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Erkennt man so Nazi-Eltern?: Kita-Broschüre sorgt für Empörung

Drei Mädchen mit geflochteten Zöpfen

Eine Broschüre der Amadeu-Antonio-Stiftung sorgt für Zoff: Kann man Nazi-Eltern am Aussehen ihrer Kinder erkennen?

Foto:

imago/photothek

Berlin -

Eine Kita-Broschüre für Erzieher erhitzt die Gemüter. Das knapp 60-seitige Heft soll dazu anleiten, Nazi-Eltern zu erkennen – anhand des Aussehens ihrer Kinder. Das ist der Vorwurf der Kritiker der Broschüre. Bei Mädchen seien Zöpfe und Kleider verdächtig, bei Jungs große Fitness. Erstellt wurde die Fibel von der Berliner Amadeu-Antonio-Stiftung. Das Vorwort schrieb Familienministerin Franziska Giffey (SPD).

Die Broschüre trägt den Titel „Ene, mene, muh – und raus bist du!“. Das klingt wie eine Aufforderung, Zopf-Mädchen in der Kita auszugrenzen. Laut Eigenwerbung der Berliner Stiftung soll es vielmehr darum gehen, rechtsextreme und fremdenfeindliche Einflüsse zu erkennen, bevor sie in Kinderköpfe eindringen können. 

„Absurde Fallbeispiele und Vorschläge“

Das sei bitter nötig in Zeiten, in denen Rechtspopulisten auf die Barrikaden gehen, nur weil ein Spielplatz nach dem Märchen „Ali Baba und die 40 Räuber“ gestaltet wird. Aber ist es nicht selbst diskriminierend und grotesk, vor angeblichen Nazi-Mädchen zu warnen, die „zu Hause zu Haus- und Handarbeiten angeleitet“ werden?

Eine Broschüre.

Die Broschüre trägt den Titel „Ene, mene, muh – und raus bist du!“. Laut Eigenwerbung der Berliner Stiftung soll es darum gehen, rechtsextreme und fremdenfeindliche Einflüsse zu erkennen, bevor sie in Kinderköpfe eindringen können. 

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Antonio Amadeu Stiftung

Nadine Schön (CDU), Vize-Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag: „Wenn Erzieher zu Überwachern und zum Korrektiv der elterlichen Gesinnung werden sollen, überschreitet das Grenzen.“ Die Fibel enthalte „absurde Fallbeispiele und Vorschläge“.

Diese Kritik bezieht sich auf Empfehlungen wie klärende Elterngespräche in der Kita, wenn bestimmte Kleidungsstile bevorzugt oder Jungen zu Hause „stark körperlich gefordert“ werden. CDU-Politikerin Schön findet, dass solche „Elternspionage“ nicht zur Demokratie passe. In der DDR kam es vor, dass Kindergarten-Kinder nach den Ansichten ihrer Eltern befragt wurden. Schön sieht nur eine sinnvolle Verwendung für die Broschüre: „Bitte sofort einstampfen!“

Die Stiftung betont, dass alle Fallbeispiele aus der Praxis stammen

Diese Forderung, die von weiteren CDU-Politikern geteilt wird, ist eine Attacke auf den Koalitionspartner SPD. Denn die sozialdemokratische Familienministerin Giffey hat nicht nur ein lobendes Vorwort zur bundesweit angebotenen Kita-Fibel verfasst, sondern sie auch mit Steuergeld gefördert. Die Rede ist von rund 4600 Euro.

Eine Frau am Rednerpult

Familienministerin Franziska Giffey (SPD) förderte die neue Broschüre. Sie schrieb auch das Vorwort dazu. 

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Soeren Stache/dpa

Giffey selbst verteidigt sich mit dem Hinweis, man habe Erziehern nur bei der heiklen Aufgabe helfen wollen, Kindswohlgefährdungen durch radikalisierte Eltern zu erkennen. Der AfD-Bundespolitiker Stephan Brandner wundert sich jedoch, wie die Broschüre im Vorfeld durch die Neutralitätsprüfung der Bundesregierung kommen konnte. Die Fibel argumentiere „völlig einseitig und abwegig“.

Die Berliner Amadeu-Antonio-Stiftung hat schon gemerkt, dass ihre Broschüre nicht nur Fans hat. Das Telefon steht seit Tagen nicht still – vor lauter Beschwerden. Die Stiftung betont, dass alle Fallbeispiele aus der Praxis stammen: Die Eltern des Zopf-Mädels seien rechte Kameradschafter gewesen. Man wolle keine Kinder ausgrenzen. Das sei die falsche Lösung.