Mobbing, Faustschläge, Messerstiche: Eine aktuelle Senatsstudie schlägt Alarm. Fast jeder zweite Berliner Lehrer sieht Gewalt als großes Problem an seiner Schule. Und fast 80 Prozent sagen, dass die Brutalität in Klassenzimmern und auf Schulhöfen schneller eskaliert als früher. Doch vor der Gewalt muss man nicht kapitulieren. Man kann sie bekämpfen, sagt Aleksander Dzembritzki (57). Er war vor 20 Jahren der Rektor der Rütli-Schule in Neukölln. Er und seine Lehrer machten die einstige Terrorschule Deutschlands zum Vorzeige-Campus Berlins.
Mehr als 6700 Straftaten an Berliner Schulen
63 Prozent der Berliner Schüler berichten von Beleidigungen, 26 Prozent von Mobbing, vier Prozent sagen, dass sie gewalttätig angegriffen wurden. Laut der Studie, die Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) in Auftrag gab, ist das der Ist-Zustand an den Schulen der Hauptstadt.
Die Polizeistatistik zeigt erschreckende Zahlen: In Berlin gab es allein 2024 rund 6710 Straftaten an Schulen, darunter mehr als 2000 Körperverletzungen.
Ständig gibt es Berichte über Gewalt. Etwa über Lehrer, die wegen ihrer Homosexualität von Schülern gemobbt werden. Oder über Schüler, die von anderen Klassenkameraden angegriffen werden.
Es sind nicht nur Blessuren, sondern auch lebensgefährliche Verletzungen, die die Kinder davontragen. So wie der Spandauer Schüler Maximilian (13), der in der Sportumkleide von einem Mitschüler mit einem Messer angegriffen wurde. Zehn Messerstiche, die das Leben des Kindes hätten beenden können (KURIER berichtete).
Rütli in Neukölln: Das war Deutschlands Terrorschule
Für massive Gewalt stand vor 20 Jahren die Rütli-Hauptschule in Neukölln. „Aggressivität, Respektlosigkeit und Ignoranz“: Lehrer sprachen von Chaos und Angst im Unterricht. Ein Brandbrief ging im Frühjahr 2006 durch die Medien.
Die Rütli, die damals einen Migrantenanteil unter den Schülern von mehr als 80 Prozent hatte, wurde als „Terrorschule Deutschlands“ verteufelt. Am Ende gab es noch nicht einmal eine richtige Schulleitung mehr.

Keiner wollte diesen Job machen, bis sich dann Junglehrer Aleksander Dzembritzki bewarb und im Oktober 2006 die Rütli-Hauptschule mit knapp 300 Schülern übernahm.
„Ich hatte in Lübeck gearbeitet und wollte unbedingt wieder in meine Heimatstadt Berlin“, sagt er jetzt, 20 Jahre nach den Ereignissen. „Also habe ich die Herausforderung an der Rütli angenommen.“

Im KURIER-Gespräch erinnert sich Dzembritzki noch daran, was Kollegen ihm damals sagten: „Wenn du an diese Schule gehst, bist du an der schlimmsten von ganz Europa.“
Rektor der Rütli-Schule: So bekamen wir die Gewalt in den Griff
Dabei hätte es aus Sicht von Dzembritzki erst gar nicht so weit kommen müssen. So manche Probleme, wie die mit der Integration von Schülern mit Migrationshintergrund, waren an der Rütli-Schule hausgemacht, so Dzembritzki.
„Wenn die Schulleitung ihnen erklärt, dass sie nichts sind, nichts können und dass aus ihnen nichts werden kann, muss man sich nicht wundern, dass das dann Folgen hat“, sagt er.

Die Gewalt zwischen Schülern und Lehrern eskalierte. Manche Pädagogen trauten sich nur noch mit dem Handy in den Unterricht, um notfalls telefonisch Hilfe zu holen.
Am Ende trat die Schulleitung die Flucht an. „Die Schüler konnten mit der Lehrerschaft machen, was sie wollten, ohne dass es Konsequenzen für sie gab.“
Rütli-Schule: „Ihr seid nichts wert“
Dzembritzkis erster Schritt auf dem langen Weg, die Gewalt an der Rütli zu stoppen und die Schule zu reformieren und auf die Schüler zuzugehen. „Statt ihnen zu sagen, dass sie nichts wert sind, muss man als Lehrer sie für die Schule begeistern.“
An der Rütli-Schule wurden Sport-AGs und eine Band gegründet. Sogar ein Unternehmen gibt es: die schuleigene Modemarke „Rütli Wear“, die Bestandteil des Unterrichts wird.

Überhaupt gehört Berufsorientierung für Jugendliche von Anfang an zum Stundenplan. Praxisnaher Unterricht in verschiedenen Firmen wurde organisiert.
„Damals wie heute gilt: Die Jugendlichen müssen erfahren, dass sie gewünscht und gebraucht werden“, sagt Dzembritzki. Egal ob im Unterricht oder im Schulverein.
„Es gab da so einen Schüler, dem konnte man mit Schulverweisen gar nicht kommen. Dem Jungen war das egal“, sagt Dzembritzki. „Aber wenn man ihm drohte, aus der Fußballmannschaft der Schule zu fliegen, dann riss er sich plötzlich zusammen.“
Rütli-Schule: Feste Regeln, konsequente Umsetzung
Feste Regeln, konsequente Umsetzung: Um an der Rütli-Schule die Gewalt abzubauen, wurde auch ein privater Wachschutz engagiert. Die Sicherheitskräfte kontrollierten etwa die Taschen der Schüler nach Waffen, verhinderten das Eindringen Unbefugter, deeskalierten Konflikte auf dem Schulhof und riefen bei Bedarf die Polizei.
„Die Wachsschützer übernahmen vor allem eine sozialpädagogische Komponente“, sagt Dzembritzki. „Die durften sich morgens schon manchen Frust der Schüler anhören, der dann nicht mit in die Schule getragen wurde. Gewalt entsteht nicht nur in den Schulen, sie wird auch von außen, etwa durch private Probleme, in Schulen hineingetragen.“
Das Abfangen von Problemen am Schultor war wichtig. „Die Mehrheit der Schüler an der Rütli-Schule war damals muslimisch sozialisiert“, sagt Ex-Rektor Dzembritzki. Da trafen zwei Kulturen heftig aufeinander.

Damit man sich einander besser versteht und kennenlernt, machte der Schulleiter Hausbesuche bei den Familien oder ging in die Kiezzentren. Die Rütli-Schule baute ein Netzwerk auf mit Sozialarbeitern, dem Jugendamt, der Schulaufsicht – und auch mit der Polizei.
Rütli-Rektor: Auch eine Bombendrohung
Nach drei Jahren verließ Dzembritzki die Schule. Beim Reformierungsprozess an der Rütli hat er viel erreicht. Die Terrorschule von einst gibt es nicht mehr. „In diesen drei Jahren habe ich mehr durchgemacht als ein Schulleiter in 30 Jahren“, sagt Dzembritzki. „Auch eine Bombendrohung gehörte dazu.“
Ausgelöst wurde sie durch einen Jugendlichen. Der saß irgendwo in Deutschland vor dem Computer, schrieb bei einem PC-Spiel in den Chat an seinen Mitspieler: „Wir machen mit der Rütli-Bombe.“ Die Polizei nahm den eigentlichen Scherz sehr ernst.

„Die Rütli war damals nun einmal das Synonym für Gewalt“, sagt SPD-Mann Dzembritzki, der nach seiner Rektorenzeit in die Politik ging und bis 2021 Staatssekretär für Sport und Inneres war.
Rütli-Schule für 30 Millionen Euro zum Campus umgebaut
Heute ist die Rütli-Schule ein Campus, an dem knapp 1000 Mädchen und Jungen lernen. Viele von ihnen machen erfolgreich ihr Abitur. Eine Situation, von der man vor 20 Jahren nur träumen konnte.
Die Verdreifachung der Schülerzahl zeigt, wie stark sich die Rütli entwickelt und stabilisiert hat und zu einer der begehrtesten Schulen in Berlin geworden ist. Allerdings wurde auch viel Geld in die Schule gepumpt: mehr als 30 Millionen Euro für den Ausbau und die Entwicklung der Schule zum Campus.



