Sie hatten niemanden, der sie auf ihrem letzten Weg begleitete. 191 Menschen mussten im vergangenen Jahr in Friedrichshain-Kreuzberg vom Bezirksamt bestattet werden. 191 Schicksale, die am Ende eines gemeinsam hatten: keine Angehörigen, die sich um die Beerdigung kümmern konnten oder wollten.
Für sie richtete der Bezirk am Sonntag in der evangelischen Heilig-Kreuz-Kirche eine Gedenkfeier aus. Für jeden Verstorbenen wurde der Name gesprochen, für jeden eine Kerze entzündet. Eine Flamme als Zeichen, dass der Mensch gelebt und vielleicht auch mal gelitten hatte.
Pfarrerin Christina Biere von der Heilig-Kreuz-Kirche: „Ich fand es sehr ergreifend, auch diese große Zahl an Kerzen, die entzündet wurde, und die Zeit, die das braucht. Ich hatte das Gefühl, dass der ganze Raum Geduld und Energie aufbringen muss, um diesen Moment gemeinsam auszuhalten. Es waren ja fast 200 Personen, an die wir auf einmal gedacht haben. Das ist etwas, das man erst einmal halten und ertragen können muss.“

Auch Bezirksbürgermeisterin Clara Herrmann (Grüne) entzündete vor den 40 Besuchern Kerzen und las Namen vor: „Mit der Gedenkfeier wollten wir den Menschen, die wir als Bezirksamt im Vorjahr bestattet haben, einen Namen, einen Moment des Erinnerns und einen würdevollen Abschied geben.“
Das Zeichen: Auch wer zum Schluss allein war, wird nicht vergessen. Das Besondere an der Feier: Sie war überkonfessionell. Unter anderem nahm Murat Gül teil, der Präsident der Islamischen Föderation in Berlin.

Er gehörte zu denen, die die Namen der 191 Verstorbenen vorlasen. Von A wie Mohamad El Sayed Saleh Abou Bakr und Angelika Brigitte Al Rim bis Z wie Frank Fritz Ziems. Regine Sommer-Wetter (Linke), stellvertretende Bezirksbürgermeisterin und zuständige Sozialstadträtin: „Die Menschen waren in ihrer Vielfalt und Vielschichtigkeit ein Teil unseres gemeinsamen Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg.“ Die Gedenkfeier dauerte knapp zwei Stunden, das Vorlesen der Namen dabei gut 60 Minuten.
Die Bestattungskosten liegen bei 1300 bis 1800 Euro
Laut Bezirksamt belaufen sich die Kosten der sogenannten ordnungsbehördlichen Bestattungen auf etwa 1300 bis 1800 Euro. Die Friedhofsgebühren einer Erdbestattung sind grundsätzlich höher als die von Feuerbestattungen. Was passiert, wenn der Staat einspringen muss? Oft wird es eine anonyme Urnenbeisetzung auf einem landeseigenen Friedhof – ohne Trauerfeier, ohne Blumen. Kein Grabstein, kein Ort des persönlichen Gedenkens. Nur ein schlichtes Merkschild, das man auf Nachfrage bei der Friedhofsverwaltung finden kann. Ein leiser Abschied, oft unbemerkt.

Noch einmal Pfarrerin Christina Biere: „Ich fühlte mich ein wenig an Gottesdienste nach schweren Unglücken erinnert, bei denen viele Menschen gleichzeitig zu Tode gekommen sind. Solche Momente sind für eine Gemeinschaft, für eine ganze Gesellschaft, immer sehr bewegend.“


