentwickler maßgeblich an dem Schulfach BikeAcademy beteiligt. Dabei geht es nicht um Leistungssport, sondern um grundlegende Fahrtechnik, Sicherheit und Selbstvertrauen auf dem Rad. Kinder lernen, ihr Fahrrad zu beherrschen, Gefahrensituationen einzuschätzen und sich sicher im Straßenverkehr zu bewegen.

Besonders angesprochen werden Schüler, die bislang kaum oder gar nicht Rad gefahren sind. Ziel der Arbeit ist es, Kindern echte Mobilität zu ermöglichen – und damit Selbstständigkeit auf dem Schulweg und im Alltag.

Hans-Günter Päske ist Experte für Radsport und sieht bei Berliner Schülern viel Verbesserungspotenzial.
Hans-Günter Päske ist Experte für Radsport und sieht bei Berliner Schülern viel Verbesserungspotenzial.Instagram/Wheel Divas

Die Arbeit der Wheel Divas ist wichtig, wird eigentlich an jeder Schule dringend gebraucht. Im Interview mit dem KURIER nennt Päske erschreckende Zahlen: 25 Prozent der Berliner Schüler in den Klassenstufen drei und vier können laut dem Experten überhaupt nicht Fahrrad fahren.

50 Prozent fallen in Berlin durch die Fahrradprüfung

Und es wird noch schlimmer: 50 Prozent fallen in Berlin durch die Fahrradprüfung in der vierten Klasse, die im Schulgesetz festgeschrieben ist. Diese erschreckenden Zahlen werden laut Päske übrigens schon seit Jahren nicht mehr vom Land Berlin veröffentlicht, weil das so schlecht aussieht.

Die Hälfte unserer Kinder rasselt also durch eine verpflichtende Prüfung. Wie kann das sein? Hier weist Päske auf eine große Lücke hin. „Im Schulgesetz steht nicht, wer für den Unterricht verantwortlich ist.“

So sieht der Unterricht aus, wenn die Wheel Divas an die Schulen kommen.
So sieht der Unterricht aus, wenn die Wheel Divas an die Schulen kommen.Emmanuele Contini/Berliner Kurier

„Der Grundschullehrer muss nur dafür Sorge tragen, dass die Kinder in den Verkehrsgarten kommen. Der Verkehrspolizist muss nur dafür Sorge tragen, dass die Prüfung abgenommen wird. Aber wer bildet denn die Kinder aus?“ Hier kommen die Wheel Divas mit ihrem BikeAcademy-Unterricht ins Spiel.

Doch so motiviert Päske und seine Kollegen auch sind: Sie schaffen es wegen mangelnden Personals nicht, ganz Berlin abzudecken. Aktuell würde der Verein sich selbst finanzieren, was die Ausbildung der Trainer angeht. So können sie natürlich nur wenige Schulen bedienen. „Die Schulen rennen uns die Bude ein, aber wir können nicht genug Ausbilder bezahlen.“

Was sind die Konsequenzen, wenn ein Kind durchrasselt?

Was passiert eigentlich, wenn ein Kind die Fahrradprüfung nicht besteht? Theoretisch ist eine Nachprüfung möglich, diese ist aber nicht verpflichtend. „Das heißt jetzt nicht, dass die Eltern noch mal aufgefordert werden: ‚Hey, ihr solltet noch mal zu Hause unterrichten. Kommt noch mal zur Prüfung‘“, so Päske.

Außerdem wäre das ein riesiger organisatorischer Aufwand: „Darum müsste sich dann die Schule kümmern, es bräuchte noch einmal eine Aufsichtsperson und einen Prüfer und einen neuen Termin“, erklärt Päske. Das würde so gut wie nie passieren.

Die Fahrradprüfung in der vierten Klasse wird von einem Polizisten abgenommen.
Die Fahrradprüfung in der vierten Klasse wird von einem Polizisten abgenommen.Michael Korte/FUNKE Foto Services

Die Folge: Das Kind erhält keinen Nachweis über die bestandene Prüfung. Das ist nicht nur bitter, sondern auch folgenschwer. Vor allem für die Schule und die Lehrer des jeweiligen Schülers, denn: „Wenn dieses Kind dann am Straßenverkehr teilnimmt und ein Unfall passiert, ist es nicht versichert. Stattdessen haftet der Lehrer“, erklärt Päske.

Genau genommen dürfte der jeweilige Schüler dann an keinem Schulausflug – egal ob Wandertag oder Klassenfahrt – mehr teilnehmen, wo mit dem Rad gefahren wird. „Die gleiche Teilhabe“ für das Kind sei dadurch eingeschränkt.

Wheel Divas feiern große Erfolge mit der BikeAcademy

Doch mit den Wheel Divas würde das nicht passieren. „Wenn Ronnie mit einer Klasse zur Prüfung fährt, bestehen 100 Prozent“, sagt Päske über seinen Ausbilder-Kollegen.

Ronnie Grähn-Böttcher mit seiner BikeAcademy an der Obersee-Grundschule.
Ronnie Grähn-Böttcher mit seiner BikeAcademy an der Obersee-Grundschule.Emmanuele Contini/Berliner Kurier

„Wir haben jetzt auch an einem konkreten Beispiel gesehen, was passiert, wenn unser Fahrradunterricht wegfällt“, schildert er. An der Obersee-Grundschule im Ortsteil Alt-Hohenschönhausen in Lichtenberg konnte die BikeAcademy zuletzt leider nicht mehr stattfinden. „Die Bestehensquote der Fahrradprüfung ist direkt um 25 Prozent abgeschmiert“, betont Päske.

Warum unterstützt Berlin den Fahrradunterricht nicht besser?

Seine Schilderungen zeigen deutlich, wie wichtig Fahrradunterricht für alle Schüler in Berlin wäre. Doch warum gibt es das nicht überall? Seit Jahren versucht Päske, den Berliner Senat und die einzelnen Verwaltungen für Bildung und Sport zu einer einheitlichen Lösung für alle Kinder zu bewegen. Doch hier gäbe es viel „Sand im Getriebe“.

Warum wird Radfahren – eine ebenso wichtige Fähigkeit für Kinder wie Schwimmen – politisch derart abgetan und wenig unterstützt? Päske erklärt sich das so: „Die Zahlen der verunfallten Kinder mit dem Fahrrad gehen jedes Jahr runter. Das klingt erst mal schön. Doch dass es daran liegt, dass einfach kaum noch Kinder überhaupt Fahrrad fahren, das will niemand hören.“ Nur ein Prozent der Berliner Kids würde aktiv am Straßenverkehr teilnehmen und zur Schule radeln.

Nur ein Prozent der Kinder in Berlin nimmt via Fahrrad am Straßenverkehr teil. Der Grund: Viele können es einfach nicht richtig.
Nur ein Prozent der Kinder in Berlin nimmt via Fahrrad am Straßenverkehr teil. Der Grund: Viele können es einfach nicht richtig.Emmanuele Contini/Berliner Kurier

Stattdessen würden die Politiker diesen vermeintlichen Erfolg, dass weniger Kinder verunfallen, auf die neuen Fahrradwege zurückführen. „Das ist totaler Quatsch“, sagt Päske. „Die Kinder brauchen keine schicken Radwege, die können auch mit kaputten Straßen umgehen, wenn sie richtig ausgebildet sind.“ Seiner Meinung nach sollte man das ganze Geld, das in Fahrradwege fließt, lieber in guten Unterricht von Grund auf stecken.

Die vielen Vorteile des Radfahrens

Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Vorteile, wenn ein Kind richtig Fahrrad fahren lernt, sind riesig. Die Schüler werden selbstbewusster im Straßenverkehr, ihre Eltern müssen nicht mehr Taxi spielen auf dem Weg zur Schule – worüber sich die Umwelt freut, und gesund ist es auch noch.

Ein weiterer unterschätzter Punkt: „Ein befreundeter Fahrlehrer hat mir bestätigt, dass Fahrschüler, die vorher schon jahrelang mit dem Rad am Straßenverkehr teilgenommen haben, sich beim Pkw-Führerschein deutlich besser anstellen.“ Sie bräuchten in der Regel nur zwei Drittel der Fahrstunden. „Da freut sich natürlich das Portemonnaie.“

Trotz all dieser Vorteile bekommt das Land Berlin hier keine einheitliche Lösung hin. Doch sicher ist: Päske und seine Wheel Divas kämpfen weiter. Damit sich die Lage vielleicht eines Tages verbessert und in Berlin wieder mehr Kids aufs Rad steigen.

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