Der Kampf um Berlin ist eröffnet. Auf der einen Seite: Clan-Familien wie Remmos, Abou-Chakers und Al-Zeins. Auf der anderen Seite der deutsche Rechtsstaat, der kaum ein Mittel gegen die kriminellen Strukturen in der Hauptstadt zu finden scheint. Die Ermittler kämpfen dennoch erbittert gegen organisierte Gewalt, gegen Netzwerke, die sich konsequent abschotten und staatliche Regeln offen missachten.
Warum der Kampf gegen Kriminalität so schwierig ist
Doch ihr Kampf gleicht dem mit einer Hydra: Wird ein Kopf abgeschlagen, wächst andernorts sofort ein neuer nach.
Doch wie jagt Berlin seine Clans und Banden? Für Benjamin Jendro von der Gewerkschaft der Polizei (GdP) gibt es nur eine Lösung: „Permanenter Druck. Man muss es Straftätern immer wieder unangenehm machen.“
Er erklärt: „Diesen Gruppen geht es nicht nur ums Geld, sondern auch um Macht und Einfluss. Das Denken lautet: Die Sicherheitsbehörden können uns nichts. Und wir können uns alles erlauben: falsch parken, Menschen bedrohen oder Schlimmeres – es passiert ohnehin nichts. Dem begegnet man nur, wenn der Rechtsstaat klare Grenzen setzt. Das bedeutet: immer wieder einschreiten, immer wieder verurteilen, schnellere Verfahren und Vermögenswerte konsequent einziehen.“

Ständige Kontrollen, stetiger Druck: Es ist die sogenannte „Politik der tausend Nadelstiche“, die Behörden im Kampf gegen Drogen, Geldwäsche und illegalem Glücksspiel verfolgen.
Jendro weiter: „Wenn ich ein Krimineller bin, abends meine Shisha rauchen will, aber dreimal in der Woche Besuch von der Polizei bekomme, dann nervt mich das irgendwann. Und Fakt ist: Die Kollegen finden immer etwas.“ Er ergänzt: „Wenn wir Druck ausüben, machen sie Fehler.“ Fehler, die sich so hofft es Jendro, überführen und im besten Fall hinter Gittern bringen.
Wir müssen Anreize beschneiden, das Jugendstrafrecht reformieren, Identitäten klären und Abschiebemöglichkeiten nutzen – als klares Signal
Clan-Experte und Berlin-Kenner Thomas Ganz stimmt Jendro zu. Im Gespräch mit dem KURIER spricht er Klartext: „Es kann nicht sein, dass viele Großfamilien von Sozialleistungen leben, während sie den Rechtsstaat verhöhnen.“
Er fordert: „Wir müssen Anreize beschneiden, das Jugendstrafrecht reformieren, Identitäten klären und Abschiebemöglichkeiten nutzen – als klares Signal!“

Benjamin Jendro ergänzt: „Es braucht konsequente Urteile – Urteile mit Abschreckungswirkung. Die Beweislastumkehr wäre ein guter Anfang.“
Sie gilt als wichtiger Hebel im Kampf gegen organisierte Kriminalität.
Berlin will mit einer Bundesratsinitiative stärker an das aus Straftaten stammende Vermögen heran. Justizsenatorin Felor Badenberg (50, CDU): „Es ist nicht länger akzeptabel, dass der Staat die illegale Herkunft jedes einzelnen Euro vollständig nachweisen muss, während Kriminelle ihren Reichtum offen zur Schau stellen.“

Ein großes Problem besteht darin, dass die Behörden nur schwer in Clan- und Bandenstrukturen vordringen können. Vieles werde „intern“ geklärt. Das interne Regeln von Angelegenheiten könne auch von Vorteil sein, da es mitunter gar nicht erst zur Eskalation käme.
Doch Thomas Ganz hält von dieser Theorie wenig: „Dieses ‚Regeln von Problemen untereinander‘ kann ich so nicht stehen lassen. Am Ende wird gegen alles verstoßen, was unser Rechtssystem, unseren Rechtsstaat ausmacht.“
Wird das Zeugenschutzprogramm geändert?
Ein weiteres Werkzeug könnte die Änderung des Zeugenschutzprogramms sein. Benjamin Jendro: „Wenn jemand aus Clanstrukturen herauswill, fehlt es für viele an echten Alternativen.“
Experte Ganz: „Es muss frontal reformiert werden. Clans leben von Angst. Professioneller Zeugen- und Opferschutz muss strategisch gedacht werden, nicht fallbezogen. Angst und Bedrohung sind ihr Geschäftsmodell.“
Viele technische Maßnahmen sind noch möglich
Technisch gibt es ebenfalls Verbesserungsbedarf. Jendro: „Wir müssen über eine Ausweitung gesetzlicher Befugnisse sprechen, über Quellen-Telekommunikationsüberwachung, IP-Mindestspeicherfristen oder den Einsatz KI-basierter Technik. Auch über Bargeldobergrenzen. Diese Elemente fehlen bislang.“

In Berlin sorgen seit Monaten Serien von Schüssen für Schlagzeilen, die mutmaßlich türkischen Banden zugerechnet werden. Daher gründete die Berliner Polizei im November 2025 die „Besondere Aufbauorganisation (BAO) Ferrum“. Waffen sind ein großes Problem und überschwemmen geradezu den Markt. Doch woher kommen sie?
Schusswaffen stammen häufig aus der Türkei
Die Polizei: „Es liegen Erkenntnisse vor, dass illegal hergestellte Schusswaffen, die in der EU gehandelt beziehungsweise verwendet werden, häufig aus der Türkei stammen. Hierbei handelt es sich regelmäßig um funktionsfähige Totalfälschungen von Kurz- und Langwaffen namhafter Hersteller. Die in Berlin sichergestellten Waffen sind in der Regel Pistolen.“

Experte Ganz fügt an: „Die Waffen werden nach mir vorliegenden Informationen teilweise auch bereits mit 3D-Druckern hergestellt. Es handelt sich dabei zum Teil um halbautomatische Waffen, die funktional höchst gefährlich und zugleich relativ einfach herzustellen sind. Das ist allerdings nicht nur in der Türkei so. Auch in Tschechien gibt es Erkenntnisse zu Produktionsstätten, die Waffen auf diese Weise herstellen und ihren Abnehmern zugänglich machen.“
Bis voraussichtlich Herbst soll es die Einsatzeinheit Ferrum geben, dann wird ein Fazit gezogen. Die Bilanz bisher?
- Identitätsfeststellungen: 5.319
- Fahrzeugüberprüfungen: 3.031
- Lokalüberprüfungen: 826
- Eingeleitete Ermittlungsverfahren: 289
- Sichergestellte Schusswaffen (scharf): 27 (plus 10 in der BAO Park, der Vorgänger-BAO)
- Haftbefehle: 22



