Warum gibt es in der DDR keine Werbung für Autos? „Weil jeder, der eins bekommt, sowieso allen davon erzählt.“ Witze über Werbung gab es in der DDR viele, echte Werbung aber war rar gesät. Kein Wunder – wie soll man für „Ham wa nicht“ auch Werbung machen ... Fast vergessen aber ist, dass es in der DDR für ein paar Jahre wirklich echte Werbefilme gab. „Tausend Tele-Tipps“ heißt die Sendung, die auch die Fernsehköche Kurt Drummer und Rudolf Kroboth bekannt machte.
„Tausend Tele-Tipps“: Der Werbe-Dauerbrenner aus Adlershof
Wie hieß der kürzeste Werbespot der DDR? „Ab morgen wieder Bananen!“ „Tausend Tele-Tipps“ aber hielt länger durch. Genau 16 Jahre. Vorabend in der DDR. Gleich kommt das Sandmännchen. Doch vorher: Werbung! Und zwar richtig viel. „Tausend Tele-Tipps“ – so hieß der Dauerbrenner aus Adlershof. Start: 1960. Anfangs nur montags. Später fast täglich, nur der Sonntag blieb werbefrei. Bis zu 30 Minuten lang.
Die Show war der Nachfolger von „Notizen für den Einkauf“. Millionen schauten zu. Bis zu sechs Millionen Zuschauer sollen anfangs eingeschaltet haben. Anfang der 60er arbeitete sich die DDR aus der Nachkriegskrise, es kamen mehr Produkte auf den Markt – und da war Werbung eine gute Idee.
Was lief da eigentlich? Kurze Filmchen. Mal Zeichentrick. Mal Puppen. Mal nachgestellte Einkaufsszenen. Es ging um Margarine, Benzin oder Fisch. Viel Alltag. Wenig Glanz. Die Produkte? Oft Nebensache. Die Geschichten? Wichtig. Alles wirkte ruhig. Fast bieder.
YouTube-Schätze: Wenn Vita-Margarine zum Kult wurde
Bei YouTube findet man heute noch so manchen Werbefilm aus der DDR. In einem kommt eine junge Frau in einen Laden, die Verkäuferin, leicht geschürzt, eilt herbei und fragt: „Suchen Sie etwas Bestimmtes?“ Die Kundin: „Ich hätte gerne Vita!“ Darauf die Verkäuferin: „Ja, Vita darf in keinem Haushalt fehlen! Sie ist leicht zu verdauen und deshalb leicht bekömmlich.“ Vita war übrigens eine Streichmargarine.
Die Sendung war Kult, manch Werbespruch (das Wort Slogan gab es damals noch nicht) fräste sich in die Erinnerung der DDR-Bürger ein. Wer erinnert sich nicht an Sprüche wie „Baden mit Badusan“? Oder an den Minol-Pirol? Der kleine Vogel wurde zur Werbe-Ikone.
Neuer DDR-Slogan: „Kauf heute, was morgen vielleicht nicht mehr da ist.“ Auch in die Läden sollte Bewegung kommen. Motto: Kaufen, was da ist. Denn genau da lag das Problem. In „Tausend Tele-Tipps“ lief manchmal Werbung für Dinge, die es gar nicht (mehr) gab. Ein Widerspruch, der selbst der Parteiführung auffiel – und die versuchte, der Mangelwirtschaft entgegenzusteuern.
Wenn Fleisch fehlte, warb man in der Sendung fürs Ei. „Nimm ein Ei mehr!“ Wenn Fisch da war, dann bitte: „Zweimal in der Woche Fisch!“ Aber nur so lange, bis die DDR bemerkte, wie viel Westgeld sich mit dem Export von Fisch verdienen ließ. Da verschwand der Spruch wieder – und das Fischangebot in den Läden wurde rarer.
Ein Star der Sendung: Fernsehkoch Kurt Drummer. Er kam an jedem zweiten Wochenende ins Bild. Kochte, erklärte, überzeugte. Und dann Rudolf Kroboth. Sein Format: „Fisch auf den Tisch“. Er präsentierte vor allem Fischsorten, die sich schlechter verkauften. Zum Beispiel exotische Dosen aus der Sowjetunion. Problem: kyrillische Schrift. Lösung: Rezept liefern. Ergebnis: Verkauf boomt. So ging DDR-Marketing.
Was die Werbesports in der DDR kosteten
Produziert wurde das alles unter strenger Kontrolle. Die DEWAG hatte das Sagen. Die Werbe- und Anzeigengesellschaft war ein Staatsbetrieb. Plakate, Dias, Filme – alles aus einer Hand. Auch fürs Fernsehen. Die Betriebe zahlten für ihre Spots. Von Montag bis Freitag kostete die Ausstrahlung eines Werbefilms 9000 Mark, berichtet der MDR. Am Wochenende 12.000 Mark. Werbung war also kein Zufall. Sondern geplant bis ins Detail.
Mit den Jahren änderte sich der Ton. Weniger Produkt. Mehr Ratgeber. Gesundheit, Arbeitsschutz, Versicherung. Fernsehen als Lehrer. Filme erklärten, wie man Strom spart. Oder warum Zähneputzen wichtig ist. Sogar Kinder wurden eingebunden. Hefte vollschreiben, um Bäume zu retten. Pädagogik im Abendprogramm.

Auch das Frauenbild sorgte für Streit. Auf der einen Seite: hübsche Verkäuferinnen, manchmal leichtgeschürzt wie in der Vita-Werbung. Jung, schön, immer modisch. Auf der anderen Seite: die fleißige Hausfrau. Putzt, schrubbt, lächelt selten. Die moderne DDR-Frau? Kaum zu sehen. Die Wirklichkeit sah anders aus als die Werbung.
Letzte Werbe-Relikte: Kondome per Kleinanzeige
Westwerbung sagt: „Du bist, was du kaufst.“ DDR-Werbung sagt: „Du nimmst, was da ist!“ Dann kam die Kritik. Zu viel Konsum. Zu viele Wünsche. Zu nah am Westen. Die Reißleine folgte. Budgets wurden gekürzt. Filme gestrichen. Wiederholungen häuften sich. Die Sendung verlor ihren Glanz. Aus bunt wurde grau.
1975 dann der nächste Schnitt. Werbung nur noch für bestimmte Themen erlaubt. Keine bunte Warenwelt mehr. Stattdessen: Materialökonomie, Kulturpolitik, Lotterie. Der Spaß war raus. Ein Jahr später verordnete der Ministerrat das Aus. 1976 wurde „Tausend Tele-Tipps“ eingestellt, Werbung ab diesem Zeitpunkt weder im Fernsehen noch im Kino zu sehen.






