Bildungskrise

Lehrerin schockiert: Schüler wissen nicht, was „überschwappen“ heißt

In Berlin werden Klassiker im Unterricht immer häufiger vereinfacht. Eine Lehrerin warnt vor sinkendem Textverständnis bei Schülern.

Author - Tobias Esters
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Gabriela Kasigkeit unterrichtete 43 Jahre lang und beobachtet deutliche Veränderungen bei Schülern.
Gabriela Kasigkeit unterrichtete 43 Jahre lang und beobachtet deutliche Veränderungen bei Schülern.Silas Stein/dpa; DPhV/Amin Akhtar

Goethe, Schiller, Shakespeare – wir alle haben uns im Deutschunterricht durch schwere Bücher gekämpft, Sätze zweimal gelesen und Wörter nachgeschlagen. Verstanden wurde nicht immer alles, aber genau darum ging es. Heute jedoch werden literarische Klassiker an Berliner Schulen immer häufiger sprachlich vereinfacht – sogar an Gymnasien. 

Dramatische Entwicklung

Das Lese- und Textverständnis vieler Schüler hat nachgelassen. „Das ist ein Fakt“, sagt Gabriela Kasigkeit. Sie stand 43 Jahre lang im Klassenzimmer und unterrichtete bis November am Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Gymnasium in Pankow die Fächer Deutsch, Englisch und Psychologie.

Wie gravierend die Probleme inzwischen sind, zeigt ein Beispiel, das ihr bis heute im Kopf geblieben ist. Beim Lesen von Goethes „Zauberlehrling“ fragte ein Schüler: „Was heißt eigentlich ‚überschwappen‘?“ Ein Wort, das früher kaum jemand erklärt haben wollte – heute sorgt es für Verständnisschwierigkeiten.

Goethes „Faust“ gehört zu den Klassikern im Deutschunterricht.
Goethes „Faust“ gehört zu den Klassikern im Deutschunterricht.Karina Hessland-Wissel/imago

Solche Situationen seien längst keine Ausnahme mehr, berichtet Kasigkeit. Klassische Texte verlangten viel. Es gehe um Wortschatz, komplexe Satzstrukturen, historische Sprachformen, kulturelles Vorwissen. „Damit haben viele Schülerinnen und Schüler heute sehr große Schwierigkeiten.“

Die Lösung könne aber nicht sein, die Texte grundsätzlich zu vereinfachen – zumindest nicht am Gymnasium. „Wenn man merkt, dass Schüler überfordert sind, darf man sie nicht alleinlassen. Aber man darf den Text auch nicht verflachen.“ Stattdessen müsse man gemeinsam lesen, Begriffe klären, Hintergründe erklären.

Kritik an zu viel Vereinfachung

Noch deutlicher wird Stefan Düll, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Auch er sieht die Entwicklung kritisch. „Die Auseinandersetzung mit dem Original gehört zur gymnasialen Bildung. Da steckt eine andere Qualität drin.“

Manche Werke seien schlicht nicht übertragbar. Gedichte, Shakespeare oder Schillers „Wilhelm Tell“. Wer immer weiter vereinfache, senke Schritt für Schritt das Niveau. „Und irgendwann hat man niemanden mehr, der höhere Leistungen erbringen kann.“

Am Ende bleibt die Frage, ob vereinfachte Texte wirklich helfen oder ob damit die Ansprüche sinken. Gabriela Kasigkeit hält es für wichtig, dass Schüler ihren Wortschatz erweitern. Begriffe wie „Eitelkeit“ oder „überschwappen“ gehörten für sie zur Bildung dazu. Vereinfachungen könnten unterstützen, dürften das Original aber nicht ersetzen.