Zu komplex

Schulen machen aus Goethe Kinderbücher – weil Lesen angeblich überfordert

Lehrer berichten von sinkendem Textverständnis – selbst am Gymnasium werden Klassiker angepasst.

Author - Tobias Esters
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Lehrkräfte berichten von sinkendem Textverständnis bei Klassikern.
Lehrkräfte berichten von sinkendem Textverständnis bei Klassikern.Silas Stein/dpa; DPhV/Amin Akhtar

Goethe und Schiller sind den Schülern zu schwer. Was früher undenkbar war, ist heute Realität. Selbst am Gymnasium haben viele Schülerinnen und Schüler große Probleme mit klassischen Texten. Wortschatz, Satzbau und Textverständnis reichen oft nicht mehr aus. Wörter, die früher selbstverständlich waren, müssen heute erklärt werden. Ganze Seiten bleiben unverstanden. 

Klassiker kommen nur noch vereinfacht

Lehrer berichten von einem deutlichen Leistungsabfall – auch an Schulen, die eigentlich für ein höheres Niveau stehen. Klassiker werden deshalb zunehmend vereinfacht. Und das nicht mehr nur an Haupt- oder Gesamtschulen. Immer öfter greifen auch am Gymnasium  Lehrkräfte zu sogenannten didaktisch aufbereiteten Fassungen.

Die „Einfach Klassisch“-Variante des Klassikers Wilhelm Tell von Friedrich Schiller. Empfohlen für das 8.-10. Schuljahr.
Die „Einfach Klassisch“-Variante des Klassikers Wilhelm Tell von Friedrich Schiller. Empfohlen für das 8.-10. Schuljahr.Screenshot: Cornelsen

Das bestätigt auch der Schulbuchverlag Cornelsen gegenüber dem Berliner KURIER. Dort beobachtet man, dass didaktisierte Ausgaben klassischer Werke zunehmend nachgefragt werden – auch von Gymnasiallehrkräften. Besonders gefragt seien Titel wie „Faust“, „Wilhelm Tell“, „Romeo und Julia“ oder „Kleider machen Leute“.

Was hinter den didaktisierten Klassikern steckt

Die Reihe „Einfach klassisch“, die es seit 2003 gibt und zuletzt überarbeitet wurde, sei ursprünglich für die mittleren Schulformen entwickelt worden. Inzwischen arbeiteten jedoch auch immer mehr Lehrkräfte an Gymnasien damit. Ob ein Titel für eine gymnasiale Lerngruppe geeignet sei, entschieden die Lehrer individuell, heißt es aus dem Verlag.

Didaktisierte Ausgaben basieren auf dem Originaltext. Sie werden behutsam sprachlich angepasst, vorsichtig gekürzt oder kommentiert, um den Zugang zu erleichtern. Ergänzt werden sie durch Worterklärungen, Abbildungen, Aufgaben und inzwischen auch durch Hörfassungen. Ziel sei es, Leselust zu fördern und Hürden abzubauen.

Auch der Berliner Senat sieht die Verantwortung bei den Schulen selbst. Welche Lektüren im Unterricht eingesetzt werden, entscheide jede Schule eigenverantwortlich nach Schulgesetz. In Berlin gilt zudem die Lehrmittelfreiheit. Eine zentrale Vorgabe, ob Original oder didaktisierte Ausgabe gelesen werden müsse, gibt es nicht.

In der Regel werde an Gymnasien weiterhin mit dem Originaltext gearbeitet, heißt es in einem Statement gegenüber dem Berliner KURIER. Ob vereinfachte Fassungen ergänzend genutzt werden, liege im pädagogischen Ermessen der Lehrkräfte.

Wie sagen Sie zum Klassiker-Sterben an den Schulen? Bitte schreiben Sie uns: leser-bk@berlinerverlag.com