Friedrichshain und die Poller. Das Konzept zur Verkehrsberuhigung im Ostkreuz-Kiez polarisiert. Seit der KURIER Ende vergangenen Jahres mehrfach über die Umsetzung berichtete, häufen sich Leserreaktionen. Der Vorwurf vieler: Der grün geführte Bezirk agiere ideologisch, praktikable Lösungen würden ignoriert.
Im Zentrum der Kritik steht immer wieder ein Name: Annika Gerold (39, Grüne). Als Bezirksstadträtin verantwortet sie in Friedrichshain-Kreuzberg Straßen- und Grünflächen-, Umwelt- und Naturschutz- sowie das Ordnungsamt – und gilt als Hardlinerin der Verkehrswende. Der KURIER traf die Politikerin zum Kiez-Spaziergang.
Eines muss man Annika Gerold lassen: Sie scheint keine Theoretikerin zu sein, sondern lebt ihre Politik auch vor. An diesem Morgen schüttet es, aber sie radelt eisern zum Treffpunkt. Sie sei leidenschaftliche Radfahrerin, sagt sie und zieht ihren Helm (natürlich in Grün) aus.
Wir treffen uns vor der Modersohn-Grundschule in der Simplonstraße. Dort, wo früher noch Autos parkten, befindet sich nur noch eine Tischtennisplatte. Hier wurde Ende 2025 die sogenannte Schulzone eingerichtet – Poller inklusive.

Überall im Kiez stehen diese Begrenzungen nun. Nicht zur Freude aller Bewohner. Sie sagt: „Bei Veränderungen im öffentlichen Raum gibt es natürlich unterschiedliche Meinungen. Mich erreicht jedoch sehr viel Zuspruch. Es gibt auch kritische Stimmen, aber das gehört ebenfalls dazu. Es geht nicht darum, dass alle die gleiche Position vertreten.“ In diesen Straßen scheint es tatsächlich einigen Zuspruch zu geben.
Die Grünen erreichten in diesem Wahllokal 48,7 Prozent
Bei der Bundestagswahl 2025 erreichten die Grünen im Wahllokal Modersohn-Grundschule sagenhafte 48,7 Prozent der Erststimmen. Gerold kennt die Zahlen. „Es gibt Wahlergebnisse. Meine Partei ist mit dem Ziel angetreten, den Verkehr zu beruhigen und andere Gestaltungen im öffentlichen Raum voranzutreiben. Darüber hinaus gibt es das demokratische Instrument des Einwohnerantrags: Menschen haben Unterschriften gesammelt und bei der Bezirksverordnetenversammlung eingereicht – mit der klaren Forderung nach einem weitreichenden Konzept zur Verkehrsberuhigung. Die Bezirksverordnetenversammlung hat das beschlossen. Insofern ist das die demokratische Vertretung der Menschen hier im Kiez, und diese Vertretung hat entschieden.“ Wer grün wählt, bekommt eben grün …
Wir laufen ein paar Meter weiter zur Modersohnstraße, die zwischen Simplon- und Revaler Straße nunmehr eine Einbahnstraße und Fahrradstraße ist. Folge: Der Durchgangsverkehr ist zurückgegangen, Autofahrer müssen Umwege fahren. Eine mögliche Lösung wäre die Aufhebung der Einbahnstraße in der Modersohnstraße und die Durchbindung der Gärtnerstraße bis zur Wühlischstraße. Das würde vieles für Autofahrer erleichtern.
Ein entsprechender Antrag der Partei Die Linke wurde vor über einem Jahr in der Bezirksverordnetenversammlung jedoch bereits abgelehnt.

Bodenschwellen könnten zur Geschwindigkeitsreduktion beitragen, aber das wird nicht mehr passieren. Im Gegenteil: Die Fahrradstraße wird ausgebaut, möglichst noch 2026. Gerold: „Mir liegt die Erweiterung der Fahrradstraße zwischen Wühlisch- und Boxhagener Straße besonders am Herzen. Ich glaube, dass wir hier bessere Bedingungen für den Radverkehr schaffen müssen.“
Sie ergänzt: „Die Bedingungen für den Radverkehr sollen verbessert werden, etwa durch die Ausweitung von Fahrradstraßen. Im Planungsprozess haben wir festgestellt, dass es sehr hohe Zahlen an Kfz-Durchgangsverkehr gibt, was guten Bedingungen für den Radverkehr widerspricht.“

Weiter geht es zur Dirschauer Straße. Der KURIER berichtete im November 2025 darüber, dass in der künftigen Einbahnstraße das Querparken nicht mehr erlaubt ist. Anwohner laufen Sturm.
Durch die Einrichtung einer Fußgängerzone im Bereich Dirschauer-, Wühlisch- und Simplonstraße sind bereits zahlreiche Parkplätze verschwunden, in der Dirschauer selbst werden zeitnah weitere wegfallen.
Gerold stellt klar: „Ich glaube tatsächlich, dass aus der Perspektive derer, die ein Auto besitzen, vieles anders gesehen wird. Aber die meisten Menschen wünschen sich hier im Kiez, dass der Raum auch anders genutzt werden kann. Momentan nutzen einige wenige den Raum von allen.“
Die Frage ist: Was ist öffentlicher Raum?
Sie meint: „Wie öffentlicher Raum wahrgenommen wird, hängt stark von der persönlichen Perspektive ab. Menschen, die zu Fuß unterwegs sind, sehen häufig die Schwierigkeiten beim Begehen von Gehwegen, beim Queren von Straßen, bei fehlenden Sichtbeziehungen. Und oft ist es einfach so, dass sehr viel Platz für den fließenden Kfz-Verkehr und zusätzlich für den ruhenden Verkehr vorgesehen ist.“ Kurzum: Der Ostkreuz-Kiez soll kein Auto-Kiez mehr sein.

Oft wird darauf verwiesen, dass in der Umgebung Tiefgaragen angemietet werden können, aber unter 100 Euro bekommt ein Pkw-Nutzer in der Gegend nichts. Und vor der Haustür auch nicht unbedingt.
Der Gewerbepark an der Revaler Straße bietet Dauerparkplätze an, doch womöglich wird der eine oder andere Nutzer abspringen. Grund sind die Poller, die an der Revaler-/Haasestraße entstehen. Die Durchfahrt ist dann nicht mehr möglich, die Revaler Straße wird von der Modersohnstraße Richtung Ostkreuz an zur Fahrradstraße.
Und schon sind wir am letzten Punkt unseres Spaziergangs. Wer künftig mit dem Auto vom Ostkreuz zum Gewerbepark möchte, muss den Umweg über die Warschauer Straße nehmen. Eine enorme Umfahrt, weswegen Rewe als Besitzer des Grundstücks dieses Vorhaben nicht lustig findet. Klar: Für den einen oder anderen Autokunden ist künftig der Weg dorthin schlichtweg zu umständlich – und bleibt weg.
Gerold kennt den Fall natürlich, sagt aber: „Mir ist von den Gewerbetreibenden im Bereich Revaler Straße 33 lediglich die Kritik des Eigentümers des Rewe-Marktes bekannt. Nach meinem Kenntnisstand wurde er im Vorfeld informiert und um eine Stellungnahme gebeten. Zudem gab es eine dezidierte Infoveranstaltung für die Gewerbetreibenden, bei der er meiner Erinnerung nach ebenfalls anwesend war. Ansonsten ist die Erreichbarkeit der Gewerbefläche weiterhin gegeben.“
Was ist mit Kunden, die auf das Auto angewiesen sind? Gerold: „Es ist in der Tat so, dass für den Kfz-Verkehr im Einzelfall auch Umwege in Kauf genommen werden müssen, weil wir die Situation für den Fuß- und Radverkehr verbessern wollen, neben Bus und Bahn die häufigsten Mobilitätsformen der Menschen in Friedrichshain-Kreuzberg.“

Für Anwohner mit Auto oder Menschen, die mit ihrem Pkw den Kiez als Abkürzung nehmen wollen, sind schwere Zeiten angebrochen. Und das in dem Bezirk der Hauptstadt, in dem ohnehin schon die wenigsten Autos (17,1 je 100 Einwohner) registriert sind.
Kreuzberg hat es mit dem Projekt Graefekiez vorgemacht. Was als Experiment begann, ist längst Vorbild. Auch für den Ostkreuz-Kiez? Gerold: „Friedrichshain-Kreuzberg zeigt seit vielen Jahren, dass wir es ernst meinen mit der Förderung von Fuß- und Radverkehr. Das treibe ich gemeinsam voran, meine Vorgängerinnen haben es vorangetrieben, und es ist genau das, was sehr viele Menschen hier im Bezirk wollen. Im Kiez werden 92 Prozent der Wege zu Fuß, mit dem Rad oder dem ÖPNV zurückgelegt.“
Fazit: Im linksdominierten Friedrichshain-Kreuzberg wird das Thema Verkehrsberuhigung im Ostkreuz-Kiez vorangetrieben. Verlierer sind die Autofahrer. Wer alles wirklich zu den Gewinnern zählen wird, muss sich erst noch zeigen.






