Remmo, Abou-Chaker oder die Türken

Pistolen statt Macheten! So kämpfen Clan-Bosse jetzt um die Macht in Berlin

Berlins Unterwelt ist in Bewegung. Neue Banden und alte Clans kämpfen um Macht – und die Gewalt in der Hauptstadt nimmt zu.

Author - Sebastian Karkos
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Die Polizei jagt in Berlin Banden, die die Stadt seit Monaten mit Schusswaffendelikten verunsichern.
Die Polizei jagt in Berlin Banden, die die Stadt seit Monaten mit Schusswaffendelikten verunsichern.Mit KI generiert

Ein Schuss hallt durch die Nacht. Dann ein zweiter. Noch bevor die Polizei eintrifft, sind die Täter verschwunden. Geflüchtet im Schutz der Dunkelheit. Einschusslöcher in Schaufenstern und Fassaden gehören inzwischen zum Berliner Stadtbild. Die Serie nächtlicher Angriffe zeigt: Die Lage in der Hauptstadt hat eine neue Eskalationsstufe erreicht. Berlin steht unter Druck. Wer steckt dahinter?

Revierkämpfe in Berlin sind offensichtlich

Jahrelang war die Hauptstadt fest in der Hand der Clans. Doch in der Stadt tut sich etwas. Die Machtverhältnisse verschieben sich. „Die Luft in Berlin ist bleihaltig.“ Das sagt Thomas Ganz, ehemaliger Experte für Clankriminalität beim LKA Niedersachsen.

Ganz, der als Berater für die Themen Clankriminalität und parallelgesellschaftliche Entwicklungen unterwegs ist, erklärt: „Es kommt offensichtlich zu massiven Revierkämpfen im Hotspot Berlin. Ob es dabei immer um Auseinandersetzungen zwischen alteingesessenen Clans und neuen, sogenannten türkischen Bandenstrukturen geht, ist derzeit noch nicht bewiesen“, so der Berlin-Kenner. „Vieles deutet darauf hin, manches kann aber auch vorgetäuscht sein.“

Lange schien die Szene klar umrissen. Großfamilien wie die Remmos, Al‑Zeins, Miris oder Abou‑Chakers, also arabisch‑türkische, arabisch‑kurdische sowie palästinensischstämmige Gruppen, teilten seit Jahren scheinbar die Stadt unter sich auf. Doch sie bekommen Konkurrenz. 

„Viele Menschen haben den Eindruck, dass Organisierte Kriminalität überwiegend von arabischstämmigen Clans ausgeht“, erklärt Benjamin Jendro von der Gewerkschaft der Polizei (GdP). „Das stimmt so aber nicht. Es ist vielleicht ein Viertel. Die anderen Gruppierungen sieht man schlichtweg nicht.“

Im März 2026 sichern Polizisten den Tatort in der Hermannstraße in Neukölln ab. Die Täter gaben zwei Schüsse auf ein Lokal ab.
Im März 2026 sichern Polizisten den Tatort in der Hermannstraße in Neukölln ab. Die Täter gaben zwei Schüsse auf ein Lokal ab.Manuel Genolet/DPA

Dazu gehören auch deutsche Täter. Organisierte Kriminalität in Berlin lässt sich nicht so einfach auf bestimmte Gruppen reduzieren. Für die aktuelle Schusswaffenwelle gelten türkische Gruppierungen mutmaßlich als verantwortlich. Darunter die sogenannten Daltons, die ihren Namen den Gangsterbrüdern aus den „Lucky‑Luke“-Comics entlehnt haben.

Jugendliche Täter kommen extra aus der Türkei

Das klingt komisch. Ist es aber nicht. Die Gruppen fallen durch (Schutzgeld)-Erpressung von Landsleuten auf und gehen mit geringem Skrupel vor.

Experte Ganz: „Unser Rechtsstaat wird als schwach wahrgenommen. Und das macht Deutschland attraktiv für Kriminalität.“ Er erklärt: „Jugendliche Täter aus türkischen Gruppierungen werden extra nach Berlin eingeflogen, bewaffnet, verüben Taten und werden anschließend wieder ausgeflogen.“

Am 1. April wurden Schüsse in Moabit gemeldet. Ein junger Mann musste mit Schuss- und Stichverletzungen ins Krankenhaus.
Am 1. April wurden Schüsse in Moabit gemeldet. Ein junger Mann musste mit Schuss- und Stichverletzungen ins Krankenhaus.Axel Billig/Pressefoto Wagner

Auffällig ist die hohe Bewaffnung. Schüsse erregen Aufmerksamkeit. Doch den Tätern scheint das egal zu sein, sie fühlen sich sicher. Damit, so Experte Ganz weiter, sei die nächste Eskalationsstufe erreicht: „Früher waren Messer, Stangen oder Macheten typisch für Tumultlagen. Heute sehen wir Schusswaffen. Jede Gruppierung hat Zugang zu scharfen Waffen.“

Mehmet Kaplankiran wurde im Februar 2026 beerdigt. Viele Mitglieder aus dem Clan-Milieu erwiesen ihm die letzte Ehre.
Mehmet Kaplankiran wurde im Februar 2026 beerdigt. Viele Mitglieder aus dem Clan-Milieu erwiesen ihm die letzte Ehre.Markus Wächter/Berliner Zeitung

Welche Rolle spielt bei diesen Entwicklungen der Tod von Mehmet Kaplankiran? Der gebürtige Türke starb im Januar, galt als einflussreicher Unternehmer und prägende Figur, die in Konfliktlagen innerhalb des Milieus auch eine vermittelnde Rolle gespielt haben soll.

Benjamin Jendro erklärt: „Mehmet Kaplankiran hinterlässt zweifellos ein Vakuum. Wir sehen aktuell eine Vielzahl von Schießereien. Das hängt nicht ausschließlich mit seinem Tod zusammen, spielt aber sicherlich eine Rolle. Betrachtet man den Zeitpunkt, zu dem die aktuelle Gewaltwelle begann, stößt man auf die Phase, als sich Herr Kaplankiran krankheitsbedingt aus dem Geschäft zurückgezogen hat.“

Ost-West-Gefälle bei Schießereien klar sichtbar

Bei den Schießereien in den vergangenen Monaten fällt auf: Die Taten ereignen sich überwiegend im Westen der Stadt. Mit den Schwerpunkten in Neukölln, Kreuzberg und Wedding. Ganz erklärt: „Clans siedeln sich dort an, wo sie Anknüpfungspunkte haben und ihre Macht ausbauen können – und tasten sich von dort vorsichtig weiter vor.“

Thomas Ganz (l.) und Benjamin Jendro sind Experten für Clan- und Bandenkriminalität in Berlin.
Thomas Ganz (l.) und Benjamin Jendro sind Experten für Clan- und Bandenkriminalität in Berlin.ZVG, Engelsmann

Berlin ist ein Schmelztiegel, der Kulturen, Religionen, Sprachen und Lebensstile vereint. Die Internationalität der Stadt spiegelt sich auch in der Kriminalität wider.

Bei aller Aufmerksamkeit für arabischstämmige Clans und Banden geraten andere Gruppierungen fast in Vergessenheit, etwa vietnamesische Gruppen, die vor allem im Osten der Stadt aktiv sind.

Das Dong-Xuan-Center in Lichtenberg gilt als Treffpunkt der vietnamesischen Community, aber auch als Treffpunkt krimineller Gruppen.
Das Dong-Xuan-Center in Lichtenberg gilt als Treffpunkt der vietnamesischen Community, aber auch als Treffpunkt krimineller Gruppen.Sinem Koyuncu/Berliner Zeitung

Jendro sagt: „Die vietnamesische Community gilt als vergleichsweise geschlossen, sie vertreibt Drogen in erster Linie innerhalb der eigenen Szene. Der Unterschied zur arabischstämmigen Clan‑Kriminalität liegt auch darin, dass Straftaten dort häufiger öffentlichkeitswirksam auftreten. Vietnamesische Gruppen agieren eher intern und bleiben unter sich.“

Eine weitere Gruppe aus Asien sind Tschetschenen. Jendro: „Sie treten derzeit etwas weniger in Erscheinung, bleiben aber eine schwer berechenbare Konstante.“

Und welche Rolle spielt das Rocker‑Milieu? Es ist still geworden um diese Szene. Die Polizei erklärt: „Aktuell haben Rockergruppierungen und die Türsteherszene im Hellfeld der Organisierten Kriminalität eine als gering zu bezeichnende Bedeutung.“

Jendro ergänzt: „Die Rockerkriminalität ist insgesamt zurückgegangen. Sie haben – das gehört zur Wahrheit dazu – Einfluss verloren, etwa beim Waffenhandel oder bei Drogendelikten. Das heißt jedoch nicht, dass sie harmlos sind. Weiterhin sind sie im Drogenhandel und in der Prostitution aktiv.“

Um Rocker wie die Hells Angels ist es zuletzt ruhig geworden in Berlin.
Um Rocker wie die Hells Angels ist es zuletzt ruhig geworden in Berlin.Franziska Kraufmann/DPA

Es gibt noch weitere Gruppierungen, die präsent sind, aber kaum in Erscheinung treten, wie etwa aus Nigeria oder Südosteuropa.

Und wer spricht von der Mocro‑Mafia, die vor allem im Westen Deutschlands aktiv ist? Oder von organisierter Mafia-Kriminalität italienischen Ursprungs? Sie sind da, oft unauffällig. Doch gerade das macht sie gefährlich.

Thomas Ganz: „Diese multikulturelle Stadt – und ich meine das ausdrücklich positiv – bietet viele Ansatzpunkte für kriminelle Aktivitäten. Alle Gruppen, die nicht im Fokus der Clan‑ oder Bandenkriminalität stehen, profitieren davon, im Verborgenen agieren zu können.“

Wie ist Ihre Meinung zum Thema? Macht Ihnen die Situation in Berlin Angst? Bitte schreiben Sie uns:leser-bk@berlinerverlag.com