„Möchten wir ein kinderfreundliches Land sein und was müssen wir dafür eigentlich tun?“ Das fragt sich Sebastian Sedlmayr von Unicef Deutschland schon lange. Er begleitet die internationalen Vergleichsstudien für Industrieländer und die nationale Arbeit seit mehr als 20 Jahren. Die Ergebnisse der aktuellen Auswertung sind für ihn daher keine Überraschung.
Seit Jahren gibt es in Deutschland viele Baustellen
„Schon seit Jahren sehen wir in unseren Studien, dass Deutschland in Sachen Kinderfreundlichkeit Nachholbedarf hat“, sagt er im Gespräch mit dem Berliner KURIER. Deutschland habe in den vergangenen Jahren viele Baustellen angehäuft – von Sicherheit über Infrastruktur bis Wirtschaft ist alles dabei.
Unicef-Studie mit alarmierenden Ergebnissen
Dadurch entstehe das Gefühl, „gar nicht mehr hinterherzukommen mit den politischen Entscheidungen“, so Sedlmayr. Doch gerade Kinder und Familien seien darauf angewiesen, dass investiert werde – in Kitas, Schulen und Nachhilfe.

Daran aber scheitert es schon lange – die Folgen sind Jahr für Jahr sichtbar. Die aktuelle Unicef-Studie hat ergeben, dass Deutschland beim Wohlbefinden von Kindern in den wohlhabenden Ländern nur noch Platz 25 belegt – von 37 bewerteten Ländern. Damit liegt Deutschland wie schon im Vorjahr im unteren Mittelfeld. Mittlerweile liegen sogar wirtschaftlich schwächere Länder wie Rumänien (Platz 9), Ungarn (Platz 10) und die Slowakei (Platz 19) vor Deutschland.
Zu wenig in Bildung und Chancengleichheit investiert
Ähnlich dramatisch sieht es im Bereich Bildung aus. Nur 60 Prozent der 15-Jährigen erreichen laut Studie die Mindestkompetenz in Lesen und Mathematik. Damit liegt Deutschland auf Platz 34 von 41 Ländern mit vergleichbaren Bildungsdaten.
„Für die Zukunft der Kinder in Deutschland ist eine echte, ernst gemeinte und mit Mitteln ausgestattete Zuwendung zu den Interessen von Kindern und Familien nötig.
Die Gründe für den Niedergang im Land der Dichter und Denker sind vielfältig. „Es wurde zu lange zu wenig in Bildung, mentale Gesundheit und Chancengleichheit investiert. Schulen wurden vielerorts personell und infrastrukturell vernachlässigt“, erklärt Isabelle Seltenreich, Pressesprecherin der Bundesschülerinnenkonferenz, dem KURIER.
Kinderarmut ist in Deutschland seit Jahren hoch
Gleichzeitig habe man soziale Ungleichheiten nicht ausreichend bekämpft. Das bestätigt auch die Studie, nach der Bildung in Deutschland besonders stark vom Einkommen der Eltern abhängig ist. Mehr noch: In Deutschland stagniert die Kinderarmutsquote seit Jahren bei hohen 15 Prozent.
„Hinzu kommen Leistungsdruck, Zukunftsängste und ein Bildungssystem, das häufig mehr auf Noten als auf individuelle Förderung setzt“, sagt Seltenreich. „Gleichzeitig fehlt es vielerorts an Investitionen in Schulen, Schulsozialarbeit und psychologische Unterstützung.“
Echte Reformen lassen seit Jahren auf sich warten
Um das zu ändern, braucht es weitreichende Reformen – zum Wohle der Kinder. Doch daran scheitert es seit Jahren, wie die aktuellen Zahlen belegen. „Für die Zukunft der Kinder in Deutschland ist eine echte, ernst gemeinte und mit Mitteln ausgestattete Zuwendung zu den Interessen von Kindern und Familien nötig. Das bedeutet auch, sich das Verhältnis von Einkommen und Lebenshaltungskosten in den Familien genauer anzusehen“, sagt Sedlmayr von Unicef.

Bisher herrsche in Deutschland noch die öffentliche Meinung vor, dass Kinder und Jugendliche „heranwachsende Arbeitskräfte zur Steigerung des Bruttoinlandsprodukts“ seien. „Sie als gleichwertige Menschen und Bürgerinnen und Bürger zu adressieren, wäre ein echter Paradigmenwechsel.“
Maßnahmen werden erst in ein paar Jahren sichtbar sein
Seltenreich von der Bundesschülerinnenkonferenz geht sogar noch einen Schritt weiter. Aus ihrer Sicht müsste das Bildungssystem komplett geändert werden, damit es echte Chancengleichheit für alle Kinder gibt. „Dazu gehören mehr Investitionen in Schulen, ausreichend Schulsozialarbeit, bessere psychologische Unterstützung und weniger Leistungsdruck“, fordert sie.
Es wurde zu lange zu wenig in Bildung, mentale Gesundheit und Chancengleichheit investiert.
Klar ist aber auch: Maßnahmen werden Zeit brauchen. Veränderungen und Erfolge werden erst in ein paar Jahren sichtbar sein. Schnelle Ergebnisse sind nicht zu erwarten. Sedlmayr hält es daher für müßig, über Fehler der Vergangenheit zu diskutieren. „Aber wenn wir eine Lehre ziehen sollten, dann die, dass zu wenig investiert worden ist, um die Kinder, die nicht von Haus aus die besten Chancen haben, ausreichend zu fördern.“




