Vor einem Jahr veränderte sich das Leben von Maximilian (13) an einem sonnigen Maitag von einem Moment auf den anderen. Ein Mitschüler griff den Jungen an seiner Spandauer Grundschule in der Sportumkleide ohne Vorwarnung von hinten mit einem Küchenmesser an. Zehn Messerstiche verletzten den damals 12-Jährigen lebensgefährlich. Heute lächelt Max schüchtern, als wir ihn noch einmal treffen. Im KURIER erzählt er tapfer von seinen Plänen für ein neues Leben.
Max will funkeln, das Dunkle hinter sich lassen
In Max’ Ohren blitzen zwei Glitzersteine, die Löcher hat er sich gerade erst stechen lassen. Ob er Angst vor dem Schmerz beim Ohrlochstechen habe, hat ihn die Mitarbeiterin gefragt. Da hat Max nur leicht gegrinst. Wer zehn Messerstiche, drei OPs und wochenlange Reha ertragen kann, den können zwei Löcher im Ohr nicht mehr schrecken. Max will funkeln, die dunklen Tage hinter sich lassen.
Max’ Mutter, Franziska Mihalic, erinnert sich an den Tag des Angriffs auf ihren Sohn, den 22. Mai 2025, als wäre er erst gestern geschehen. „Normal wird es wohl nie wieder“, sagt sie leise. Zu stark sind die Bilder des kleinen Max voller Schläuche wie er auf der Intensivstation liegt in ihrem Kopf eingebrannt.
Lilly rettete sein Leben
Max verdankt sein Leben einer Mitschülerin, Lilly, die nach dem Angriff als Erste zu ihm eilt und ihm auf dem Schulhof mit ihrer kleinen Hand auf seine Halswunde drückt, aus der das Blut strömt. Im Virchow-Krankenhaus kämpften die Ärzte dann um sein Leben, ein Lungenkollaps wird diagnostiziert, das Messer des Angreifers verfehlte Max’ Herz nur knapp.

Doch noch lange Zeit nach dem Angriff schleichen sich die Albträume in Max’ Nächte. Doch Max will sich von diesem einen Tag in der Vergangenheit, der so einschneidend war, befreien. Er ist gewachsen, innen wie außen. Seine Narben verblassen, verschwinden werden sie nicht.
Seit fast einem Jahr geht Max nun in die siebente Klasse einer neuen Oberschule in Spandau. Er hat sie sich schon vor dem Angriff ausgesucht, weil es hier Schach als Unterrichtsfach gibt. Bei seinem ersten Turnier hat sich Max wacker geschlagen. Der 13-Jährige wird von den Lehrern gefördert. In den Sommerferien fährt er mit zur Juniorakademie auf der Jugendfarm Scharfenberg.
Inzwischen hat sich auch an der neuen Schule herumgesprochen, was Max damals Schreckliches widerfahren ist. Doch die Mitschüler haben souverän reagiert. „Es gab keine dummen Sprüche“, sagt Franziska Mihalic. Max hat Freunde gefunden. „Was soll mir jetzt noch passieren?“, fragt er.

Dabei könnte er dem Täter von damals jederzeit in seinem Kiez wieder begegnen. Ob er Angst habe? Max schüttelt den Kopf. Weil der Angreifer erst 13 Jahre alt war als er von der Polizei geschnappt wurde, folgten der Tat keine Strafen, ein Verfahren wurde eingestellt. Der Vater des Jungen habe ihnen aber einen Brief geschrieben, erzählen die Mihalics. In diesem sagt er, wie leid ihm das Geschehene tue und dass er hoffe, dass seinem Sohn nun geholfen werde.
Bluttat vorher angekündigt
Denn schon lange vor dem Angriff hatte der Täter immer wieder damit gedroht, „jemanden abzustechen“, sagt Franziska Mihalic. Keiner habe das ernst genug genommen. „Es war klar, dass der Junge Hilfe brauchte. Er ist auch ein Opfer.“

Nach dem Angriff „wurde der schreckliche Vorfall umfassend aufgearbeitet, intensiv begleitet von der Schulaufsicht“, schreibt der Sprecher der Schulsenatorin auf eine Anfrage des KURIER. Das schulische Krisenteam und die Schulpsychologie vom SIBUZ seien eingeschaltet gewesen.
Wieviel Gewalt gibt es an Berliner Schulen?
Doch Gewalt an Schulen ist auch ein Jahr später an Berliner Schulen ein tägliches Thema. Die Schulsenatorin will sich ein umfassenderes Bild von Gewalt- und Mobbingvorfällen verschaffen. Die Senatsverwaltung lässt deshalb derzeit eine wissenschaftliche Studie zu Konflikten und Gewaltvorfällen an Berliner Schulen durchführen.
Mobbing, Antisemitismus, Sexismus, religiöser Konformitätsdruck, Queer- und Transfeindlichkeit sowie weitere Diskriminierungsformen an Schulen sollen untersucht werden, um daraus Maßnahmen abzuleiten.
Ziel ist es, ein vertieftes und empirisch belastbares Verständnis darüber zu gewinnen, wo und aus welchen Gründen Konflikte im Schulalltag entstehen und wie Schulen in der Prävention und Bearbeitung dieser Situationen wirksam unterstützt werden können, heißt es von der Schulverwaltung.
Handeln bevor es zur Katastrophe kommt
Am Ende liegt es aber immer in den Händen der Akteure vor Ort, wie ernst sie Prävention nehmen und wie sie bei Vorfällen reagieren.
Anders als an der Grundschule, in der keiner rechtzeitig tätig wurde, bevor es zur Katastrophe kam, werden an Max’ neuer Schule Gewalt und Mobbing schneller geahndet, erzählt Franziska Mihalic.
Auf eine Ermahnung folgen sogleich Konsequenzen. Eine Zeit im Trainingsraum wird verordnet, dort sind Schulsozialarbeiter da, um schnell zu handeln. Wer dreimal im Trainingsraum war, riskiert einen Brief an die Eltern. Wenn auch das nicht hilft, gibt es eine Klassenkonferenz. „Hier wird gehandelt, bevor die Probleme hochkochen“, sagt Franziska Mihalic. Wer verbal oder körperlich Gewalt ausübt, oder Dinge zerstört, muss im Nachgang Arbeiten für die Allgemeinheit leisten. „Als Mutter fühle ich mich damit sicherer.“
Max’ Pläne für seine Zukunft

Dennoch zuckt sie auch heute noch jedes Mal zusammen, wenn die Schule anruft. Es ist eine Gratwanderung für das Mutterherz, den Sohn, der langsam flügge wird auch nach der schlimmen Erfahrung selbständig in die Welt gehen zu lassen.
Für seine Zukunft hat Max konkrete Pläne: Nach der Schule will Max eine Ausbildung als Konditor machen. Er backt und kocht gern. Alles was mit Kreativität zu tun hat, macht ihm Spaß. Vor den Sommerfeien würde er sich gern noch bei den Feuerwehrleuten und Sanitätern, die sich auf dem Schulhof um ihn kümmerten, bedanken. Vielleicht melden sie sich beim KURIER?
Und während wir noch reden, übt Max auf dem Handy Englisch und zockt dann ein bisschen. Er ist ein ganz normaler Junge, der einfach einmal in seinem Leben zur falschen Zeit am falschen Ort war.


