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Eigener Dienst: Nanu, warum liefert Amazon seine Pakete jetzt selbst aus?

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Kunden, die die Amazon-Zusteller nicht antreffen, bekommen eine solche Benachrichtigungskarte. 

Foto:

Peters

Köln -

„Wir haben Sie verpasst“, sagt das orangene Pappkärtchen im Briefkasten. Angenommen hat der Nachbar das Amazon-Paket. Absender der Benachrichtigungskarte ist „Amazon Logistics“. In den letzten Wochen berichteten gleich mehrere Kollegen, dass ihr Amazon-Paket nicht mit DHL oder Hermes geliefert wurde – sondern vom eigenen Amazon-Lieferdienst nach Hause gebracht wurde.

Amazon trägt jetzt seine eigenen Pakete aus, doch gemerkt hat das bisher kaum jemand. Und groß angekündigt hat das Unternehmen die neue Dienstleistung bisher auch nicht. Was steckt dahinter?  

Kunden wollen schnelle und günstige Lieferung 

Stephan Eichenseher von der Amazon-Pressestelle dazu auf Nachfrage: „Wir sehen einfach einen wachsenden Bedarf beim Kunden: Wir bekommen immer mehr dringende Bestellungen mit dem Lieferwunsch am selben oder am nächsten Tag. Darauf wollen wir bestmöglich reagieren können.“ 

Jedoch sei die Infrastruktur nicht adäquat mit der gestiegenen Nachfrage mitgewachsen. „Wenn wir am Tag 110 Pakete zu verschicken haben, die Lieferpartner aber nur Kapazitäten für 100 Amazon-Pakete haben, dann liefern wir die übrigen 10 Pakete eben selbst aus.“ Fakt ist also: Der Onlinehändler will sich unabhängiger von Paketdiensten wie DHL, Hermes oder DPD machen und baut mit Amazon Logistics einen eigenen Zustelldienst auf.

Amazon Logistics bereits seit 2015 in Deutschland tätig

Die ersten Meldungen dazu gab es im Sommer 2015. Das berichtet das Tech-Medium „t3n“. Das Unternehmen, hieß es damals, fokussiere auf die „Erbringung logistischer Dienstleistungen, insbesondere Transport, Umschlag und Lagerung“. Amazon-Manager Bernd Schwenger betonte damals, dass der Aufbau eines eigenen Zustellnetzes aber „kein Ausdruck mangelnden Vertrauens in die Fähigkeiten der derzeitigen Dienstleiter Deutsche Post DHL, Hermes oder DPD“ sei, sondern dass Amazon lediglich Flexibilität gewinnen wolle, neue Services wie Same-Day-Zustellung anzubieten, ansonsten wurde wenig bekannt.

Ende 2015 startete auch das erste deutsche Verteilzentrum von Amazon Logistics in Olching in der Nähe von München als Modellprojekt. Inzwischen gibt es in Deutschland fünf solcher Zentren, bestätigt Amazon auf Nachfrage. Diese sind nach Regionen eingeteilt und umfassen die Räume um München, Berlin, Mannheim/Frankfurt, Köln und Bochum. Beliefert werden Kunden also nicht überall in Deutschland, nur in ausgewählten Städten und Regionen, nämlich dort, wo sich Logistikzentren befinden.

Zusteller sind nicht direkt bei Amazon angestellt

Angestellt seien die Zusteller nicht direkt bei Amazon, sondern bei den „Delivery Service Providern“ (DSP). Das bestätigt auch Stephan Eichenseher: „Amazon hat keine eigenen Fahrer, wir arbeiten mit lokalen und regionalen Lieferpartnern zusammen.“ Die Angestellten in den Logistikzentren, in jedem der fünf Zentren sind rund 100 bis 150 Mitarbeiter beschäftigt, bekommen nach Angaben von Amazon 10,52 pro Stunde. Für die Zusteller könne man keine Angaben machen, jedoch erklärte Bernd Schwenger gegenüber dem Nachrichtenportal „heise.de“, dass rund 70 Prozent der Fahrer bei den DSPs angestellt seien und somit nach dem Logistiktarif bezahlt werden würden.

Neuer Lieferdienst will sich mehr am Kunden orientieren

Ziel sei es, sich mehr am Kunden zu orientieren, er soll der Sendung nicht mehr hinterherlaufen müssen, so der Amazon-Sprecher. Wenn man die Pakete selbst ausliefere, sei man frei in der Gestaltung und Einteilung der Route der Fahrer. „Wir planen unsere Routen selbst. Uns ist dabei wichtig, dass ein Fahrer möglichst immer in derselben Nachbarschaft unterwegs ist.“ So kenne er sich bald gut aus und die Menschen kennen den Zusteller im besten Fall.

Außerdem lerne die Software dazu: der Fahrer kann beispielsweise bevorzugte Ablageorte von Kunden, Öffnungszeiten von Geschäften etc. in das System eingeben. Diese Informationen werden dann bei zukünftigen Routen und Fahrten berücksichtigt. 

Wer vorher weiß, dass er nicht da ist, kann „sicheren Ablageort“ angeben

In der Realität gibt es möglicherweise noch einiges zu lernen. Einer Kollegin wurde vom Amazon-Zusteller mitgeteilt, ausgeliefert werden dürfe nur an Nachbarn oder einen selbst. Für Kunden, die nicht zuhause sind oder keine netten Nachbarn haben, heißt das. Der Fahrer nimmt das Paket wieder mit. 

Amazon sagt dazu: Der Zusteller weiß, wohin der das Paket liefern soll. Der Kunde könne bei der Bestellung online einen „sicheren Ablageort“, einen Amazon Locker oder eine andere Abholstation wie etwa die von DHL angeben. (mit dpa)