Auf Rock-Konzerten sind die abschließbaren Taschen für Smartphones längst im Einsatz. Nun sollen sie auch in Schulen Schüler vom unkontrollierten Handygebrauch abhalten. Janos Udvary ist Vertriebler beim Anbieter Omnibag, er renne mit seinem Angebot offene Türen ein. Von den 150 Schulleitern, die er bereits gesprochen habe, würden am liebsten alle das Produkt einsetzen, sagt er.
Bekanntes Prinzip aus den USA
Omnibags greift seit 2025 ein Prinzip auf, das in den USA schon länger an Schulen umgesetzt wird. Abschließbaren Handytaschen machen konzentrierten Unterricht ohne Smartphone-Nutzung möglich. Aber auch das nervige Umsetzen von Verboten oder das Einsammeln der Geräte entfällt.
„Die Smartphones bleiben bei den Schülern und sind gleichzeitig nicht zugänglich“, erklärt Janos Udvary, der gerade aus einer Steglitzer Schule kommt, wo er sein Konzept vorgestellt hat. Ein strukturierter und kontrollierter Umgang mit Smartphones sei das, was sich viele Schulen wünschten.

An den meisten Schulen gebe es zwar Regeln wie: die Handys bleiben ausgeschaltet in der Tasche oder sie werden den Schultag über in einem Safe aufbewahrt. In der Praxis aber macht die konsequente Umsetzung Probleme: Die Schule haftet etwa für eingesammelte Handys, wenn Kratzer entstehen. Oder Schüler halten sich nicht an das Smartphone-Verbot. Oft regieren Lehrkräfte dann mit ihren Sanktionen unterschiedlich, was wiederum zu neuen Konflikten führt.
Die Taschen, die schon länger übermäßigen Handygebrauch auf Konzerten eindämmen sollen, könnten nun auch Schülern helfen, sich nur auf die Schule zu fokussieren.
Ähnlich dem Prinzip beim Diebstahlschutz im Einzelhandel, lässt sich die Tasche nur durch einen Magneten öffnen, den nur die Lehrkräfte besitzen.
Schulen suchen nach guten Lösungen
„Die Schulleiter, die ich in Berlin bisher getroffen habe, zeigen großes Interesse“, sagt Janos Udvary. Normalerweise berät seine Firma die öffentliche Hand in IT-Fragen. Die Idee zum Handy-Verschluss in Schulen kommt aus Amerika. Jetzt schwappt sie auch an deutsche Schulen.
Experiment: Drei Wochen ohne Smartphone
Dass ein Leben und ein Schulalltag ohne Smartphone viele Vorteile bringen kann, zeigt aktuell auch ein Experiment, an dem auch die Evangelische Schule Köpenick teilnahm. Mehr als 72.000 Jugendliche, hauptsächlich aus Österreich sowie aus Deutschland, Italien, der Schweiz und Liechtenstein verzichteten drei Wochen lang freiwillig auf ihre Smartphones.
Die jüngst veröffentlichten Ergebnisse des „Handy-Experiments“ sind eindeutig. Ohne Smartphone fanden die Jugendlichen in besseren Schlaf berichteten über ein gesteigertes Wohlbefinden und über weniger depressive Symptome.
Ab sofort handyfreie Schule
„Wir sind sehr beeindruckt von unseren Erfahrungen während des Experiments“, sagte die stellvertretende Schulleiterin Kerstin Schwitters. „Daher hat die Schulkonferenz beschlossen, dass die Schulumgebung an der Evangelischen Schule Köpenick ab dem neuen Schuljahr komplett handyfrei sein wird.“ Es sei ein größeres Bewusstsein dafür entstanden, wie wichtig es ist, für alle digitalen Medien im Unterricht gesunde Regelungen zu finden.
„Wir haben gerade zum Beispiel einen Medienraum eingeweiht, in dem es nur fest installierte Bildschirme gibt“, so Schwitters weiter. Smartphones als kleine, stets verfügbare Geräte mit ihrem großen Suchtpotenzial seien um vieles problematischer. Dies sei durch die Erfahrungen aus der Studie gestützt und entspreche den Beobachtungen der Lehrkräfte aus dem Schulalltag.

Und hier setzt wiederum Janos Udvarys Angebot an. Auch ihm berichten Lehrer und Schulleiter, wie das Sozialverhalten der Schüler unter dem anhalten Handykonsum leidet. Es gebe Schüler, die schrieben sich in der Pause lieber WhatsApp- Nachrichten anstatt miteinander zu sprechen. Später kommen dann Probleme wie unerwünschte Film- oder Foto- Aufnahmen, Cybermobbing und Handysucht hinzu. Der Drang, das stets verfügbare Gerät immer wieder hervorzuholen ist groß, auch Erwachsene dürften das aus ihrem Alltag kennen.
Ohne gesellschaftliche Regulierung haben Jugendliche keine Chance gegen Handysucht und -abhängigkeit. Die Algorithmen der Feeds und Sozialen Medien sind so programmiert, dass wir immer mehr wollen, das Belohnungszentrum im Gehirn ist mächtig.
Gegen Handysucht hilft der Entzug
„Wie auch bei anderen Süchten hilft oft nur der Entzug“, so Janos Udvary. Wer schlicht keinen Zugang zum Smartphone hat, kann sich wieder auf soziales Miteinander konzentrieren.
Wie sehr unseren Kindern das fehlt, zeigt die erste Befragung vor dem Start des Handy-frei Experiments per Fragebogen:
Die Hälfte der Teilnehmer berichtete über leichte bis mittelschwere Schlafstörungen, knapp zwei Drittel gaben an, leichte bis schwerere Symptome einer Depression zu verspüren. Etwa 71 Prozent zeigten ein problematisches oder pathologisches Internetnutzungsverhalten.
Nach drei Wochen komplett ohne Handy waren die Verbesserungen eindeutig.
Das allgemeine psychische Wohlbefinden stieg um rund 20 Prozent. Am eindrücklichsten waren die Veränderungen bei den depressiven Symptomen, die um knapp 30 Prozent sanken. Auch Ein- und Durchschlafstörungen verringerten sich um rund 23 Prozent.
Aus den Schulen, die die Taschen bereits verwenden heißt es, es sei ruhiger geworden. Die Nerverei rund ums Handy hat ein Ende. Auch die Schüler würden das nach einer gewissen Zeit schätzen. Eltern sind meist begeistert, sie sind es auch, die die 24 Euro pro Tasche finanzieren müssen. Man arbeite daran, für sozial schwache Familien auch Gelder über das Startchancen Programm oder Sponsoren aufzutreiben, so Janos Udvary.


