Die Karower Chaussee in Berlin-Pankow sorgt gerade für Schlagzeilen: Laut eines neuen Berichts der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung gehört sie zu den ärmsten Straßen der Hauptstadt. Eine überraschende Einordnung für Pankow. Der KURIER hat Passanten gefragt, wie wohl sie sich hier fühlen und ein vielstimmiges Bild bekommen.
Zahlen, die über den Status entscheiden
Kinder sind auf dem Heimweg von der Schule, Menschen tragen Einkaufstüten über die Gehwege, die Sonne fällt durch hohe Bäume und taucht die Straßen in ein helles Grün. Zwischen parkenden Autos und schlichten Wohnblöcken wirkt der Kiez um die Karower Chaussee auf den ersten Blick ruhig und beinahe dörflich. Und doch: Die Gegend ist ein sozialer Brennpunkt.

Die Einstufung des Kiezes basiert auf dem Berliner „Monitoring Soziale Stadtentwicklung“, das vier zentrale Faktoren berücksichtigt: Arbeitslosigkeit, den Anteil von Alleinerziehenden, den Bezug staatlicher Leistungen sowie Kinderarmut. In der Karower Chaussee fallen diese Werte im Vergleich zur Gesamtstadt überdurchschnittlich hoch aus. Deshalb wurde das Gebiet neu als Bereich mit besonderem Aufmerksamkeitsbedarf eingestuft.

Geprägt ist der Kiez vor allem von mehrgeschossigen Wohnhäusern mit hellen Fassaden, flachen Dächern und großzügigen Grünflächen dazwischen. Man ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut angebunden und in etwa 30 bis 40 Minuten in Berlin-Mitte. Nur wenige Gehminuten innerhalb des Viertels befinden sich Kitas, Schulen und Einkaufsmöglichkeiten. So entsteht ein Bild, das auf den ersten Blick nicht zu dem harten Urteil passt.
„Man sieht dem Kiez seine Probleme an“
Merlin (21) findet das Urteil aber berechtigt. Vieles wirke ungepflegt, es werde zu wenig sauber gemacht. Zudem falle immer wieder das Warmwasser aus: „Da wartest du 10, 20 Minuten und es ist trotzdem nur lauwarm“. Dazu kämen kaputte Straßen, Müll, Ratten und ungepflegte Grünflächen. Frauen und Mädchen müssten hier im Dunkeln „echt Angst haben“, er selbst fühle sich aber sicher genug.

Sein Eindruck: Hier werde zu wenig investiert, das Viertel werde von der Stadt vergessen. Trotzdem räumt er ein, dass die Mieten im Vergleich noch einigermaßen bezahlbar sind: Drei Zimmer für rund 800 Euro „gehen eigentlich noch“. Sein Fazit: Die Gegend habe Potenzial, aber „es müsste einfach mehr gemacht werden, damit es hier wieder schöner wird“.
„Grün und eigentlich ganz schön“
Jelena (27) blickt anders auf das Viertel. Die Studentin ist wöchentlich für Seminare vor Ort und reagiert überrascht auf die Ergebnisse der Studie. Sie empfindet die Gegend gar nicht negativ, eher im Gegenteil: Im Vergleich zu anderen Teilen der Stadt wirke die Umgebung „ziemlich grün und eigentlich ganz schön“.

Was sie vielmehr beschäftigt, ist die grundsätzliche Entwicklung Berlins. Man merke innerhalb Berlins vor allem im Osten deutliche Unterschiede: „Je weiter man rausgeht, desto mehr verändert sich das Bild“, beobachtet sie. Die Spaltung zwischen verschiedenen Teilen der Stadt sei nach wie vor spürbar.
„Wir sind keine reichen Leute“
Für Mechthild (83), die seit Jahrzehnten hier lebt, ist Wohlfühlen weniger eine Frage der Zahlen als der Gewohnheit. „Wir sind keine reichen Leute“, sagt sie offen, aber extreme Armut nehme sie nicht wahr. Sie beschreibt die Nachbarschaft als bodenständig und das Viertel als „durchwachsen“.

Obdachlose, die auf der Straße schlafen, gebe es hier keine, aber viele seien arbeitslos oder bekämen nur eine kleine Rente. Sie räumt ein, dass ihr allerdings auch die Vergleichswerte fehlen. „Ich weiß nicht, wo es schlimmer ist“, sagt sie. Sie fühle sich hier zuhause und habe „mehr Angst vor den Hunden als vor den Menschen“.
„Ruhig, aber arm“
Auch Claus (76) fühlt sich wohl in dem Viertel. Für ihn steht vor allem die Ruhe im Vordergrund: „Die Leute leben hier ruhig, das ist das Gute hier.“ Aber er räumt ein, der Kiez sei definitiv nicht wohlhabend und „schon ein armer Teil.“ Entscheidend sei für ihn aber die Lebensqualität und die stimme aus seiner Sicht. Er habe sich hier einst nur wenige Straßen entfernt ein Haus gebaut und sei bis heute zufrieden.



