Was kostete was

Ein Fertighaus aus dem Genex-Katalog: Das gab es in der DDR alles für D-Mark

Mit D-Mark gab es in der DDR fast alles: Häuser, Autos, Boote. So funktionierte der geheime Genex-Katalog – und das kostete der Luxus.

Author - Stefan Henseke
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So sahen die Genex-Kataloge „Geschenke in die DDR“ aus.
So sahen die Genex-Kataloge „Geschenke in die DDR“ aus.Stefan Henseke, Montage: STH/KI/Berliner KURIER

Die DDR war eine sozialistische Wartegemeinschaft. Man musste auf ein Auto warten (mehr als 10 Jahre), man musste auf eine Wohnung warten. Bildete sich vor einem Laden eine Schlange, stellte man sich erst mal dazu – auch wenn man nicht wusste, was es gab. Aber das, was es gab, konnte man schon irgendwie gebrauchen. Nur mit einem konnte man das Warten umgehen: mit D-Mark. Im Intershop (für die kleinen Dinge) oder per Genex-Katalog für die großen Wünsche. Vom teuren Fertigteilhaus über das Auto bis zum Segelboot. Was das damals kostete.

Berlin-Karolinenhof: Ein Haus aus dem Genex-Katalog wird gebaut

Anfang der 80er Jahre. In Berlin-Karolinenhof. Spaziergänger blieben immer wieder neugierig vor einem Grundstück in der Rohrwallallee stehen. Innerhalb kurzer Zeit wurde hier ein Einfamilienhaus aus Fertigteilen hochgezogen – ungewöhnlich für damals. „Ein Neckermann-Haus“, wurde geflüstert. Mein Vater, ein Maurer, wusste es genauer: „Das ist aus dem Genex-Katalog.“

So sah das Fertighaus FHE 108 M im Genex-Katalog von 1987 aus. Zwei Etagen mit gut 150 Quadratmetern.
So sah das Fertighaus FHE 108 M im Genex-Katalog von 1987 aus. Zwei Etagen mit gut 150 Quadratmetern.Genex-Katalog

Genex war die Abkürzung für Geschenkdienst- und Kleinexporte GmbH. Eine Stasi-Firma von Schalck-Golodkowski, um im Auftrag der SED Devisen zu scheffeln – direkt in die Kassen der SED. Für D-Mark bekam man hier alles, was in der DDR rar oder gar nicht zu bekommen war.

Paradox: Ein Großteil der in den Genex-Katalogen für D-Mark angebotenen Waren kam gar nicht aus dem Westen, sondern wurde extra im Osten für diesen lukrativen Markt hergestellt.

Mit fatalen Folgen für den DDR-Einzelhandel: Produkte für den Genex-Katalog wurden vorrangig produziert. Das Angebot für den normalen DDR-Bürger ohne Zugang zu D-Mark wurde mutwillig verknappt.

„Auch im Politbüro war die Genex GmbH nicht unumstritten und sorgte für heftige Diskussionen“, erklärt Jörg Kleinhardt vom Berliner DDR Museum. Letztlich aber seien der Handel und die Einnahmen zu lukrativ gewesen, um das Geschäftsmodell infrage zu stellen.

Das teuerste Haus im Genex-Katalog

Und so war das Fertigteilhaus, das in Berlin-Karolinenhof für Diskussionen sorgte, überhaupt kein Neckermann-Haus. Zwei volkseigene Betriebe sorgten für teuren Genex-Nachschub: der VEB Baulelementewerke Stralsund und der VEB Fertighausbau Neuruppin.

Das teuerste Angebot im Genex-Katalog war das Fertighaus FHE 108 M (aus Neuruppin) für 137.000 D-Mark. Für den Keller ohne örtliche Angleichung kamen noch mal ab 35.000 D-Mark hinzu.

Im Katalog von 1987 wird das Haus wohlfeil angeboten: „Dieser Haustyp löst das bisherige Fertighaus FHE 108 ab, wobei dem internationalen Trend folgend, gebrauchswerterhöhende Maßnahmen entscheidende Kriterien der Weiterentwicklung waren.“

137.000 D-Mark kostete das teuerste Fertighaus im Genex-Katalog 1988. Hergestellt wurde es im VEB Fertighausbau Neuruppin.
137.000 D-Mark kostete das teuerste Fertighaus im Genex-Katalog 1988. Hergestellt wurde es im VEB Fertighausbau Neuruppin.Genex

Für 137.000 D-Mark gab es 150 Quadratmeter auf zwei Etagen. Mit Wohnzimmer (30,40 Quadratmeter), Schlafzimmer (17,06 Quadratmeter) und Kinderzimmer (12,57 Quadratmeter). Mit Küche, Bad, Flur, Diele, Abstellkammer und Windfang.

Das Fertighaus war zwar das teuerste Angebot im Katalog, aber bei weitem nicht das gefragteste. 72 Prozent des Umsatzes machte Genex mit dem Verkauf von Pkw an DDR-Bürger – vom Trabant (ab 5223 D-Mark) bis zum BMW 318 i (30.705 D-Mark).

Die Yamaha 600 XJ fuhr mehr als 200 km/h schnell und wurde über Genex für 9990 D-Mark die die DDR verkauft.
Die Yamaha 600 XJ fuhr mehr als 200 km/h schnell und wurde über Genex für 9990 D-Mark die die DDR verkauft.Dédélembrouille/Wikipedia Creative Commons

Auch Mopeds und Motorräder waren im Angebot. Von der Simson S51 (980 D-Mark) bis zur Yamaha XJ 600 (9990 D-Mark). Im Katalog wird die Spitzengeschwindigkeit aufgeführt: „über 200 km/h“ – da hätte einen garantiert kein Volkspolizist einholen können.

3,3 Milliarden D-Mark: So machte die SED Kasse

Zwischen 1967 und 1989 machte die SED so Kasse: 3,3 (!) Milliarden D-Mark wurden mit Genex eingenommen. Mit Hilfe der Kataloge konnten BRD-Bürger ihren Verwandten in der DDR begehrte Konsumgüter zukommen lassen. Genex hatte im Westen mehr als 230.000 Kunden.

Monteure der VEB Industriemontage während der Montage der Erdgasleitung Druschba bei Iwano Frankowsk (1976). Arbeiter, die in der Sowjetunion beim Trassenbau eingesetzt wurden, konnten auch über Genex einkaufen.
Monteure der VEB Industriemontage während der Montage der Erdgasleitung Druschba bei Iwano Frankowsk (1976). Arbeiter, die in der Sowjetunion beim Trassenbau eingesetzt wurden, konnten auch über Genex einkaufen.Ulrich Hässler/imago

Aber auch zwei Gruppen von DDR-Bürgern zählten zu den Kunden: Zugang zum Einkaufsparadies ohne Warteschlangen hatten DDR-Bürger mit einem West-Guthaben in der BRD (etwa durch Erbe und Renten) und DDR-Bürger, die durch Arbeitseinsätze im Ausland konvertible Devisen erwerben konnten – etwa Arbeiter an der Erdgastrasse Druschba in der Sowjetunion oder Künstler und Wissenschaftler, die im Westen auftreten und arbeiten durften.

KURIER-Leser Stefan Tiedemann arbeitete im Bergbau- und Aufbereitungskombinat Kriwoi Rog (heute Ukraine). „Von unserer Auslöse von täglich sechs Rubel gingen drei Rubel auf ein Genex-Konto, wo man über einen speziellen Katalog auch einkaufen konnte.“ Weiterer Vorteil: „Nach drei Baustellenjahren hatte man Anspruch auf einen Pkw ohne längere Wartezeiten.“

Auch im Angebot von Genex: Alles von der Waschmaschine mit zur Schleuder. Mal aus DDR-Produktion, mal von Bosch. Aber immer in D-Mark zu bezahlen. Mehrere Ausgaben der Genex-Kataloge lagern heute im DDR Musuem.
Auch im Angebot von Genex: Alles von der Waschmaschine mit zur Schleuder. Mal aus DDR-Produktion, mal von Bosch. Aber immer in D-Mark zu bezahlen. Mehrere Ausgaben der Genex-Kataloge lagern heute im DDR Musuem.Stefan Henseke

Und Helmut Tabbert hatte „das Glück, dass mein Vater beim Bund der Evangelischen Kirche arbeitete und ein Teil seines Gehalts in Westmark bezahlt wurde“. Das Geld lag auf einem West-Berliner Konto, die West-Berliner Kollegen organisierten die Einkäufe bei Genex. „Ich erhielt als Jugendlicher ein ungarisches Tonbandgerät und ein Fahrrad Diamant.“

Doch die Handelswege waren dabei nicht unkompliziert. Ein direkter Versandhandel zwischen beiden deutschen Staaten war bis in die späten 80er-Jahre juristisch nicht möglich und ideologisch nicht erwünscht. Deshalb „bediente man sich zweier Strohfirmen: der in Zürich ansässigen Palatinus GmbH und der aus Kopenhagen stammenden Jauerfood AG“, erklärt Experte Jörg Kleinhardt vom DDR Museum.

Von der Waschmaschine bis zur Schrankwand: Die Angebote im Detail

Wohl um Neiddebatten zu vermeiden, durften die Genex-Kataloge nicht in die DDR eingeführt werden. Sie durften nur in den Genex-Büros in Berlin, Leipzig und Rostock eingesehen werden. Die Verwandten und Freunde im Westen bestellten dann die Waren und bezahlten diese über BRD‑Konten der beteiligten Schweizer beziehungsweise dänischen Firmen.

All das, wovon viele DDR-Bürger träumten, konnte man hier für D-Mark kaufen. Auf knapp 230 Seiten gab es alles – von Kosmetik und Lebensmitteln bis hin zu Kleidung, Heimcomputern und Gartengeräten. Auch die komplette Einrichtung für das Fertighaus: von der Wohnraum-Schrankwand „Nordhausen“ (2750 D-Mark) über die Polstergarnitur „Horst“ (1890 D-Mark) bis zur Doppelliege „Vicky“ (1150 D-Mark).

Bei der Technik konnte man zwischen preiswerteren DDR-Produkten und denen aus dem Westen unterscheiden. Die Waschmaschine WM 600 kostete 279 D-Mark, für den Waschvollautomaten Bosch V320 musste man 1590 D-Mark zahlen. Es gab Einbauspülen (ab 189 D-Mark), Heißwasserspeicher (ab 115 D-Mark), Heizkörperthermostate (48 D-Mark) und den Bosch-Geschirrspüler SMS 2100 (1200 D-Mark).

Für den solventen Heimwerker war die Bosch-Bohrmaschine für 369 D-Mark im Angebot, wer sparen wollte, griff zur Handbohrmaschine HB 10-1 für 135 D-Mark. Selbst Fliesen aus DDR-Produktion (100 Stück ab 29 D-Mark) wurden über Genex abgesetzt.

Von der Bohrmaschine mit zur Kreissäge: Auch für den Heimwerker gab es bei Genex all das, was man in der DDR kaum bekam.
Von der Bohrmaschine mit zur Kreissäge: Auch für den Heimwerker gab es bei Genex all das, was man in der DDR kaum bekam.Stefan Henseke

Es gab Kinderwagen aus DDR-Produktion für 210 D-Mark und Fahrräder von Mifa für 240 D-Mark. Der RFT-Radiorecorder SKR 550 kostete stolze 570 D-Mark, sein Kollege aus dem Westen (Sharp GF 7650) 209 D-Mark mehr. Westfernsehen konnte man mit dem Blaupunkt IS 63-46 Stereo (2530 D-Mark), dazu gab es einen VHS-Videorecorder von JVC (1498 D-Mark).

Luxus für Garten und Freizeit: Pools, Boote und Datschen

Auch den Garten konnte man mit D-Mark verwestlichen. Wer allen zeigen wollte, was er hatte, konnte sich ein eigenes Schwimmbad zulegen. Das Krülland-Bauka-Schwimmbecken (4 mal 6 Meter) war für 3250 D-Mark im Angebot. Seine Datsche konnte man mit Gartenlauben (ab 1435 D-Mark, GL 14), Bungalows (bis zu 13.400 D-Mark, B 55) und Gewächshäusern (ab 1650 D-Mark, KG 5) hochrüsten.

Selbst die in der DDR nicht gern gesehenen Surfbretter (Fluchtgefahr über die Ostsee) wurden im Genex-Katalog angeboten. Das VU kostete 1300 D-Mark. Für den Jollenkreuzer Greif 650 musste man 18.000 D-Mark zahlen, für die Motorjolle Ibis III (ohne Motor) 4780 D-Mark. Der 7,5-PS-Heckmotor Forelle HM 125 stand für 910 D-Mark im Genex-Regal. Teuerster Außenbordmotor: der Yamaha 90 AEOL mit 90 PS für 12.600 D-Mark.

18.000 D-Mark kostete das teuerste Segelboot im Genex-Katalog – ein Jollenkreuzer Greif 650.
18.000 D-Mark kostete das teuerste Segelboot im Genex-Katalog – ein Jollenkreuzer Greif 650.Stefan Henseke

Doch nicht bei allen Nachbarn kam damals das zur Schau gestellte D-Mark-Vermögen gut an. „Diese Parallelgesellschaft innerhalb der DDR förderte die Ungleichheit und sorgte innerhalb der Bevölkerung für erheblichen Unmut“, erklärt Jörg Kleinhardt vom DDR Museum.

Das DDR Museum in der Karl-Liebknecht-Straße 1 (Berlin-Mitte) hat täglich von 9 bis 21 Uhr geöffnet. Zur Sammlung gehören mehr als 360.000 Exponate, täglich kommen neue dazu. Seit dem vergangenen Jahr werden auch im Museumsdepot (Pyramidenring 10) in Berlin-Marzahn öffentliche Besichtigungen und Führungen angeboten. Die Termine können online gebucht werden.

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