Schon vor der Premiere war der Konflikt da: Darf man DDR-Alltag, Schlager, Shows und Erinnerungen auf die Bühne bringen, ohne sofort unter Ostalgie-Verdacht zu geraten? Genau diese Debatte begleitet die neue Revue „Mokka-Hits und Milchbar-Träume“ von Axel Ranisch und Adam Benzwi an der Komischen Oper Berlin.
Stück bringt DDR-Schlager und Tanz zusammen
Das Stück bringt DDR-Schlager, Tanz, Kabarett, Showelemente und politische Widersprüche zusammen – von den Anfängen der DDR bis zur Wendezeit. Die Komische Oper beschreibt den Abend als Reise durch vier Jahrzehnte DDR-Geschichte.
Frank Schöbel teilt gegen die „Bild“ aus
Einer, den diese Debatte nicht kalt lässt, ist Frank Schöbel. Der Sänger gehörte zu den größten Stars der DDR-Unterhaltung. Sein Film „Heißer Sommer“ von 1968 gilt bis heute als Kult, sein Hit „Wie ein Stern“ machte ihn auch im Westen bekannt. In der „Berliner Zeitung“ spricht Schöbel über den alten Vorwurf, Künstler aus dem Osten würden die DDR verharmlosen, sobald sie positive Erinnerungen an den Alltag erzählen.

Auf die Frage, ob er es legitim finde, dass der Revue schon vor der Premiere durch die „Bild“ eine „Verniedlichung der DDR“ unterstellt worden sei, antwortet Schöbel scharf: „Das ist doch typisch Bild. Die wissen schon alles ganz genau, bevor es losgeht. Ich habe das Stück auch nicht gesehen, war eingeladen, konnte zeitlich nicht“, sagt er der „Berliner Zeitung“.
DDR-Bürger müssen bis heute mit Vorurteilen leben
Auch Regisseur Axel Ranisch hatte sich im Vorfeld gegen einen solchen Eindruck gewehrt. In einem „B.Z.“-Interview sagte er: „Wir verherrlichen den Mauerbau nicht.“
Wir haben auch gelebt und lassen uns unsere positiven Erinnerungen von keinem nehmen. Damit das klar ist!
Schöbel sieht hinter solchen Vorwürfen ein größeres Problem. Es gehe aus seiner Sicht um einen bis heute schiefen Blick auf ostdeutsche Biografien. „Seit dem Mauerfall muss ich – müssen wir – mit diesen dummen Vorurteilen leben. Wir haben auch gelebt und lassen uns unsere positiven Erinnerungen von keinem nehmen. Damit das klar ist!“
Frank Schöbel hat selbst lange Bühnengeschichte
Der 83-Jährige verweist dabei auch auf seine eigene Bühnengeschichte. „Ich habe selbst eine ‚Frank-Schöbel-Story‘, ein Theaterstück mit 44 Songs von 1958 bis heute, geschrieben. Es läuft mit großem Erfolg seit 2020 im Dresdner Boulevardtheater, und wir sind in diesem Jahr das erste Mal auf Tour, vom 18. bis 20. September im Marzahner Freizeitzentrum Berlin.“
Die Revue an der Komischen Oper will nach Angaben des Hauses ausdrücklich nicht nur Nostalgie liefern. In der Produktion finden auch Szenen aus dem Ost-Berliner Kabarett „Distel“ Platz, darunter Material, das zu DDR-Zeiten zensiert worden sein soll. Außerdem tauchen neben Schlagern auch Lieder von Brecht/Eisler und Wolf Biermann auf.
Schöbel kennt Vorwürfe wegen Ostalgie
Trotzdem kennt Schöbel die Erwartung, wenn über die DDR gesprochen wird: Erst müsse offenbar das Negative kommen. Auf die Frage, ob es eine moralisierende Erwartungshaltung aus dem Westen gebe, man dürfe vom Osten nur erzählen, wenn sofort auch Repressalien Thema seien, sagt er: „Eigentlich soll man nur die Repressalien aufzählen, dann bekommt man eine Eins. Gutes gab es nicht.“
Auch persönlich sei ihm der Ostalgie-Vorwurf begegnet. Schöbel nennt seine neue CD und den Song „Im Osten geht die Sonne auf“. Das Lied ist Teil seines 2026 veröffentlichten Albums „Spiel des Lebens“. Dazu sagt er: „Ja, ich habe auf meiner neuen CD den Song ‚Im Osten geht die Sonne auf‘. Da wird nur das erzählt, was uns begleitet hat: Florena, Intershop, FKK, Sandmann, ‚Kessel Buntes‘, Flaschensammeln, Altpapier, Malzkaffee, Mininetz aus Dederon. ’Nen Trabbi für viel Geld, Kleiner Muck und Pittiplatsch, ja, das war unsre Welt.“
Schöbel verweist auf positive Erinnerungen an die DDR
Für Schöbel sind das keine politischen Kampfansagen, sondern Erinnerungen an gelebten Alltag. „Das waren und sind unsere positiven Erinnerungen. Aber manche im Westen erheben sich über uns und keifen wie ein altes Waschweib, scheinbar, weil sie eifersüchtig auf unsere Vergangenheit sind? Wer immer nur das Schlechte aufzählt, erreicht genau das Gegenteil“, sagt er der „Berliner Zeitung“.

Dass auch jüngere Künstler wie Axel Ranisch, Jahrgang 1983, die DDR künstlerisch bearbeiten, findet Schöbel grundsätzlich richtig. Ranisch war erst sechs Jahre alt, als die Mauer fiel. Er hat die DDR also nur als Kind erlebt. Schöbels Bedingung: „Ja, natürlich, aber dann bitte gut informiert und ausgewogen.“
Schöbel: „Wir wissen es auf jeden Fall besser“
Und wenn jemand die DDR gar nicht oder nur kurz erlebt hat? Auch dazu hat Schöbel eine klare Ansage: „Egal, Hauptsache, er sieht es nicht durch die ‚Westbrille‘. Wir wissen es auf jeden Fall besser und passen ganz genau auf.“





