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Mädchen von Straßenbahn erdrückt: Protokoll einer unfassbaren Tragödie

Tram

Feuerwehrleute versuchen, dass Mädchen (13) unter der Straßenbahn zu bergen. Sie stirbt bei dem Rettungsversuch. 

Foto:

Morris Pudwell

Berlin -

Sie hat sich von ihrer Freundin verabschiedet, dann erfasste sie die Straßenbahn. War es ausschließlich Unachtsamkeit oder hätten eine Ampel und ein Schutzgitter das Mädchen (13) vor der einfahrenden Bahn gewarnt? Der Fall löst Diskussionen um die Sicherheit an den Gleisen aus.

Tödliche Unfälle sind ein Zeichen, dass etwas nicht funktioniert, dass Politik und Verwaltung reagieren müssen, fordert Ragnhild Sørensen vom Verein Changing Cities. Die 53-jährige Verkehrsexpertin kritisiert, dass es am Unfallort am Blockdammweg keine Warn-Ampel gibt. Auch ein Z-Gitter, das Fußgänger dazu veranlasst, die Gleise im Zickzack zu queren und den Bahnen entgegen zu schauen, fehlt.

Feuerwehr

Ein geschockter Feuerwehrmann versucht, das Unglück zu verarbeiten. 

Foto:

Morris Pudwell

„Der Ausbau einer Infrastruktur, die Fehler verzeiht und so tragische Unfälle reduziert, ist dringend geboten“, so Sørensen. Am Dienstag war eine 13-Jährige unter eine Straßenbahn geraten. Sie hatte sich von ihrer Freundin verabschiedet, dann drehte sie sich um und ging los – da erfasste sie eine Bahn der Linie 21. Dabei verlor die Schülerin zwei Finger, blieb aber bei Bewusstsein.

Die Feuerwehr hob den Straßenbahnwagen mit hydraulischen Wagenhebern an, weil die Einsatzkräfte nicht mehr auf den Spezialkran der BVG warten konnten. Doch dann soll ein Wagenheber abgerutscht sein. Der Zug, der leer rund 34 Tonnen wiegt, senkte sich. Das Mädchen wurde durch die Last erdrückt. Für sie kam jede Hilfe zu spät.

Wöchentlicher Ernstfall

Das Landesamt für Arbeitsschutz, Gesundheitsschutz und technische Sicherheit versucht nun die Frage zu klären: Warum rutschte der hydraulische Wagenheber aus der Verankerung? „Wir prüfen, ob das Gerät defekt war oder ob es zu einem Bedienungsfehler gekommen ist“, sagt ihr Sprecher Harald Henzel. Falls sich herausstellt, dass das Gerät fehlerhaft war, wird es gemeldet und möglicherweise vom Markt genommen. 

Bei der Feuerwehr will man das Handeln kritisch hinterfragen und mögliche Fehler nachbessern, wenn es welche gab, sagt Sprecher Björn Radünz. Bei dem Einsatz hatte es sich um Routine gehandelt. Der Technische Dienst probt solche Situationen täglich. Durchschnittlich einmal pro Woche gibt es einen Ernstfall.

Unfallort

Familie und Freunde haben Blumen und Kerzen am Unfallort abgelegt. 

Foto:

Eric Richard

„Ein Strafermittlungsverfahren wurde bisher nicht eröffnet“, erklärt Polizeisprecher Thomas Neuendorf. Der Verkehrsermittlungsdienst werde erst den genauen Unfallhergang zwischen Radfahrerin und Straßenbahn aufklären. Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club, der bei Trauerkundgebungen weiße Geisterräder aufstellt, ruft den Senat zu größerer Anstrengung auf. 

„Durch eine Fehler verzeihende Infrastruktur, Geschwindigkeitsbegrenzungen, mehr Prävention und Kontrollen und die Ausweitung der Fahrradstaffel der Polizei hätte die Unfallzahl längst reduziert werden können. Doch bislang ist in anderthalb Jahren Rot-Rot-Grün kaum etwas passiert“, so der ADFC.

157 Kinder wurden schwer verletzt

2017 starben in Berlin 36 Menschen im Straßenverkehr, dieses Jahr waren es bisher 19. Doch Tatsache ist auch, dass Kinder selten verunglücken. Im vergangenen Jahr registrierte die Berliner Polizei fast 144.000 Verkehrsunfälle. In 917 Fällen waren Menschen unter 14 Jahren, die aktiv am Verkehr teilnahmen, betroffen.

Ein Kind starb, 157 Kinder wurden schwer, 594 leicht verletzt. Zum Vergleich: 1993 kamen 21 Kinder ums Leben. Der beste Schutz für unsere Kinder sind laut Experten bessere Autotechnik und bessere Straßen. Außerdem müssen sie frühzeitig lernen, wie man sich selbstständig im Straßenverkehr verhält.