Hilferuf von Anwohnern

„Menschen verrecken“ – Crack-Krise erreicht diese Straße in Kreuzberg

Anwohner der Forster Straße berichten von offenem Drogenkonsum, Deals im Hausflur und wachsender Belastung. Sie fordern Hilfe.

Author - Sebastian Karkos
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In diesem Hauseingang hat sich ein drogenabhängiger Mann gelegt. Er wird von den Anwohnern „der Professor“ genannt.
In diesem Hauseingang hat sich ein drogenabhängiger Mann gelegt. Er wird von den Anwohnern „der Professor“ genannt.Markus Wächter/Berliner Zeitung

Es ist ein Trend, der Sorgen macht: Europa wird von Drogen überflutet. Vor allem Crack, ein Gemisch aus Kokain und Natron, hat längst auch Berlin erreicht. Die Crack-Krise trifft eine Straße in Kreuzberg besonders hart. Die Anwohner der Forster Straße fühlen sich alleingelassen. Der KURIER schaute vorbei.

In den vergangenen fünf Jahren hat der Crack-Konsum zugenommen

Anja lebt seit elf Jahren in der Nähe des Görlitzer Parks und beobachtet eine beängstigende Entwicklung: „Ich habe vor fünf Jahren nicht einen Menschen gesehen, der auf der Straße Crack geraucht hat.“ Das hat sich geändert. Vor allem im Wrangelkiez und im Reichenberger Kiez, zu dem auch die Forster Straße gehört.

Anja: „In unserer Straße wird sehr viel Crack konsumiert. Hier hängen sehr viele Menschen auf der Straße rum, konsumieren. Und sie sind zum Teil in einem elenden Zustand.“

Das zeigt sich auch beim Besuch des KURIER. In einem Hauseingang liegt ein Mann, der zunächst nicht wie ein Drogenabhängiger wirkt. Anwohner nennen ihn deshalb „den Professor“. Man kennt sich. Zwei Männer sitzen auf einer Treppe. Beide tragen Sonnenbrillen. Einer ist wach, der andere macht nicht den Eindruck, als wüsste er, wo er sich befindet.

Anja, Finn und Metin (v.l.) wollen, dass sich in ihrer Forster Straße endlich etwas tut.
Anja, Finn und Metin (v.l.) wollen, dass sich in ihrer Forster Straße endlich etwas tut.Markus Wächter/Berliner Zeitung

Anja: „Ich habe eine neunjährige Tochter, die auf ihrem Schulweg an den Leuten vorbeigehen muss. Es wird sehr viel Dreck, Müll, vor allem auch zahlreiche Spuren des Drogenkonsums – auch Spritzen – hinterlassen.“

Natriumbicarbonat-Packungen sind überall zu sehen

Auffallend: Auf Straße und Gehweg liegen überall (leere) Natriumbicarbonat-Ampullen. Dieses wird zur Herstellung von Crack benötigt. Das Gefährliche an dieser Droge: Sie macht schnell abhängig, und die Wirkung hält nur kurz an. Die Folge: Es muss ständig nachgelegt werden. Das Rauschmittel führt zu schweren körperlichen und psychischen Schäden.

Diese leeren Natriumbicarbonat-Ampullen liegen verstreut in der Forster Straße. Sie werden  zur Herstellung von Crack benötigt.
Diese leeren Natriumbicarbonat-Ampullen liegen verstreut in der Forster Straße. Sie werden zur Herstellung von Crack benötigt.Markus Wächter/Berliner Zeitung

Der Bezirk nennt die Abhängigen „Menschen in psychischen Ausnahmesituationen“. Anja berichtet: „Viele werden einfach richtig verrückt und haben komische Verhaltensweisen. Die schreien rum, schmeißen Flaschen durch die Gegend oder wandeln so zombiemäßig durch die Straßen. Gerade für Kinder ist das wahnsinnig beängstigend, wenn die Leute halb bewusstlos sind. Crack macht wirklich das Gehirn kaputt.“ 

Die Sozialarbeiterin erinnert sich: „Letzten Sommer hatten wir bei warmem Wetter fast jede Nacht jemanden im Treppenhaus. Und dann hat man morgens immer die Hinterlassenschaften gefunden, in Form von Urin, Kippen, Wasserflaschen und manchmal auch ein bisschen Blut.“

Die Tür immer schließen! Drogenabhängige gehen auch in die Hauseingänge und konsumieren dort Crack.
Die Tür immer schließen! Drogenabhängige gehen auch in die Hauseingänge und konsumieren dort Crack.Markus Wächter/Berliner Zeitung

Warum ist ausgerechnet die Forster Straße so von der Crack-Krise betroffen? Zwei Eingänge zum Görlitzer Park – ein seit Jahren bekannter Brennpunkt für Drogenhandel – liegen in unmittelbarer Nähe. Hinzu kommt: Die Straße ist stark begrünt, was hier zum Nachteil wird. Dealer und Konsumenten können sich hinter Bäumen, in Büschen oder zwischen geparkten Autos verstecken. Und das in Ruhe. Da es keine Läden gibt, sind nur wenige Menschen in dieser Straße unterwegs.

Eine Folge für die Bewohner: (Beschaffungs-)Kriminalität. Anja: „Eine Frau wurde überfallen, Briefkästen aufgebrochen, im Treppenhaus auch schon mal ein Feuerchen gemacht. Ich lebe hier schon in Angst vor Einbrüchen.“

Anwohner Finn berichtet: „Vor ein paar Wochen wurden aus einem Kinderwagen Sachen rausgeklaut. Es geht schon sehr nah an den privaten Raum.“ Er ergänzt: „Ich habe mal in der Wiener Straße ein Mädchen beobachtet, das nach Hause wollte, aber sie kam nicht zur Tür, weil im Hauseingang konsumiert wurde.“

Schließung des Görlitzer Parks verlagert Drogenproblematik in die Nebenstraßen

Finn weiter: „Wenn ich morgens zur Kita laufe, mit meiner Tochter auf der Schulter, dann kommt mir schon die erste Crack-Wolke entgegen, weil direkt im Hausflur konsumiert wird. Und zwar ziemlich hemmungslos, auch auf der Straße.“ Für ihn steht fest: „Es gibt einen klaren Zusammenhang mit dem Görli. Der muss offenbleiben. Wenn der Görli zu ist, beobachtet man, dass alles immer weiter in die Straßen gedrängt wird.“

Damit Drogenhandel und Drogenkonsum sich nicht in die Nebenstraßen verlagern, wollen die Anwohner, dass der Görlitzer Park immer offen ist.
Damit Drogenhandel und Drogenkonsum sich nicht in die Nebenstraßen verlagern, wollen die Anwohner, dass der Görlitzer Park immer offen ist.Markus Wächter/Berliner Zeitung

Was er meint: Der Park war im Frühjahr für rund drei Monate nachts geschlossen. Die Folge: Der Drogenverkehr verlagerte sich in die angrenzenden Straßen. Das bestätigt auch der Bezirk auf Anfrage: „Mit der nächtlichen Schließung des Görlitzer Parks vom 1. März 2026 bis Anfang Juni verzeichnet das Bezirksamt ein deutlich erhöhtes Beschwerdeaufkommen.“ Seit der Park auch im Dunkeln wieder geöffnet ist, hat sich die Lage etwas entspannt. Auch wenn auf bescheidenem Niveau.

Wir werden Kreuzberg nie zu Charlottenburg machen.

Anwohnerin Anja aus der Forster Straße

Anja: „Der Görli war schon immer ein Hotspot für Drogen. Das wissen alle, die hier leben. Trotzdem nutzen wir ihn auch alle. Das ist so eine Koexistenz. Der Görli hat auch eine entlastende Funktion für die Straße. Dass der Görli nachts aufbleibt, ist besser für uns. Dann sind die Leute nämlich nicht in unseren Treppenhäusern, sondern im Park. Und wir brauchen uns nichts vormachen: Wir werden Kreuzberg nie zu Charlottenburg machen oder so. Das ist auch total in Ordnung für uns.“

In der Forster Straße liegt viel Müll herum, die BSR könnte eigentlich jeden Tag vorbeikommen.
In der Forster Straße liegt viel Müll herum, die BSR könnte eigentlich jeden Tag vorbeikommen.Markus Wächter/Berliner Zeitung

Von mehr Polizei- oder Ordnungspräsenz hält sie wenig: „Die Polizei durchpflügt ja öfter mal mit mehreren SEKs den Görli und macht Säuberungsaktionen. Das spült nur die Leute in unsere Straßen rein und bringt gar nichts.“

Menschen verrecken vor unseren Augen.

Anwohner Metin aus der Forster Straße

Metin lebt sein ganzes Leben im Kiez und arbeitete hier auch als Streetworker: „Wir haben die Sorge, dass es noch weiter den Bach runtergeht. Letztes Jahr habe ich mal die Polizei gerufen, und dann kam eine Wanne mit zehn bis zwölf Polizisten. Ich habe denen gesagt: Passt auf, gerade wird vor unseren Augen geraucht, einer ist im Gebüsch umgefallen und war gar nicht mehr ansprechbar. Man steht als Mensch hier und kann nicht helfen. Wirklich, das tut mir im Herzen weh. Menschen verrecken vor unseren Augen.“

Zimmer mit Aussicht: In der Forster Straße kann es auch beschaulich zugehen.
Zimmer mit Aussicht: In der Forster Straße kann es auch beschaulich zugehen.Markus Wächter/Berliner Zeitung

Nicht Zäune, sondern konkrete Hilfe für die Menschen seien die Lösung in der Forster Straße, so die Anwohner.

„Man sieht wirklich Menschen, die leiden, denen es schlecht geht, die kurz vor dem Verrecken sind“, so Finn. „Man spürt gleichzeitig diese Hilflosigkeit. Und es geht einfach jahrelang so weiter. Man beobachtet ein Scheitern des sozialen Netzes, des Sozialstaates. Man sieht, dass sich nichts ändert. Die Mittel werden gestrichen, die Probleme verschlimmern sich, und das Geld wird an der falschen Stelle ausgegeben. Die Hilfe für die Menschen muss jetzt kommen.“

Streetworker statt Polizeikameras und Zäune?

Für ihn steht fest: „Was meine Tochter braucht, ist ein sauberer Spielplatz – keine Menschen, die auf der Straße konsumieren, und im besten Fall nicht barfuß in eine Spritze zu laufen. Die Probleme werden nicht gelöst, indem man noch mehr Geld in Polizeikameras und Zäune steckt. Sie werden kleiner, wenn man das Geld nimmt und Streetworkern gibt, Räume schafft, wo Menschen konsumieren können, und vor allem auch begleitet werden. Für soziale Probleme braucht es soziale Lösungen.“

Anja hat gemeinsam mit anderen Anwohnern die Politik auf die Missstände aufmerksam gemacht. Sie fordern mehr Sicherheit und Hilfe für Suchtkranke. Die Reaktion lässt auf sich warten. „Ich habe die Parteien explizit alle eingeladen: Kommen Sie bitte vorbei“, erzählt Anja. „Und es ist keiner gekommen. Wir sind das Brennglas eines ganz komplexen sozialen Problems in Deutschland.“

Berlin arbeitet an einer neuen Strategie für unter anderem mehr Sicherheit und Sauberkeit

Laut Bezirk arbeitet die Stadt gerade im Rahmen des Sicherheitsgipfels an einer Strategie für mehr Sicherheit, Sauberkeit und die Verringerung von Drogenkonsum und Obdachlosigkeit. „Ein wichtiger Baustein ist dabei der Ausbau einer integrierten Sucht- und Obdachlosenhilfe. Insbesondere sollen Unterbringung, Suchthilfe und gesundheitliche Versorgung enger verzahnt werden“, heißt es. „Das beinhaltet auch den Ausbau niedrigschwelliger, gut erreichbarer Einrichtungen sowie eine verbesserte Organisation der Aufenthalts- und Versorgungsstrukturen im öffentlichen Raum.“ 

Für die Menschen in der Forster Straße zählt vor allem eines: Es muss sich endlich etwas ändern. Bevor die Lage weiter eskaliert.

Wie ist Ihre Meinung zum Thema? Kennen Sie die Forster Straße in Kreuzberg? Bitte schreiben Sie uns:leser-bk@berlinerverlag.com