Mit Preisliste

Als ein Wartburg ein Vermögen kostete – und die Währungsunion alles änderte

Wartezeiten von bis zu 15 Jahren, teure Motor‑Upgrades und die Währungsunion als Schock: So hart war der Weg zum Neuwagen in der DDR.

Author - Stefan Henseke
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Ein himmelblauer Trabant parkt kurz nach dem Wende vor der Gaststätte „Zum Goldbroiler“ in Wismar.
Ein himmelblauer Trabant parkt kurz nach dem Wende vor der Gaststätte „Zum Goldbroiler“ in Wismar.Kraft/imago

In der DDR war ein Neuwagen so etwas wie der heilige Gral. Um einen Trabant oder Wartburg frisch aus der Fabrik (Zwickau oder Eisenach) kaufen zu dürfen, musste man viele, viele Jahre warten. Wie lang die Wartezeiten wirklich waren und was die Autos damals kosteten.

Eine Wartburg‑Käuferin und ihr bitteres Wende‑Erlebnis

Eine Bekannte von mir gehörte zu den Wende-Verlierern. Kurz vor dem November 1989 war sie mit ihrer Wartburg-Anmeldung an der Reihe. Großer Jubel, nach mehr als zehn Jahren Wartezeit. Sie durfte einen Wartburg 1.3 mit VW-Motor kaufen. Preis: gut 30.000 DDR-Mark.

Doch sie bereute den Kauf rasch. Sie bekam das, was man heute als Montagsauto bezeichnen würde. Andauernd ging etwas kaputt, der vielgepriesene VW-Motor aus dem Westen zog Wasser.

Doch der eigentliche Schlag ins Kontor kam wenige Monate später – mit der Währungsunion. Plötzlich wären aus 30.000 Ost-Mark 15.000 West-Mark geworden. Ein Betrag, für den man damals schon ein richtig gutes Auto bekommen hätte. Und meine Bekannte? Die hatte nur einen Wartburg, den plötzlich niemand mehr haben wollte.

Der Wartburg 1.3: Sieht aus wie der alte, hat aber einen VW-Motor unter der Haube.
Der Wartburg 1.3: Sieht aus wie der alte, hat aber einen VW-Motor unter der Haube.Wolfram Weber/imago

Wie lange man damals wirklich auf einen Neuwagen warten musste? Beim Trabant ging es übrigens noch „am schnellsten“. Das zeigt eine Preis- und Auslieferungsliste aus dem Jahre 1988 aus dem Besitz des „DDR Museum“ in der Karl-Liebknecht-Straße.

Wer im August 1988 einen Trabi kaufen durfte, hatte sich bereits im Oktober 1977 für den Kauf angemeldet. Wartezeit also: knapp 11 Jahre. Beim Kombi (Modell Universal) dauerte es sogar noch anderthalb Jahre länger.

Wenn die Wartezeit ein Indiz für die Beliebtheit eines Modells war, dann lagen die Modelle aus dem russischen Togliatti ganz vorne: Gut 15 Jahre musste man damals auf einen Lada 2105 warten, bei den Versionen 2104, 2107 und 2108 sah es kaum besser aus. Rund 13 bis 14 Jahre lagen bei den Autos aus den sozialistischen Bruderländern ČSSR und Rumänien zwischen Anmeldung (bzw. Bestelltermin) und Termin der Kaufzuteilung.

Die DDR-Polizei hat sowjetische Ladas als Dienstwagen.
Die DDR-Polizei hat sowjetische Ladas als Dienstwagen.Frank Sorge/imago

Das lange Warten hatte auch finanzielle Folgen: Der potenzielle Käufer wusste bei der Bestellung noch nicht exakt, was der Neuwagen Jahre später wirklich kosten würde. Zwar waren die Preise in der DDR relativ stabil. Doch viele Wartburg-Besteller gerieten Ende der 80er-Jahre in finanzielle Probleme.

Warum der Wartburg plötzlich so teuer wurde

1988 bekam der Wartburg ein Upgrade verpasst. Der völlig veraltete Zweitaktmotor wurde eingemottet, stattdessen setzte man auf einen 58 PS starken 1,3-Liter-Viertakter, der von Volkswagen ursprünglich für den VW Polo entwickelt wurde und nun in Eisenach für Volkswagen und für den Eigenbedarf hergestellt wurde.

Diese Preis- und Auslieferungsliste für bestellte PKW gehört dem DDR Museum in der Berliner Karl-Liebknecht-Straße.
Diese Preis- und Auslieferungsliste für bestellte PKW gehört dem DDR Museum in der Berliner Karl-Liebknecht-Straße.DDR Museum

Ein teurer Motor aus dem Westen und aufwendige Umbauten an Karosserie und Ausstattung: Das trieb den Verkaufspreis für den Wartburg rapide nach oben. Rund 60 Prozent teurer war der Wartburg 1.3 als sein Vorgänger. 30.020 DDR-Mark kostete nun die Grundausstattung und sogar 33.775 DDR-Mark die Kombi-Version Tourist.

Viel zu viel für viele DDR-Bürger, die empört waren. Sie hatten das Geld nicht – und ein Kauf auf Kredit oder Ratenzahlung war damals nicht üblich. Bei der Übergabe musste bar oder mit Scheck bezahlt werden. Viele ließen sich zurückstellen – was im Hinblick auf die Währungsreform wenig später keine schlechte Idee war.

Im Herbst 1989 waren in der DDR rund 3,9 Millionen Pkw angemeldet. Der Renner war natürlich der Trabant 601. Bis zum Ende der DDR liefen in Zwickau genau 2.818.547 Modelle vom Band.

Ab 1964 wurde der Trabant 601 in Zwickau produziert. Ganz selbstverständlich standen in der DDR auch Frauen am Band.
Ab 1964 wurde der Trabant 601 in Zwickau produziert. Ganz selbstverständlich standen in der DDR auch Frauen am Band.Sjoberg/imagebroker/imago

Die Preise blieben aber nur scheinbar stabil. Zwar änderte sich der Grundpreis kaum. 1985 kostete ein Trabant zwischen 8500 und 9700 Mark. Doch immer mehr Zubehör wanderte in teuer zu bezahlende Ausstattungspakete. Die Produktion der preisgünstigen Standardausstattung wurde immer mehr reduziert, der Trabant S de Luxe ohne Ausstattungspakete wurde ab 1979 gar nicht mehr angeboten.

Zubehör, Aufpreise, Pakete – der versteckte Preissprung beim Trabi

Bis zu 15.000 Mark musste man wirklich zahlen. Bis zu 2495 Mark kosteten einzelne Ausstattungspakete. Eine bessere Brems- und Kupplungsanlage und sogar Warndreieck und Statiksicherheitsgurte kosteten extra, wie eine Zubehörliste aus dem „DDR Museum“ zeigt.

Das teuerste Auto aus dem Ostblock war der Lada Niva, auch das einzige Geländefahrzeug im Angebot: ab 35.675 DDR-Mark – ohne Sonderausstattung. Der Lada 2104 kostete 34.650 Mark, der 2108 sogar 32.875 Mark. Für einen Dacia 1310 wurden ab 25.575 Mark aufgerufen, für einen Škoda 105 L ab 21.985 Mark.

Das Benzin für den Trabant 601 kostete 1,50 DDR-Mark an den Minol-Tankstellen.
Das Benzin für den Trabant 601 kostete 1,50 DDR-Mark an den Minol-Tankstellen.Wolfgang Maria Weber/imago

Autofahren war schon in der DDR nicht billig. Vor allem, wenn man bedenkt, dass der Durchschnittslohn im Jahr 1989 bei rund 1300 DDR-Mark im Monat lag. Auch der Abstecher zur Zapfsäule war verhältnismäßig teuer. Minol kassierte für 1 Liter Normal (88 Oktan) 1,50 Mark, für 1 Liter Super (92 Oktan) 1,65 Mark und für 1 Liter Diesel 1,40 Mark.

Wie lange haben Sie damals auf ein Auto gewartet und wie viel haben Sie bezahlt? Schreiben Sie uns per Mail an leser-bk@berlinerverlag.com.