Kinderarzt schlägt Alarm

Unsere Schüler werden immer dümmer

Ein Potsdamer Kinderarzt warnt vor den Folgen von zu viel Smartphone-Konsum.

Author - Tobias Esters
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Kinderarzt Steven Rohbeck warnt vor den Folgen von zu frühem und zu intensivem Smartphone-Konsum bei Kindern.
Kinderarzt Steven Rohbeck warnt vor den Folgen von zu frühem und zu intensivem Smartphone-Konsum bei Kindern.Westend61/imago; Steven Rothenbeck

Immer mehr Kinder haben Probleme mit Konzentration, Sprache und Motorik – und der Grund liegt oft im Smartphone. Der Potsdamer Kinderarzt Steven Rohbeck schlägt im Gespräch mit dem Berliner KURIER Alarm. Übermäßiger Medienkonsum überfordert unsere Kinder zunehmend.

Schon im Wartezimmer am Handy

„Wenn ich heute Kinder untersuche, fällt mir als Erstes auf: Niemand kann mehr fünf Minuten ohne Handy warten“, sagt Rohbeck. Schon im Wartezimmer seien Kinder, Eltern und Großeltern fast durchgehend mit dem Smartphone oder Tablet beschäftigt.

Wie dramatisch die Folgen sein können, zeigt ein Fall aus seiner Praxis. „Ein 13-jähriges Mädchen kam mit dem Vater, weil sie nicht mehr schlafen konnte und in der Schule schlechter wurde“, erzählt der Arzt. „Am Ende stellte sich heraus: Sie saß zehn Stunden am Tag am Handy, davon sechs Stunden nachts auf TikTok.“

Viele Eltern wüssten davon nichts. „Das eigentlich Pathologische ist, dass die Eltern nicht mitbekommen, was ihre Kinder da machen“, sagt Rohbeck. „Sie kennen die Apps nicht, die Mechanismen nicht und die Abhängigkeit dahinter.“

Schon im Kleinkindalter verbringen viele Kinder täglich Zeit am Smartphone.
Schon im Kleinkindalter verbringen viele Kinder täglich Zeit am Smartphone.Valentina Barreto/Imago

Die Folgen sieht der Kinderarzt täglich in seiner Praxis: „Schlafmangel, Konzentrations- und Lernstörungen, Angst- und Depressionssymptome“, erklärt er. Dazu komme soziale Isolation, trotz ständiger Online-Vernetzung. „Viele Kinder haben kaum noch Hobbys, keinen Sportverein, keine echten Treffen.“

Der „digitale Nuckel“ macht abhängig

Die Kinder können kaum noch mit Langeweile umgehen. „Sie sind schnell ablenkbar, ständig getriggert. Sie halten es nicht mehr aus, einfach mal nichts zu tun.“

Rohbeck spricht von einem gefährlichen Trend: dem „digitalen Nuckel“. Gemeint ist das Smartphone als Dauer-Beruhigungsmittel. „Wenn ein Baby mit sechs Wochen schon mit dem Handy abgelenkt wird, warum soll es mit fünf Jahren verstehen, dass das nicht gut ist?“

Wenn Kinder nicht mehr malen können

Besonders alarmierend findet der Arzt die motorischen Defizite. „Ich frage mich manchmal: Warum kann ein Fünfjähriger kein Strichmännchen malen?“ Die Antwort der Eltern höre er oft: „Der will nicht.“ Für Rohbeck ist das keine Entschuldigung. „Wir müssen doch mit den Kindern basteln, malen, kleben – das gehört zur Entwicklung.“

Auch Sprache und Feinmotorik leiden. „Wortschatz und Aussprache werden schlechter. Manche Kinder sprechen, als wären sie drei Jahre jünger“, berichtet er. Häufig müssten Ergotherapie und Logopädie eingeschaltet werden.

Schon früh verbringen viele Kinder täglich Stunden vor Serien wie „Peppa Pig“ – mit Folgen für Sprache und Konzentration.
Schon früh verbringen viele Kinder täglich Stunden vor Serien wie „Peppa Pig“ – mit Folgen für Sprache und Konzentration.Everett Collection/imago images

Auf die provokante Frage, ob Smartphones Kinder dümmer machen, antwortet Rohbeck klar: „Definitiv. Ich bin davon überzeugt.“ Er verweist auf zahlreiche Studien und Gesundheitsberichte. „Je mehr Kinder vor dem iPad geparkt werden, desto mehr bauen analoge Lernprozesse ab.“

Klare Regeln fürs Smartphone

Der Kinderarzt ist selbst Vater von drei Kindern und kennt die täglichen Kämpfe um Bildschirmzeit. „Ich führe diesen Kampf und ich erwarte von Eltern, dass sie ihn auch führen.“

Medienkonsum müsse wie ein Risikofaktor behandelt werden. „So wie Alkohol oder Nikotin.“ Technik sei nicht der Feind, aber ihr falscher Einsatz schon.

Rohbecks Fazit ist deutlich: „Wenn wir weiter alles über Displays regeln, verkümmern Fähigkeiten. Unsere Kinder brauchen mehr Bücher, mehr Lego, mehr Gespräche und weniger Bildschirm.“

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