Er fährt und fährt und fährt

Trabi und Co. verschwunden – dieses DDR‑Fahrzeug wird noch immer gebaut

Der Multicar überlebt als letztes DDR-Fahrzeug und trotzt den Krisen der Automobilgeschichte.

Author - Norbert Koch-Klaucke
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Multicar-Transporter aus dem Werk in Thüringen: Es ist das einzige DDR-Fahrzeug, das  noch immer gebaut wird.
Multicar-Transporter aus dem Werk in Thüringen: Es ist das einzige DDR-Fahrzeug, das noch immer gebaut wird.photo2000/imago

Er fährt unbeirrt durch die Straßen, während andere längst verschwunden sind: Der Multicar ist der letzte Überlebende aus der großen DDR‑Fahrzeugfamilie. Trabant und Wartburg – einst die Lieblinge der Republik – sind heute nur noch Kult‑Oldtimer. Ihre Produktion endete 1991, und seitdem werden sie nicht mehr gebaut. Doch einer hat allen Krisen getrotzt: Der Multicar rollt bis heute vom Band – und fährt und fährt und fährt noch immer durchs Land.

In Thüringen startet der DDR-Klassiker

Seine Geschichte beginnt weit früher, als viele denken. Schon 1920 wird im thüringischen Hörselgau der Grundstein gelegt, damals noch mit einer kleinen Maschinenfabrik. Nach Krieg und Enteignung entsteht in der DDR daraus der staatliche Betrieb VEB Fahrzeugwerk Waltershausen – die Geburtsstätte des späteren Multicar.

In den 1950er-Jahren taucht dann ein unscheinbarer Vorläufer auf: die „Dieselameise“, ein kleiner Transporthelfer für Werkhöfe. Aus ihr entwickelt sich 1958 ein vielseitiges Nutzfahrzeug, das ab 1959 den Namen trägt, der Programm ist: Multicar.

Die „Dieselameise“ ist der Vorläufer des Multicar. In manchen Betrieben ist sie noch immer im Einsatz.
Die „Dieselameise“ ist der Vorläufer des Multicar. In manchen Betrieben ist sie noch immer im Einsatz.Jens Köhler/imago

Und dieser Name ist kein Zufall. Der Multicar kann fast alles. Ob Schneepflug, Müllwagen oder Baustellenfahrzeug – mit Hunderten von Aufbauten lässt er sich anpassen wie kaum ein anderes Fahrzeug.

Schon zu DDR‑Zeiten wird er deshalb zum Exportschlager, viele Fahrzeuge gehen ins Ausland. Deshalb darf er auch einen englischen Namen tragen. Normalerweise ist so was in der DDR nicht möglich.

DDR-Klassiker überlebt als Wessi

Dann kommt die Wende – und für viele DDR‑Fahrzeuge das Aus. Trabant und Wartburg verschwinden von den Produktionsbändern, ganze Werke schließen. Doch der Multicar schafft das, was kaum jemand für möglich hielt: Er überlebt. 1991 wird das Werk privatisiert und später vom westdeutschen Unternehmen Hako übernommen.

Die Hako‑Gruppe, ein moderner Maschinenbaukonzern aus Schleswig‑Holstein, führt die Marke weiter und entwickelt sie konsequent weiter. In Waltershausen laufen noch heute Multicar‑Modelle vom Band – inzwischen technisch auf dem neuesten Stand, aber dem alten Prinzip treu: klein, wendig, robust und vielseitig.

Die verschiedenen Modelle des Multicar sind noch immer auf den Straßen zu sehen.
Die verschiedenen Modelle des Multicar sind noch immer auf den Straßen zu sehen.Wolfram Weber/imago

Kommunen setzen bis heute auf den kleinen Alleskönner, weil er genau das kann, was moderne Großtechnik oft nicht schafft: flexibel arbeiten auf engstem Raum. Und während andere DDR‑Fahrzeuge längst im Museum stehen, bleibt der Multicar ein echtes Arbeitstier – jeden Tag im Einsatz, bei jedem Wetter.

Das letzte DDR-Fahrzeug, es bekommt noch etwas, was Trabi und Wartburg bisher nicht vergönnt war. Der Multicar bekommt ein neues Leben als E-Auto.

So sieht der DDR-Klassiker heute aus. Als Elektrofahrzeug soll der Multicar im kommenden Jahr auf den Straßen rollen.
So sieht der DDR-Klassiker heute aus. Als Elektrofahrzeug soll der Multicar im kommenden Jahr auf den Straßen rollen.Hako

Mit dem neuen M31 ZE startet der Klassiker in die Zukunft – vollelektrisch, rund 129 kW Leistung, über 100 kWh Batterie und Schnellladen in kurzer Zeit. Leise, sauber, aber immer noch genauso vielseitig wie früher. Ein echter DDR‑Veteran, der plötzlich im Elektrozeitalter angekommen ist. Ab 2027 soll der Multicar-Stromer auf den Straßen rollen.

Wie ist Ihre Meinung? Was sind Ihre Multicar-Erinnerungen? Schicken Sie uns einen Leserbrief per Mail an leser-bk@berlinerverlag.com.