Die DDR hatte einen eigenen Rennwagen – und der ist so kultig wie selten: Nur 101 Exemplare des berühmten Melkus RS 1000 wurden vor der Wende hergestellt. Momentan ist das Auto wieder in aller Munde, weil das Dresdner Verkehrsmuseum Geld sammelte, um eines der Schmuckstücke für die Ausstellung zu kaufen. Während viele noch gar nicht wissen, dass es in der DDR so ein Auto gab, sitzt einer der größten Melkus-Fans ausgerechnet im Westen: Michael Bluhm hat das zweite Exemplar in seinem Besitz, das jemals vom Band lief. Dem KURIER verriet er, wie der „Ferrari des Ostens“ in den Westen kam.
Melkus RS 1000 war der einzige Rennwagen der DDR
Der Melkus RS 1000 ist noch heute Kult: flaches Design, markante Flügeltüren, dazu war er ein echtes Leichtgewicht. Erfunden wurde der Melkus von Rennfahrer Heinz Melkus. Laut Überlieferung sah er auf einer Rennveranstaltung in Wien im Jahr 1963 einen Lotus Elan – und setzte sich danach in den Kopf, ein solches Fahrzeug in die DDR zu bringen. „Sein großer Wunsch war, einmal ein Rennauto zu bauen, das man auch im öffentlichen Straßenverkehr bewegen kann“, sagte sein Sohn Peter Melkus in einem Interview.
Die ersten Prototypen entstanden im Jahr 1969, ab 1971 wurde das Auto dann in Handarbeit in Serie produziert. Hinter der Entwicklung stand eine Arbeitsgemeinschaft mit Mitarbeitern des Allgemeinen Deutschen Motorsportverbandes (ADMV), Ingenieuren der Technischen Universität Dresden, Technikern aus dem Automobilwerk Eisenach und Designern der Kunsthochschule in Berlin-Weißensee. Der Wagen sollte zu ehren des 20-Jahre-Jubiläums der DDR das Licht der Welt erblicken.
Wie so oft in der DDR wurde improvisiert: Sogar die Ketten von Badewannenstöpseln sollen verwendet worden sein, dienten etwa als Halteketten für die Motorhauben. Nur 101 Exemplare liefen zu DDR-Zeiten vom Band, heute ist der Melkus ein begehrtes Sammlerstück.

Ein besonders schickes Exemplar steht allerdings ausgerechnet im Westen: Michael Bluhm aus Mülheim an der Ruhr besitzt den zweiten Melkus, der jemals hergestellt wurde. Der Ferrari der DDR im Ruhrgebiet – wie geht das denn? „Ich hatte nie etwas mit dem Osten zu tun, war kein einziges Mal in der DDR und hatte dort auch keine Verwandten“, verriet der 60-Jährige dem KURIER.
1991 war er zum ersten Mal im Osten, weil er für eine Firma arbeitete, die für die Standortentwicklung in den neuen Bundesländern Umfragen durchführte. „Da sah ich einen alten Wartburg Cabrio.“ Sofort war seine Begeisterung für die unbekannten Autos aus dem bisher fremden Teil der Republik geweckt.
Den Wartburg kannte man im Westen gar nicht
In Essen tauschte er sich mit anderen Auto-Fans aus, ein Club für Ost-Wagen entstand. Schon damals begeisterten sich viele für die Fahrzeuge aus der DDR. „Der eine kaufte sich aus ganz praktischen Gründen einen Barkas, weil da ein Motorrad reinpasste, aber in den VW-Bus nicht“, sagt er. Bei anderen sei es eine emotionale Entscheidung gewesen, weil die Autos einfach spannend aussahen. „So einen Wartburg kannte man im Westen damals gar nicht. Und wenn man ihn gestartet hat, haben alle geguckt.“
Als er zum ersten Mal vom Melkus hörte, war Bluhm klar: So ein Auto muss es sein. Ein Jahr später bot sich die Gelegenheit: Sein Chef legte ihm eine Autozeitschrift auf den Tisch, darin eine Anzeige für einen Melkus, der verkauft werden sollte.
„Der Wagen stand nur von uns aus gesehen am Arsch der Welt, etwa 100 Kilometer nördlich von Magdeburg“, sagt Bluhm. Er fuhr hin – und kaufte den Wagen. Einen vierstelligen D-Mark-Betrag habe er gezahlt – wie viel genau, das verrät er nicht. Dass der Verkäufer das Schmuckstück so günstig abgab, ist heute unvorstellbar. „Kurz nach der Wende wollte er sich ein West-Auto kaufen.“
DDR-Autos wurden für sehr geringe Beträge verkauft
So sei es oft gewesen, sagt Michael Bluhm. Autos seien für sehr geringe Beträge verkauft worden – Hauptsache, es wurde Platz für die bisher unerreichbaren Wagen aus dem Westen. Bluhm fuhr den Melkus zuerst, später musste der Wagen saniert werden. „Ich wollte ihn genau so haben, wie er früher war.“
Der Melkus ist unübersichtlich, unpraktisch, aber schweinegeil!
Er nahm Kontakt zu Melkus auf – und sogar der Karosseriebaumeister und der Rennmechaniker von damals packten mit an. Der Wagen wurde in den Ursprungszustand versetzt, ist heute ein echtes Schmuckstück. Michael Bluhm zeigt ihn auf Auto-Treffen und Messen. Für den Straßenverkehr ist er aufgrund der Bauweise weniger geeignet. Der Melkus ist so flach, dass man als Fahrer auf die Türgriffe der daneben fahrenden Autos guckt, wenn man aus dem Fenster schaut, erklärt Bluhm. „Er ist unübersichtlich, unpraktisch, aber schweinegeil!“



