Ein Schuss hallt durch die Nacht. Dann ein zweiter. Noch bevor die Polizei eintrifft, sind die Täter verschwunden. Geflüchtet im Schutz der Dunkelheit. Einschusslöcher in Schaufenstern und Fassaden gehören inzwischen zum Berliner Stadtbild. Die Serie nächtlicher Angriffe zeigt: Die Lage in der Hauptstadt hat eine neue Eskalationsstufe erreicht. Berlin steht unter Druck. Wer steckt dahinter?
Revierkämpfe in Berlin sind offensichtlich
Jahrelang war die Hauptstadt fest in der Hand der Clans. Doch in der Stadt tut sich etwas. Die Machtverhältnisse verschieben sich. „Die Luft in Berlin ist bleihaltig.“ Das sagt Thomas Ganz, ehemaliger Experte für Clankriminalität beim LKA Niedersachsen.
Ganz, der als Berater für die Themen Clankriminalität und parallelgesellschaftliche Entwicklungen unterwegs ist, erklärt: „Es kommt offensichtlich zu massiven Revierkämpfen im Hotspot Berlin. Ob es dabei immer um Auseinandersetzungen zwischen alteingesessenen Clans und neuen, sogenannten türkischen Bandenstrukturen geht, ist derzeit noch nicht bewiesen“, so der Berlin-Kenner. „Vieles deutet darauf hin, manches kann aber auch vorgetäuscht sein.“
Lange schien die Szene klar umrissen. Großfamilien wie die Remmos, Al‑Zeins, Miris oder Abou‑Chakers, also arabisch‑türkische, arabisch‑kurdische sowie palästinensischstämmige Gruppen, teilten seit Jahren scheinbar die Stadt unter sich auf. Doch sie bekommen Konkurrenz.
„Viele Menschen haben den Eindruck, dass Organisierte Kriminalität überwiegend von arabischstämmigen Clans ausgeht“, erklärt Benjamin Jendro von der Gewerkschaft der Polizei (GdP). „Das stimmt so aber nicht. Es ist vielleicht ein Viertel. Die anderen Gruppierungen sieht man schlichtweg nicht.“

Dazu gehören auch deutsche Täter. Organisierte Kriminalität in Berlin lässt sich nicht so einfach auf bestimmte Gruppen reduzieren. Für die aktuelle Schusswaffenwelle gelten türkische Gruppierungen mutmaßlich als verantwortlich. Darunter die sogenannten Daltons, die ihren Namen den Gangsterbrüdern aus den „Lucky‑Luke“-Comics entlehnt haben.
Jugendliche Täter kommen extra aus der Türkei
Das klingt komisch. Ist es aber nicht. Die Gruppen fallen durch (Schutzgeld)-Erpressung von Landsleuten auf und gehen mit geringem Skrupel vor.
Experte Ganz: „Unser Rechtsstaat wird als schwach wahrgenommen. Und das macht Deutschland attraktiv für Kriminalität.“ Er erklärt: „Jugendliche Täter aus türkischen Gruppierungen werden extra nach Berlin eingeflogen, bewaffnet, verüben Taten und werden anschließend wieder ausgeflogen.“

Auffällig ist die hohe Bewaffnung. Schüsse erregen Aufmerksamkeit. Doch den Tätern scheint das egal zu sein, sie fühlen sich sicher. Damit, so Experte Ganz weiter, sei die nächste Eskalationsstufe erreicht: „Früher waren Messer, Stangen oder Macheten typisch für Tumultlagen. Heute sehen wir Schusswaffen. Jede Gruppierung hat Zugang zu scharfen Waffen.“

Welche Rolle spielt bei diesen Entwicklungen der Tod von Mehmet Kaplankiran? Der gebürtige Türke starb im Januar, galt als einflussreicher Unternehmer und prägende Figur, die in Konfliktlagen innerhalb des Milieus auch eine vermittelnde Rolle gespielt haben soll.
Benjamin Jendro erklärt: „Mehmet Kaplankiran hinterlässt zweifellos ein Vakuum. Wir sehen aktuell eine Vielzahl von Schießereien. Das hängt nicht ausschließlich mit seinem Tod zusammen, spielt aber sicherlich eine Rolle. Betrachtet man den Zeitpunkt, zu dem die aktuelle Gewaltwelle begann, stößt man auf die Phase, als sich Herr Kaplankiran krankheitsbedingt aus dem Geschäft zurückgezogen hat.“
Ost-West-Gefälle bei Schießereien klar sichtbar
Bei den Schießereien in den vergangenen Monaten fällt auf: Die Taten ereignen sich überwiegend im Westen der Stadt. Mit den Schwerpunkten in Neukölln, Kreuzberg und Wedding. Ganz erklärt: „Clans siedeln sich dort an, wo sie Anknüpfungspunkte haben und ihre Macht ausbauen können – und tasten sich von dort vorsichtig weiter vor.“

Berlin ist ein Schmelztiegel, der Kulturen, Religionen, Sprachen und Lebensstile vereint. Die Internationalität der Stadt spiegelt sich auch in der Kriminalität wider.
Bei aller Aufmerksamkeit für arabischstämmige Clans und Banden geraten andere Gruppierungen fast in Vergessenheit, etwa vietnamesische Gruppen, die vor allem im Osten der Stadt aktiv sind.

Jendro sagt: „Die vietnamesische Community gilt als vergleichsweise geschlossen, sie vertreibt Drogen in erster Linie innerhalb der eigenen Szene. Der Unterschied zur arabischstämmigen Clan‑Kriminalität liegt auch darin, dass Straftaten dort häufiger öffentlichkeitswirksam auftreten. Vietnamesische Gruppen agieren eher intern und bleiben unter sich.“
Eine weitere Gruppe aus Asien sind Tschetschenen. Jendro: „Sie treten derzeit etwas weniger in Erscheinung, bleiben aber eine schwer berechenbare Konstante.“
Und welche Rolle spielt das Rocker‑Milieu? Es ist still geworden um diese Szene. Die Polizei erklärt: „Aktuell haben Rockergruppierungen und die Türsteherszene im Hellfeld der Organisierten Kriminalität eine als gering zu bezeichnende Bedeutung.“
Jendro ergänzt: „Die Rockerkriminalität ist insgesamt zurückgegangen. Sie haben – das gehört zur Wahrheit dazu – Einfluss verloren, etwa beim Waffenhandel oder bei Drogendelikten. Das heißt jedoch nicht, dass sie harmlos sind. Weiterhin sind sie im Drogenhandel und in der Prostitution aktiv.“





