42 Spieljahre, 8046 Spiele und insgesamt 24.200 Tore – heute vor 35 Jahren endete ein Stück Fußballgeschichte. Am 25. Mai 1991 fand der letzte Spieltag der DDR-Oberliga statt.
1990/91 kämpften die Ost-Teams um die Startplätze im gesamtdeutschen Fußball
Die Spielzeit begann noch zu DDR-Zeiten, am Ende existierte der Staat offiziell nicht mehr. Deshalb hieß sie schließlich NOFV-Oberliga (Nordostdeutscher Fußballverband). Sie stellte die Weichen für die Zukunft. Es ging nicht nur um den Titel, sondern vor allem um die Startplätze für den gesamtdeutschen Fußball.
Die ersten beiden Teams (Rostock, Dresden) qualifizierten sich für die Bundesliga, sechs (Erfurt, Halle, Chemnitz, Lok Leipzig, Jena, Stahl Brandenburg) für die 2. Bundesliga. Für den Rest (Eisenhüttenstadt, Magdeburg, BFC Dynamo bzw. FC Berlin, Sachsen Leipzig, Cottbus, Frankfurt/Oder) ging es ab Sommer 1991 in der Drittklassigkeit weiter.
Vor 35 Jahren endete eine Saison, vor der viele DDR-Topstars das Land Richtung Westen verließen. Viele Klubs verloren in dieser Zeit ihre finanzielle und strukturelle Stabilität.

Kurios, dass ausgerechnet Hansa Rostock, lange als ewiger Zweiter verschrien, am Ende sogar das Double holte. Die Mecklenburger waren, unter Führung von West-Trainer Uwe Reinders, zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Genau so wie Rot-Weiß Erfurt, das 1990 noch gerade so den Klassenerhalt schaffte und ein Jahr später als Dritter nur knapp die Bundesliga verpasste.
Lothar Kurbjuweit (75) trainierte damals die Thüringer und erinnert sich im KURIER an das letzte Jahr im Ausnahmezustand: „Die Saison hat bei vielen Vereinen zu Reaktionen und Aktionen geführt, die man im Normalfall nicht macht, als zum Beispiel kurzfristig Spieler aus dem Ausland geholt wurden. Wir in Erfurt haben ein fantastisches Jahr gespielt. Die ganze Mannschaft ist an ihre Grenzen gegangen.“
Zu wenige Startplätze für die Ost-Teams?
Es gibt nicht wenige, die sagen, dass die Ost-Teams zu wenige Bundesliga-Startplätze für die Saison 1991/92 bekommen haben. Kurbjuweit gehört dazu: „Ja, das war ein bisschen wenig, das sage ich ganz offen. Ich hätte mir auch mehr vorstellen können.“

Erfurt schaffte den Sprung in den bezahlten Fußball. Andere Klubs nicht. Wie der BFC Dynamo, der sich ab 1990 FC Berlin nannte. Die direkte Qualifikation für die 2. Liga wurde als Tabellenelfter verpasst, auch in der anschließenden Aufstiegsrunde konnte sich der einstige DDR-Serienmeister die Teilnahme nicht sichern.
Es ist bis heute der Abschied vom großen Fußball für den BFC. „Das war einfach der K.-o.-Schlag für Jahrzehnte, ein Negativmeilenstein“, sagt Christian Backs (63) heute. Der Mittelfeldspieler gehörte damals zu den ganz wenigen, die auch die goldenen Jahre beim BFC miterlebt hatten.
Es drehte sich bei allen Spielern nur noch darum, sich für einen Profiverein im Westen zu empfehlen.
Für ihn kam der Niedergang in der Saison 1990/91 nicht überraschend. Backs zum KURIER: „Das war sportlich zu erklären. Wir hatten zu dem Zeitpunkt auch schon einen Aderlass, sowas steckt ja niemand weg.“
Backs fügt an: „Es drehte sich bei allen Spielern nur noch darum, sich für einen Profiverein im Westen zu empfehlen. Wir standen nach den Spielen am Bus, und da warteten schon die ersten Spielerberater. Da war auch der dicke Calmund (Ex-Leverkusen-Manager Reiner Calmund – d. Red.) immer wieder dabei. Die Spielerberater sind teilweise sogar in der Halbzeitpause auf Spieler zugegangen. Es waren verrückte Zeiten.“

Von dem oft zitierten Hauen und Stechen im letzten Jahr will Backs nichts wissen: „Es war eher so ein Sortieren. Keiner wusste ja, ob man es und wie man es richtig macht. Deshalb war der Grundton schon bei den meisten: ‚Erst mal weg, dahin, wo es schon lange Profifußball gibt und wo man Geld verdienen kann.‘“
Die Zahl der Plätze für die Ost-Teams hält der Berliner, der seit Jahren in der Immobilienbranche tätig ist, bis heute nicht für zu wenig: „Wir hatten die Chance, mit zwei Mannschaften in ein gewachsenes System reinzugehen und mitzumachen. Ich sehe das eher als Chance. Wir wollten ja auch alle etwas anderes. Irgendwie musste ja eine sportliche Basis her, die wurde so vorgeschlagen, und es gibt ja auch Mannschaften, die das genutzt haben.“

Der BFC bzw. FC Berlin war auch an unrühmlichen Ereignissen dieses Jahres beteiligt. Am 3. November 1990, vor dem Spiel bei Sachsen Leipzig, lieferten sich Hooligans Straßenschlachten mit der Polizei. Dabei wurde der 18-jährige Berliner Mike Polley durch Schüsse tödlich getroffen – ein bis heute nicht vollständig aufgeklärter Todesfall und der tragische Höhepunkt der Gewalt in dieser Saison. Sein Tod steht symbolisch für die Gewalt und den Kontrollverlust im Fußball rund um die letzte Oberliga-Saison.
Zuvor, am 6. Spieltag, kam es beim Spiel Sachsen Leipzig gegen Carl Zeiss Jena zu einem Spielabbruch. Nach umstrittenen Schiedsrichterentscheidungen eskalierte die Lage, es flogen Wurfgeschosse, und das Spiel wurde nach einem Platzsturm endgültig abgebrochen.

Am 25. Mai 1991 endete schließlich das denkwürdige Jahr mit dem letzten Spieltag, an dem es noch einmal eng zuging. Dem Jenaer Heiko Weber war es beim 2:0 in Cottbus vergönnt, das letzte Tor der Oberliga-Geschichte zu erzielen. Es war der 459. Treffer dieser Spielzeit. Dieser Wert wurde nur in der Saison 1969/70 unterboten (452). Der Dresdner Torsten Gütschow wurde mit 20 Treffern letzter Torschützenkönig.




