Zivilschutz

Drohnenangriff auf Berlin: Dieser U-Bahnhof in Mitte ist der sicherste

Bei einer neuen Führung durch den Atomschutzbunker an der Pankstraße erfährt man Spannendes über Zivilschutz im Krisenfall – gestern und heute.

Author - Stefanie Hildebrandt
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Der Verein Berliner Unterwelten e.V. präsentiert eine neue Tour zum Thema „Zivil- und Katastrophenschutz vom Kalten Krieg bis heute“ am U-Bahnhof Pankstraße.
Der Verein Berliner Unterwelten e.V. präsentiert eine neue Tour zum Thema „Zivil- und Katastrophenschutz vom Kalten Krieg bis heute“ am U-Bahnhof Pankstraße.Benjamin Pritzkuleit/Berliner Kurier

Tief unter der Erde gibt es sie auch in Berlin noch: die letzten Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg oder aus dem Kalten Krieg. Dass man die Schutzräume jemals wieder benötigen würde, war noch vor wenigen Jahren undenkbar. Wo es in Berlin in der U-Bahn besonders sicher ist und warum man es in Marzahn nie weit bis zum nächsten Schutzraum hat, das erfahren Interessierte bei einer neuen Tour des Vereins Berliner Unterwelten e.V.

Berlins vergessene Bunker: Wie sicher ist die Hauptstadt?

Bei einem Rundgang durch den Atomschutzunker im U-Bahnhof Pankstraße wird Spannendes über den Zivil- und Katastrophenschutz gestern und heute vermittelt.

Die jüngste, Tour 4, führt durch die original erhaltene und 2010 unter Denkmalschutz gestellte Mehrzweckanlage (MZA) aus dem Jahr 1977 im U-Bahnhof Pankstraße.

Tour durch den Atombunker Pankstraße

Durch eine unscheinbare graue Stahltür gelangt man vom U-Bahnhof direkt in das Schutzlabyrinth, das für das Überleben von 3339 Menschen nach einem Atomangriff auf Berlin konzipiert wurde. Zwei Wochen lang sollten die Menschen hier unter der Kreuzung Badstraße/Prinzenallee ausharren können. Oben auf dem Mittelstreifen der Badstraße zeigt noch immer ein Lüftungsturm an, wo unten die Frischluftversorgung gewährleistet wurde.

Auch die gelbe Antenne auf dem blauen U-Bahnschild ist ein Bunker-Bauteil. Sie sollte im Ernstfall die Kommunikation sicherstellen. Die Technik unter der Erde: analoge Platinen. Denn im Falle eines Atomschlags wäre alles, was mit Halbleitern in Chips funktioniert außer Gefecht gesetzt.

Im Falle eines Atomkriegs setzte man auf Kurz- und Mittelwelle und analoge Kommunikation.
Im Falle eines Atomkriegs setzte man auf Kurz- und Mittelwelle und analoge Kommunikation.Benjamin Pritzkuleit/Berliner Kurier

Wie der Alltag im Ernstfall ausgesehen hätte

Der Atombunker im U-Bahnhof war der ehemals viertgrößte Berlins, errichtet wurde er mit dem Bau des U-Bahnhofs im Jahr 1977.  „Sehr große und schwere Stahlbetontore hätten die Räume im Ernstfall hermetisch abgeriegelt, ein 465-PS-Diesel-Notstromaggregat und ein unterirdisches Wasserwerk die unabhängige Strom und Trinkwasserversorgung sichergestellt“, erläutert Reiner Janick, Vorstand Forschung beim Berliner Unterwelten e.V.

Die Schlafräume mit den eng aneinandergestellten Vierstockbetten, die Waschräume und die Notküche veranschaulichen eindrücklich, wie beengt und provisorisch die Unterbringung der Schutzbedürftigen vonstattengegangen wäre. Wer zuerst kam, konnte auf Einlass hoffen, der Schleusenwart zählte von einem Guckloch in der Schleuse aus bis 3339. Plus sieben Bunkermitarbeiter, die den Betrieb managen sollten.

Ausstattung, Vorräte und strenge Regeln im Bunker

In der Original-Zubehörliste von 1977 war für jeden der Benutzer pro Person eine Schlafdecke, ein Grubenhandtuch, eine Essschale, Trinkbecher, Suppenlöffel, zwei Rollen Klosettpapier und eine halbe Kernseife vorgesehen. Auf 1000 Menschen kamen zehn Trainingsanzüge, in der gesamten Anlage waren 30 vorrätig. 7000 Abführtabletten lagerten in den Medizinschränken und genauso viele Beruhigungspillen.

Aus dieser Küche sollten über 3000 Menschen zwei Wochen lang versorgt werden.
Aus dieser Küche sollten über 3000 Menschen zwei Wochen lang versorgt werden.Benjamin Pritzkuleit/Berliner Kurier

Wie in der kleinen Küche mit sechs AEG-Kochplatten Tausende versorgt hätten werden sollen, ist unklar. Auf den Topflappen, die an zwei großen Töpfen befestigt sind, stehen immerhin erbauliche Sprüche: „Freue dich deines Lebens, denn es ist schon später als du denkst.“ Der Bunker in der Pankstraße wurde zum Glück niemals benutzt.

Tut Berlin genug für den Katastrophenschutz?

In der Theorie aber sollten zwei leere U-Bahnzüge auf den Bahnsteigen weitere Sitzplätze für 400 Menschen bieten. Überall wo Platz war, sollten schmale vierstöckige Betten aufgestellt werden, 900 Stück.

72 Toiletten, Waschbecken und ein Reingungsgerät für Bettpfannen im Atombunker.
72 Toiletten, Waschbecken und ein Reingungsgerät für Bettpfannen im Atombunker.Benjamin Pritzkuleit/Berliner Kurier

Für die 3339 Menschen gab es 72  Toiletten, getrennt nur durch Vorhänge. Die Glasspiegel in den Waschräumen hatte man durch Metall ersetzt. Auch Messer und Gabeln sucht man im Bunker vergeblich. Zu groß die Verletzungsgefahr im Ausnahmezustand. Im Lager befinden sich noch heute sichtbar einige Kisten mit Vorräten, darunter 67 Klobürsten, wie auf einem der Kartons steht. 

Im Kalten Krieg hatte West-Berlin etwa 2 Millionen Einwohner, nur für ein Prozent der Bevölkerung gab es Schutzräume. Heute sieht es noch übler aus.

Schutzräume in Marzahn: Warum Plattenbauten bis heute Vorteile haben

Immerhin statt großer Zivilschutzräume setzte man auf Multifunktionslösungen: Tiefgaragen in Wohnvierteln und in Einkaufszentren wurden zu Schutzräumen ausgebaut. „Es gab in der BRD steuerliche Anreize für den Bau von Hausschutzräumen“, erzählt der Chef der Berliner Unterwelten Dietmar Arnold.

Wohnblöcke in Berlin-Marzahn. Die Keller der WBS70 Bauten können Schutzräume sein.
Wohnblöcke in Berlin-Marzahn. Die Keller der WBS70 Bauten können Schutzräume sein.Lukas Schulze/picture alliance/dpa

Und auch in der DDR rüstet man die Bevölkerung in den Plattenbaugebieten von Marzahn gegen Angriffe. In den WBS70-Bauten befinden sich in den verstärkten Kellern Schutzräume, die auch schweren Angriffsschäden in den Geschossen oberhalb standhalten.

Ist der Bunker noch nutzbar? Experten erklären die Schwachstellen

Die Frage, die alle Besucher bei diesem Rundgang umtreibt: Könnte so eine Anlage auch heute noch Schutz bieten? 

Ein Problem bei der hermetischen Abriegelung an der Pankstraße sind die neu eingebauten gläsernen Aufzüge. Ansonsten aber bietet der Bunker so wie er heute erhalten ist, Schutz für 700 bis 800 Menschen, sagt Dietmar Arnold, auch wenn die Anlage seit 2009 nicht mehr Teil des Zivilschutzprogramms ist.

Verein ertüchtigt historische Zivilschutzanlagen

Einen weiteren Bunker am Blochplatz, in direkter Nähe zum Bahnhof Gesundbrunnen, ertüchtigt der Verein bis zum November für bis zu 900 Menschen. „Wir haben den Zivilschutz in unsere Vereinssatzung aufgenommen“, erläutert Arnold, um auch historische Anlagen für den Zivilschutz heute betreiben zu können.

Eine Anlage aus dem Zweiten Weltkrieg an der Teichstraße in Reinickendorf wird ebenfalls wieder flott gemacht. Insgesamt kommt man in Berlin-Mitte auf 3750 Schutzplätze, die der Verein anbieten kann. In ganz Berlin sind es 8450. Ein Tropfen auf den heißen Stein, ein Anfang.

Sicherste U-Bahnhöfe in Berlin-Mitte: Rosenthaler Platz liegt vorn

Im Ernstfall eines Drohenangriffs etwa, wie sie täglich in der Ukraine stattfinden, sind die Berliner auch darauf angewiesen, auch in U-Bahnhöfen Schutz zu suchen. Für Berlin-Mitte hat der Verein Berliner Unterwelten e.V. eine Untersuchung bezüglich der Sicherheit angestellt. Mit ernüchterndem Ergebnis: Schutz bieten U-Bahnhöfe, bei denen man nur eine Treppe hinabsteigt bei Drohnenangriffen kaum. Die Druckwelle fegt über den ganzen Bahnsteig, trifft ein Geschoss den Eingang.

„Senefelder Platz, Chausseestraße, viele Bahnhöfe der U6 sind nicht besonders sicher“, sagt Dietmar Arnold, „wenn natürlich immer noch sicherer als der Aufenthalt auf der Straße“. Je mehr 90-Grad-Ecken eine Druckwelle überwinden muss, desto mehr schwächt sie sich ab. „Am U-Bahnhof Rosenthaler Platz muss man viermal um die Ecke um zum Bahnsteig zu gelangen“, so Arnold.

Vierstöckige Betten sollten auch überall auf dem U-Bahnsteig aufgestellt werden.
Vierstöckige Betten sollten auch überall auf dem U-Bahnsteig aufgestellt werden.Benjamin Pritzkuleit/Berliner Kurier

Das sei der sicherste Bahnhof in Mitte. Auch am U-Bahnhof Brandenburger Tor könne man nach diesem Kriterien gut Schutz suchen. Ganz im Gegenteil dazu sei der verglaste Bahnhof Unter den Linden keine gute Wahl. „Einige Bahnhöfe könnte man mit wenigen Mitteln umbauen“, so Arnold. Mit der neuen Tour wolle man ein Signal setzen.

Zivilschutz in Deutschland: Nur wenige Anlagen noch einsatzbereit

Anders als in der Schweiz, wo für jeden Bürger und jede Bürgerin ein Schutzplatz vorgehalten wird, gibt es in Deutschland aus Arnolds Sicht großen Handlungsbedarf. Wie ist es um den Zivilschutz in Berlin ganz allgemein bestellt? Sind vorhandene Zivilschutzanlagen überhaupt noch einsatzbereit? Gibt es ausreichend Schutzplätze? Das sind dringliche Fragen, denen sich Politik und Verwaltung stellen müssten. Laut Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) sind von einst 2000 öffentlichen Zivilschutzanlagen in Deutschland aktuell nur noch 579 mit 478.000 Schutzplätzen erhalten. Keine ist jedoch derzeit funktions- oder einsatzbereit.

„Wir wollen keine Ängste schüren, mit der neuen Tour 4 aber für das Thema sensibilisieren und gegenüber Politik und Verwaltung vielleicht auch ein bisschen Handlungsdruck erzeugen“, so Dietmar Arnold.

Tickets für die Tour „Atombunker Pankstraße“ können im Onlineshop auf www.berliner-unterwelten.de gekauft werden.

Wo würden Sie im Falle einer Katastrophe Schutz suchen? Bitte schreiben Sie uns:leser-bk@berlinerverlag.com