2025 waren es „Die nackte Kanone“ oder „Superman“, in diesem Jahr „Horst Schlämmer“, „Der Teufel trägt Prada“ und „Harry Potter“ – die Filmwelt scheint auf einer nie endenden Nostalgiewelle zu schwimmen. Ob Fortsetzungen oder Neuauflagen: Alles hat man irgendwo und irgendwann schon einmal gesehen. Schaltet man das Radio an, hört man Melodien, die einem bekannt vorkommen. Fällt uns einfach nichts Neues mehr ein?
Blick nach vorn? Es wird in den Rückspiegel geschaut
Retro‑ und Vintage‑Trends prägen Kultur, Mode und sogar unsere Essgewohnheiten. Psychologe und Marktforscher Stephan Grünewald erklärt dieses Phänomen: „Wenn ich das Gefühl habe, in eine Ungewissheit zu geraten, der ich mich nicht aussetzen will, dann bleibe ich lieber im Gestern, weil das ein sicherer Zufluchtsort ist. Der Blick nach vorn wird jetzt durch den Blick in den Rückspiegel ersetzt.“
Gerade im beginnenden KI-Zeitalter gibt Vergangenes Sicherheit. Und natürlich spielt auch das Geld eine Rolle. Bekanntes verkauft sich sicherer als Unbekanntes. Und gerade in Hollywood halten die „alten“ Filme die Studios am Laufen. Getreu dem Motto: Lieber gut kopiert als schlecht selbst gemacht.
Auch in Deutschland setzt man auf Altbewährtes. Grünewalds Erklärung: „Wir sind als Gesellschaft im Moment nicht in einer Aufbruchsstimmung. Die Zeitenwende, die der frühere Kanzler Olaf Scholz verkündet hat, hat psychologisch nicht stattgefunden. Die Menschen sind eher in einer Art Nachspielzeit. Das heißt: Sie hoffen, dass die Zustände, die ihnen vertraut sind, noch einmal eine Zeit lang aufrechterhalten werden können.“

In der Mode ist der Retro‑Trend seit jeher ein Thema, doch gerade bei jungen Menschen spielt Vintage‑Mode derzeit eine große Rolle. 15‑ bis 35‑Jährige suchen bewusst Secondhand‑Mode. Nicht nur aus Nachhaltigkeitsgründen. Grünewald erklärt: „Es ist ein Versuch, eine Geschichtlichkeit, die man selbst nicht durchlebt hat, überzustreifen. In den Klamotten stecken sozusagen die Geschichten, die Abenteuer, die Risiken, die ich selbst nicht durchlitten habe. Und so kann ich mir das Gefühl geben, als hätte ich das am eigenen Leib erfahren.“
Die sogenannte Y2K‑Mode feiert ein Comeback und lässt die 1990er‑ und 2000er‑Jahre aufleben. Junge Menschen tragen wieder Baby Tees und Baggy Jeans. Vor allem in den Großstädten spielt Retro eine große Rolle. Eine deutsche Firma ist dabei führend: Adidas. Für das Unternehmen ist dieser Trend bereits seit drei Jahrzehnten ein Erfolgsgarant.
Berlin spielt für die Retro-Welle eine zentrale Rolle
Und Berlin spielt dabei eine zentrale Rolle. Adidas erklärt: „Aus europäischer Perspektive zählen Berlin, London und Paris zu den wichtigsten Impulsgebern im Retro‑Bereich. Jede Stadt interpretiert Trends auf ihre eigene Weise, gemeinsam prägen und verstärken sie jedoch maßgeblich die modische Richtung in Europa.“

Das Unternehmen mit den drei Streifen fügt an: „Retro‑ und Vintage‑Linien sind für Adidas ein zentraler Bestandteil der Markenidentität (...) und schaffen so eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart.“
Dieser Stil wird laut Adidas noch eine Weile anhalten: „Der Retro‑Trend gewinnt weltweit weiter an Dynamik. Konsumenten suchen zunehmend nach zeitlosen Styles mit Geschichte, die sich klar von schnelllebigen Modetrends abheben.“

Weiteres Beispiel: Fußballtrikots. Viele Designs sind nicht neu, sondern werden schlichtweg abgekupfert. Das neue Heim-Trikot der deutschen Nationalmannschaft für die WM 2026 ist vom Design her an das von 1990 angelehnt. Damals wurde Deutschland Weltmeister.
Recycling bringt attraktive Gefühlszustände zurück
Für Grünewald ist diese Wahl kein Zufall: „Es verkauft sich das, was den Leuten dieses Recycling von attraktiven Gefühlszuständen ermöglicht. Fußballerisch sind wir ja in den vergangenen Jahren nicht so erfolgreich. Also insgesamt, mit Blick auf das Deutsche, hat man das Gefühl, dass aus ‚Made in Germany‘ ein ‚Marode in Germany‘ geworden ist. Und dann dockt man wieder an die frühere Weltmeisterschaftlichkeit an.“

Und nicht nur bei Filmen, Musik oder Mode gibt es einen Retro‑Trend, auch beim Essen. Grünewald sagt: „Gerichte, die man aus Kindertagen kennt, wie falscher Hase, feiern gerade eine Rückkehr. Genauso Marken wie Tritop, Ahoi‑Brause oder Afri‑Cola. Sie haben uns früher einmal Aufbruchserlebnisse beschert, auch die werden jetzt wieder recycelt.“




