Der Stadtteil Marzahn war in der DDR als „Stadt der kurzen Wege“ geplant. Innerhalb von 15 Minuten sollten alle Besorgungen des Alltags erledigt sein. Bis heute sagen viele Marzahner, sie „fahren in die Stadt“, wenn sie nach Berlin-Mitte wollen. Das Herz ihres Viertels aber liegt an der Marzahner Promenade. 1984 begann dort der Bau des Kulturhauses Marzahn – eines der letzten großen Gesellschaftsbauten der DDR.
Ein Kulturpalast, der allen Umbauplänen trotzte
Das Kulturhaus wurde nach den Plänen von Architekt Professor Wolf-Rüdiger Eisentraut, der auch am Entwurf des Palastes der Republik beteiligt war, konzipiert und kurz nach der Wende fertig gestellt.

Es ist eines der letzten Häuser dieser Art, das den Sprung zum modernen Kultur- und Freizeitzentrum geschafft hat und heute noch bespielt wird. Im Juni 1990 wurde es fertig, die politische Wende war bereits da. Das Haus, heute bekannt als Freizeitforum Marzahn (FFM), mit den Zirkelräumen im Pionierhaus rettete sich irgendwie in die neue Zeit.
Das FFM überstand Pläne, aus dem durchdachten Zentrum ein Autohaus oder ein Einkaufszentrum zu machen. Die Überlegungen des Architekten sind bis heute bewahrt, sichtbar und funktional.
Auf 17.000 Quadratmetern Nutzfläche brachte Eisentraut alles unter, was man auch heute noch für einen vielseitigen Alltag im Kiez braucht: Bibliothek, Schwimmhalle, zwei Bühnen, Sporthalle, Kegelbahn und Gastronomie – gruppiert um ein großes Foyer. Multifunktionalität war damals das Gebot der Stunde. Heute gilt sie wieder als modern.

Ein seltenes Relikt der DDR-Kulturarchitektur
Rund 2.000 Kulturhäuser wurden in der DDR gebaut. Viele existieren nicht mehr oder sind gefährdet. Das Freizeitforum ist eines der letzten errichteten und eines der wenigen, die von Anfang an als multifunktionales Kultur- und Sportzentrum gedacht waren. Es bildet den Schlusspunkt der Marzahner Promenade.
Mittlerweile erkennt man den Wert der Gebäude wieder. Ein Netzwerk „Kulturhäuser“ ist entstanden, welches vor Kurzem an das Zukunftszentrum für Deutsche Einheit und Europäische Transformation in Halle (Saale) umgezogen ist.
Kulturhäuser in der DDR
In der DDR entstanden ab den 1950er Jahren in großen Städten, aber auch in kleinen Landgemeinden Kulturhäuser. Sie sollten allen Menschen egal ob auf dem Land oder in der Stadt, kulturelle Angebote zugänglich machen und zur Herausbildung „sozialistischer Persönlichkeiten“ beitragen.
Ob in Mestlin, Leuna, Unterwellenborn, Bitterfeld, Schkopau oder Plessa: Die Kulturpaläste in kleinen Orten nahmen seit dem Ende der DDR ganz unterschiedliche Entwicklungen. Viele sind Ruinen oder schon abgerissen. In Berlin Marzahn überlebte das Kulturhaus die Wende.
Sanierung, Weiterentwicklung und ein Dachgarten
Seit 2009 wird das Haus Schritt für Schritt in einen modernen Zustand versetzt. Zwischen 2016 und 2023 wurde energetisch saniert. Dabei entstand auch die begrünte Dachterrasse zwischen den Hochhäusern Marzahns ein echter Geheimtipp, der über die Bezirkszentralbibliothek „Mark Twain“ für alle zugänglich ist. Derzeit trüben allerdings Bauarbeiten das Dachvergnügen. Der Aufgang ist noch gesperrt.

Warum kennt keiner das Kulturhaus in Marzahn?
Doch warum kennt kaum jemand das letzte Kulturhaus der DDR? Diese Frage stellt sich auch Marco Lieske, Teamleiter für Kultur und Veranstaltungen im FFM. „Es ist total schade, dass das Freizeitforum über die Bezirksgrenzen hinweg so wenig bekannt ist. Der Bezirk hat hier einen Schatz, dessen Potenzial nicht ausreichend genutzt wird.“

Nach der langen Corona-Pause sei das Haus „in eine Art Dornröschenschlaf gefallen und in Vergessenheit geraten“, sagt er. Selbst Marzahner sagten oft, sie hätten gar nicht gewusst, „was für ein tolles Haus da an der Marzahner Promenade steht“.
Kulturhaus im Schatten der Verwaltung
Die Liegenschaft gehört dem Bezirk und wird durch die GSE – die Gesellschaft für Stadtentwicklung - betrieben. Der Kulturbetrieb trägt sich fast von selbst. Im Bezirk, dessen Verordnete monatlich im Arndt-Bause-Saal tagen, ist das Haus jedoch nicht im Fachbereich Kultur angesiedelt, sondern in der Abteilung für Jugend, Familie und Gesundheit. „Auf Webseiten des Bezirkes wird es sogar als ehemaliger Kulturort geführt“, erzählt Marco Lieske – obwohl es der größte Freizeit- und Kulturstandort im Nordosten Berlins ist. Sämtliche DDR-Stars von Frank Schöbel bis Inka Bause waren schon hier.
Mischung aus SEZ und Palast der Republik
Wer das FFM nicht kennt, muss sich eine Mischung aus Palast der Republik und SEZ vorstellen. Sport und Kultur finden unter einem Dach statt.
Archtiket Eisentrauts persönliches Lieblingsstück aber ist die Studiobühne, die über dem Foyer zu schweben scheint. Marco Lieske plant dort Veranstaltungen für ein jüngeres Publikum – Poetry Slams, Sing-Events, Comedy, Diskussionsrunden.
Ein Hauch Palast der Republik in Marzahn
Im großen Saal und in der Studiobühne hängen auch noch Original-Scheinwerfer aus dem Palast der Republik. „Viele der Haustechniker dort heuerten nach der Schließung des Palastes hier in Marzahn an und brachten kurzerhand verwertbare Technik mit“, erzählt Marco Lieske.

Wer weiter durch das Labyrinth des Hauses geht landet unweigerlich irgendwann im Arndt-Bause-Saal. Glas, Halogen und Chrom am Kronleuchter, der das 400 Quadratmeter Deckengemälde von Peter Hoppe beleuchtet, lassen die 1980er und 1990er wieder lebendig werden.
Die Oktogon-Formen, die ganz Marzahn prägen, sind auch hier allgegenwärtig. „Wer sie einmal entdeckt hat, findet sie überall wieder“, sagt Marco Lieske. Sogar die Türrahmen im Arndt-Bause-Saal nehmen diese geometrische Form auf.

Nach dem Abriss des Palastes der Republik und dem geplanten Ende des SEZ ist das Freizeitforum Marzahn einer der wenigen Orte in Berlin, an dem die Ost-Moderne lebt. Dass es wie das FEZ in der Wuhlheide unter Denkmalschutz gestellt wird, ist nicht zu erwarten. Es würde schon ausreichen, wenn es auch in Zukunft einen festen Platz im Herzen von Ostberlin hat.


