300 Infizierte im Jahr

Gefährlicher Tuberkulose-Wahnsinn mitten in Berlin

Berlin kriegt die Infektionskrankheit einfach nicht ausgerottet. Infizierte Patienten müssen eigentlich isoliert werden, ergreifen aber oft die Flucht.

Author - Sharone Treskow
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In Berlin gibt es regelmäßig flüchtige Tbc-Patienten, die wieder eingefangen werden müssen. (Symbolbild)
In Berlin gibt es regelmäßig flüchtige Tbc-Patienten, die wieder eingefangen werden müssen. (Symbolbild)Emmanuele Contini / Imago

Früher nannte man sie Schwindsucht oder „Weiße Pest“, heute Tuberkulose (Tbc). Es ist eine gefährliche Infektionskrankheit, die die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bis 2035 endlich aus der Welt schaffen will. Doch in Berlin gibt es jedes Jahr noch immer rund 300 Fälle – und die erweisen sich oft als schwierig: Infizierte flüchten leider aus der Isolation und gefährden so andere Berliner.

Tuberkulose noch immer ein Problem in Berlin

Während deutschlandweit die Zahlen leicht schwanken (2024: 4.391 Fälle), bleibt Berlin ein Fokusgebiet. Oft bedingt durch Wohnsituationen, die eine Ausbreitung begünstigen. Besonders gefährdet sind Menschen in prekären Lebensverhältnissen wie Obdachlosigkeit oder Personen mit engem Kontakt zu Infizierten wie Pflegepersonal.

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Berit Kessler / Imago
Tuberkulose-Symptome
Tuberkulose (TBC) äußert sich oft schleichend durch unspezifische Symptome wie anhaltenden Husten (teils mit Auswurf/Blut), nächtliches Schwitzen, leichtes Fieber, Gewichtsverlust und Müdigkeit. Diese Symptome treten meist bei Befall der Lunge auf, können aber variieren.

Die Erkrankung – eine „offene TBC“ – ist in Deutschland meldepflichtig und gut heilbar, erfordert aber eine mehrmonatige Antibiotikaeinnahme und außerdem eine zweiwöchige Isolation. Unbehandelt kann Tuberkulose zum Tod führen.

Genau hier liegt der Knackpunkt: Viele Patienten in Berlin weigern sich, die Isolation zum Schutz ihrer Mitmenschen einzuhalten! Obwohl Infizierte so die Verbreitung der Krankheit befeuern, flüchten sie.

Tuberkulose-Infizierte fliehen aus den Kliniken

Welche Schwierigkeiten das Lichtenberger Zentrum für tuberkulosekranke Menschen bewältigen muss, erläutert dessen Leiter Sebastian Dietrich im Gesundheitsausschuss des Abgeordnetenhauses. „Wir können die Absonderung nur anordnen. Es ist relativ schwierig, diese auch durchzusetzen“, zitiert B.Z. ihn.

Dietrich berichtete, dass die Flucht von Patienten aus Krankenhäusern beinahe alltäglich sei. Immer wieder müsse er Tbc-Erkrankte zur Fahndung ausschreiben lassen. Zwar meist mit Erfolg, aber: „Wenn wir einen Patienten fahnden lassen, wird er von der Polizei ins Krankenhaus gebracht. Wenn die Polizei weg ist, verlässt er das Krankenhaus auch wieder“, so Dietrich.

Das Tuberkulose-Zentrum in Lichtenberg bietet hin und wieder mobile Röntgenstationen zur Tbc-Diagnose an.
Das Tuberkulose-Zentrum in Lichtenberg bietet hin und wieder mobile Röntgenstationen zur Tbc-Diagnose an.Christian Ditsch / Imago

Ob künftig eine Bewachung der Patienten durch Polizeikräfte in der Klinik möglich sei, prüfe derzeit die Rechtsabteilung der Polizei. Besonders unkooperative Isolationspatienten werden inzwischen in einer spezialisierten Klinik in Bayern untergebracht.

Die Durchsetzung der Isolation sei jedoch nicht das einzige Problem. „Die Hauptschwierigkeit besteht darin, die Patienten, oft Menschen mit Alkohol- und Drogengebrauchsstörungen, zum Durchhalten zu motivieren.“

Polizei kann Tbc-Patienten nicht überwachen

Der Landeschef der Gewerkschaft der Polizei (GdP) Stephan Weh hat sich bereits zu dem prekären Thema geäußert: „Es steht außer Frage, dass Tbc-Patienten eine Gefahr für die Gesellschaft darstellen, wenn sie nicht professionell behandelt werden und im öffentlichen Straßenland unterwegs sind, statt isoliert in medizinischen Einrichtungen versorgt zu werden“, stellt er eingangs klar.

„Aber wir werden definitiv keine Polizisten in den Krankenhäusern platzieren können, um zu verhindern, dass jemand abhaut. Wir reden über eine hochinfektiöse Krankheit, der dann auch unsere Kollegen direkt ausgesetzt sind“, stellt Weh klar. „Sollten Menschen sich der notwendigen ärztlichen Versorgung entziehen, stellen sie eine Gefahr für die Bevölkerung dar.“

Der Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Stephan Weh, kann keine Polizisten für Tbc-Überwachung bereitstellen.
Der Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Stephan Weh, kann keine Polizisten für Tbc-Überwachung bereitstellen.Sergej Glanze

Weiter betont Weh: „Zuständig sind in erster Linie die Bezirke, die Zwangsmaßnahmen ergreifen und sich um Wachschutz kümmern können.“ Abschließend erklärt der GdP-Landeschef: „Wenn das nicht reicht und man im Einzelfall gegen renitente Personen Vollzugskräfte benötigt, kann man die Polizei dazu rufen. Unsere Kollegen sind kein günstiger Wachschutz.“

Früher kamen Tbc-Patienten an diesen Lost Place

Heute ist die erste Anlaufstelle bezüglich Tbc-Erkrankungen in der Hauptstadtregion das Tuberkulosezentrum in der Zachertstraße 75 in Lichtenberg.

Die verfallenen Gebäude der Beelitzer Heilstätten bei Berlin. Hier wurden früher Tbc-Patienten behandelt.
Die verfallenen Gebäude der Beelitzer Heilstätten bei Berlin. Hier wurden früher Tbc-Patienten behandelt.Reto Klar/Funke Foto Services

Früher waren es die Beelitzer Heilstätten bei Berlin. Die Anlage wurde ab 1898 als eine der weltweit modernsten Lungenheilanstalten zur Behandlung von Tuberkulose errichtet. Auf dem 200 Hektar großen Gelände im Kiefernwald wurden Patienten mit Licht, Luft und Liegekuren therapiert, um die „Weiße Pest“ zu bekämpfen.

Das Areal ist heute ein berühmter Lost Place, teilweise saniert und durch einen Baumkronenpfad touristisch erschlossen.

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