Härtere Urteile, neue Technik

Warum Berlin den Clans nur mit dauerhaftem Druck begegnen kann

Clankriminalität und Banden fordern Polizei und Justiz in Berlin heraus. Kontrollen, Vermögenseinzug und härtere Urteile sollen den Rechtsstaat sichern.

Author - Sebastian Karkos
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Im März 2024 nehmen Polizisten in Neukölln eine Villa aus dem Clan-Milieu ins Visier.
Im März 2024 nehmen Polizisten in Neukölln eine Villa aus dem Clan-Milieu ins Visier.Jens Kalaene/DPA

Der Kampf um Berlin ist eröffnet. Auf der einen Seite: Clan-Familien wie Remmos, Abou-Chakers und Al-Zeins. Auf der anderen Seite der deutsche Rechtsstaat, der kaum ein Mittel gegen die kriminellen Strukturen in der Hauptstadt zu finden scheint. Die Ermittler kämpfen dennoch erbittert gegen organisierte Gewalt, gegen Netzwerke, die sich konsequent abschotten und staatliche Regeln offen missachten.

Warum der Kampf gegen Kriminalität so schwierig ist

Doch ihr Kampf gleicht dem mit einer Hydra: Wird ein Kopf abgeschlagen, wächst andernorts sofort ein neuer nach.

Doch wie jagt Berlin seine Clans und Banden? Für Benjamin Jendro von der Gewerkschaft der Polizei (GdP) gibt es nur eine Lösung: „Permanenter Druck. Man muss es Straftätern immer wieder unangenehm machen.“

Er erklärt: „Diesen Gruppen geht es nicht nur ums Geld, sondern auch um Macht und Einfluss. Das Denken lautet: Die Sicherheitsbehörden können uns nichts. Und wir können uns alles erlauben: falsch parken, Menschen bedrohen oder Schlimmeres – es passiert ohnehin nichts. Dem begegnet man nur, wenn der Rechtsstaat klare Grenzen setzt. Das bedeutet: immer wieder einschreiten, immer wieder verurteilen, schnellere Verfahren und Vermögenswerte konsequent einziehen.“

Eine Polizeibeamtin sichert 2025 bei einer Großrazzia in Neukölln gegen Clans einen Lokaleingang ab.
Eine Polizeibeamtin sichert 2025 bei einer Großrazzia in Neukölln gegen Clans einen Lokaleingang ab.Morris Pudwell

Ständige Kontrollen, stetiger Druck: Es ist die sogenannte „Politik der tausend Nadelstiche“, die Behörden im Kampf gegen Drogen, Geldwäsche und illegalem Glücksspiel verfolgen.

Jendro weiter: „Wenn ich ein Krimineller bin, abends meine Shisha rauchen will, aber dreimal in der Woche Besuch von der Polizei bekomme, dann nervt mich das irgendwann. Und Fakt ist: Die Kollegen finden immer etwas.“ Er ergänzt: „Wenn wir Druck ausüben, machen sie Fehler.“ Fehler, die sich so hofft es Jendro, überführen und im besten Fall hinter Gittern bringen.

Wir müssen Anreize beschneiden, das Jugendstrafrecht reformieren, Identitäten klären und Abschiebemöglichkeiten nutzen – als klares Signal

Clan-Experte Thomas Ganz

Clan-Experte und Berlin-Kenner Thomas Ganz stimmt Jendro zu. Im Gespräch mit dem KURIER spricht er Klartext: „Es kann nicht sein, dass viele Großfamilien von Sozialleistungen leben, während sie den Rechtsstaat verhöhnen.“

Er fordert: „Wir müssen Anreize beschneiden, das Jugendstrafrecht reformieren, Identitäten klären und Abschiebemöglichkeiten nutzen – als klares Signal!“

Thomas Ganz (l.) und Benjamin Jendro sind Experten für Clan- und Bandenkriminalität in der Hauptstadt.
Thomas Ganz (l.) und Benjamin Jendro sind Experten für Clan- und Bandenkriminalität in der Hauptstadt.ZVG, Engelsmann

Benjamin Jendro ergänzt: „Es braucht konsequente Urteile – Urteile mit Abschreckungswirkung. Die Beweislastumkehr wäre ein guter Anfang.“
Sie gilt als wichtiger Hebel im Kampf gegen organisierte Kriminalität.

Berlin will mit einer Bundesratsinitiative stärker an das aus Straftaten stammende Vermögen heran. Justizsenatorin Felor Badenberg (50, CDU): „Es ist nicht länger akzeptabel, dass der Staat die illegale Herkunft jedes einzelnen Euro vollständig nachweisen muss, während Kriminelle ihren Reichtum offen zur Schau stellen.“

Justiz-Senatorin Felor Badenberg setzt viel auf die Beweislastumkehr.
Justiz-Senatorin Felor Badenberg setzt viel auf die Beweislastumkehr.Berlinfoto/imago

Ein großes Problem besteht darin, dass die Behörden nur schwer in Clan- und Bandenstrukturen vordringen können. Vieles werde „intern“ geklärt. Das interne Regeln von Angelegenheiten könne auch von Vorteil sein, da es mitunter gar nicht erst zur Eskalation käme.

Doch Thomas Ganz hält von dieser Theorie wenig: „Dieses ‚Regeln von Problemen untereinander‘ kann ich so nicht stehen lassen. Am Ende wird gegen alles verstoßen, was unser Rechtssystem, unseren Rechtsstaat ausmacht.“

Wird das Zeugenschutzprogramm geändert?

Ein weiteres Werkzeug könnte die Änderung des Zeugenschutzprogramms sein. Benjamin Jendro: „Wenn jemand aus Clanstrukturen herauswill, fehlt es für viele an echten Alternativen.“

Experte Ganz: „Es muss frontal reformiert werden. Clans leben von Angst. Professioneller Zeugen- und Opferschutz muss strategisch gedacht werden, nicht fallbezogen. Angst und Bedrohung sind ihr Geschäftsmodell.“

Viele technische Maßnahmen sind noch möglich

Technisch gibt es ebenfalls Verbesserungsbedarf. Jendro: „Wir müssen über eine Ausweitung gesetzlicher Befugnisse sprechen, über Quellen-Telekommunikationsüberwachung, IP-Mindestspeicherfristen oder den Einsatz KI-basierter Technik. Auch über Bargeldobergrenzen. Diese Elemente fehlen bislang.“

Ende März wurden aus einem Fahrzeug heraus Schüsse auf ein Café in der Hermannstraße in Neukölln abgegeben.
Ende März wurden aus einem Fahrzeug heraus Schüsse auf ein Café in der Hermannstraße in Neukölln abgegeben.Axel Billig/Pressefoto Wagner

In Berlin sorgen seit Monaten Serien von Schüssen für Schlagzeilen, die mutmaßlich türkischen Banden zugerechnet werden. Daher gründete die Berliner Polizei im November 2025 die „Besondere Aufbauorganisation (BAO) Ferrum“. Waffen sind ein großes Problem und überschwemmen geradezu den Markt. Doch woher kommen sie?

Schusswaffen stammen häufig aus der Türkei

Die Polizei: „Es liegen Erkenntnisse vor, dass illegal hergestellte Schusswaffen, die in der EU gehandelt beziehungsweise verwendet werden, häufig aus der Türkei stammen. Hierbei handelt es sich regelmäßig um funktionsfähige Totalfälschungen von Kurz- und Langwaffen namhafter Hersteller. Die in Berlin sichergestellten Waffen sind in der Regel Pistolen.“

Die Sondereinheit Ferrum hat in den vergangenen Monaten viel zu tun in Berlin.
Die Sondereinheit Ferrum hat in den vergangenen Monaten viel zu tun in Berlin.Manuel Genolet/DPA

Experte Ganz fügt an: „Die Waffen werden nach mir vorliegenden Informationen teilweise auch bereits mit 3D-Druckern hergestellt. Es handelt sich dabei zum Teil um halbautomatische Waffen, die funktional höchst gefährlich und zugleich relativ einfach herzustellen sind. Das ist allerdings nicht nur in der Türkei so. Auch in Tschechien gibt es Erkenntnisse zu Produktionsstätten, die Waffen auf diese Weise herstellen und ihren Abnehmern zugänglich machen.“

Bis voraussichtlich Herbst soll es die Einsatz­einheit Ferrum geben, dann wird ein Fazit gezogen. Die Bilanz bisher?

Blick über die bisherigen Ferrum-Aktivitäten. Ausgewählte Einsatzarten (Stichtag: 30. März 2026/Quelle: Polizei Berlin):
  • Identitätsfeststellungen: 5.319
  • Fahrzeugüberprüfungen: 3.031
  • Lokalüberprüfungen: 826
  • Eingeleitete Ermittlungsverfahren: 289
  • Sichergestellte Schusswaffen (scharf): 27 (plus 10 in der BAO Park, der Vorgänger-BAO)
  • Haftbefehle: 22
Im März wurden in Kreuzberg zwei Personen durch Schüsse lebensbedrohlich verletzt.
Im März wurden in Kreuzberg zwei Personen durch Schüsse lebensbedrohlich verletzt.Axel Billig / Pressefoto Wagner

Die Schusswaffendelikte haben dazu beigetragen, dass sich die Lage in Berlin spürbar zugespitzt hat. Zivile Opfer hat es bislang nicht gegeben. Doch für Experten ist das kein Zeichen der Entwarnung. „Es ist keine Frage des Ob, sondern des Wann“, sagt Thomas Ganz. Noch sei es möglich, gegenzusteuern: „Wir haben den Kampf gegen Clans und Banden eigentlich schon verloren, aber es ist nicht zu spät, unsere Kräfte zu bündeln.“

Damit Ruhe und Sicherheit nach Berlin zurückkehren.

Wie ist Ihre Meinung zum Thema? Helfen die Mittel der Behörden, um die Clan- und Bandenkriminalität zu bekämpfen? Bitte schreiben Sie uns:leser-bk@berlinerverlag.com