Der Geschichtsunterricht an Berlins Schulen steht erschreckend schlecht da. Zu wenig Stunden, zu wenig Verbindlichkeit, zu wenig Zeit für das, was junge Menschen eigentlich verstehen müssten. Zentrale Themen wie die Weimarer Republik, die Nachkriegszeit, der Kalte Krieg und die Entwicklung der Demokratie in Deutschland müssen in Berlin oft in wenigen Unterrichtsstunden abgehandelt werden.
Zu wenig Geschichte an Berliner Schulen
„Grundsätzlich steht der Geschichtsunterricht in Berlin total dramatisch da“, sagt Lea Honoré, sie ist seit über 10 Jahren Geschichtslehrerin in Berlin. Sie unterrichtet am Georg-Herwig-Gymnasium in Hermsdorf und erlebt die Folgen täglich im Klassenzimmer.
Wer heute in Berlin zur Schule geht, hat von der 7. bis zur 10. Klasse oft nur eine bis maximal zwei Stunden Geschichte pro Woche und das nicht einmal durchgehend. In manchen Jahrgängen gibt es mehr Geschichtsunterricht, in anderen weniger.
Sekundarschulen ohne eigenes Geschichtsfach
Besonders dramatisch sei die Lage an den Sekundarschulen, berichtet Lea Honoré. Dort existiere Geschichte häufig nicht einmal mehr als eigenes Fach. Stattdessen werde sie gemeinsam mit Politik, Geografie und Ethik unterrichtet. Was am Ende tatsächlich behandelt werde, hänge oft davon ab, welche Lehrkraft gerade vor der Klasse steht. Sitze ein Geograf im Raum, rücke Geschichte schnell in den Hintergrund.

Aber auch an Gymnasien ist die Lage angespannt. Zwar gibt es dort noch eigenständigen Geschichtsunterricht, doch die Zeit reicht kaum aus. Nationalsozialismus, Weimarer Republik, Nachkriegszeit und DDR-Geschichte müssen oft in wenigen Stunden abgehandelt werden. Für Einordnung, Diskussionen oder vertiefende Fragen bleibt kaum Raum.
Große Lücken trotz großem Interesse
Die Folgen zeigen sich spätestens in der Oberstufe. Viele Schülerinnen und Schüler kommen mit erheblichen Wissenslücken an. Grundlegende Dinge sind unklar. „Manche wissen nicht sicher, ob die DDR eine Diktatur war“, berichtet die Berliner Geschichtslehrerin. Auch zentrale Figuren der deutschen Geschichte ließen sich von vielen Jugendlichen kaum einordnen.
Dabei ist das Interesse der Jugendlichen da. Gerade Themen wie Nationalsozialismus, Mauer, Stasi und Teilung sind nah, greifbar und werfen Fragen auf. „Geschichte ist eigentlich das Fach für Demokratiebildung“, sagt Honoré. Hier lernen junge Menschen, Quellen zu bewerten, Zusammenhänge zu verstehen und sich eine eigene Meinung zu bilden.
Lehrerverband fordert Kurswechsel
Der Berliner Landesverband der Geschichtslehrer fordert deshalb einen grundsätzlichen Kurswechsel. Kernpunkt ist die Einführung von vier verpflichtenden Geschichtssemestern in der gymnasialen Oberstufe – aktuell sind es nur zwei.
In der Hauptstadt der deutschen Geschichte wird Geschichte zunehmend zur Randnotiz. Wer an Stunden spart, spart an Wissen – und riskiert, dass junge Berliner ihr Abitur machen, ohne ihre eigene Vergangenheit wirklich verstanden zu haben.




