Lehrer schlagen Alarm

Berliner Erstklässler starten mit massiven Sprachproblemen

Viele Berliner Kinder beginnen die Schule mit Sprachdefiziten. Große Klassen, Personalmangel und fehlende Förderung verschärfen die Lage.

Author - Tobias Esters
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Grundschulkinder kämpfen mit Sprachproblemen bereits ab der ersten Klasse.
Grundschulkinder kämpfen mit Sprachproblemen bereits ab der ersten Klasse.dpa

Viele Berliner Erstklässler sitzen morgens in ihren Klassenräumen, hören der Lehrerin zu und verstehen trotzdem nur einen Teil von dem, was gesagt wird. Das beobachtet Gabriela Kasigkeit vom Deutschen Philologenverband seit Jahren. Sie stand selbst 43 Jahre lang als Lehrerin in Berliner Klassenzimmern.

Viele Kinder starten mit Sprachdefiziten

Kasigkeit spricht von einem ernsthaften Problem. Viele Kinder kämen mit zu geringem Wortschatz, unsicherem Satzbau und schwachem Sprachverständnis in die Schule. Wer so beginne, habe es von Anfang an schwer, dem Unterricht zu folgen.

„Fehlen diese Basiskompetenzen, geraten Kinder in nahezu allen Fächern sofort ins Hintertreffen“, sagt sie. Wer nicht richtig versteht, könne kaum mithalten.

Besonders betroffen seien Kinder aus sozial belasteten Familien. Oft fehle es an früher Förderung, an regelmäßigen Kita-Besuchen oder an sprachtherapeutischer Unterstützung. Dabei gehe es nicht um Schuldzuweisungen an Eltern oder Kinder, betont Kasigkeit. Vielmehr stelle sich die Frage, ob das Bildungssystem Probleme früh genug erkennt und gezielt gegensteuert.

Die Berliner Lehrerin Gabriela Kasigkeit vom Deutschen Philologenverband macht sich Sorgen um die Sprachförderung.
Die Berliner Lehrerin Gabriela Kasigkeit vom Deutschen Philologenverband macht sich Sorgen um die Sprachförderung.Amin Akhtar/DPhV

Hinzu komme die Situation an vielen Schulen. Große Klassen, Personalmangel und fehlende Fachkräfte für Sprachförderung machten individuelle Unterstützung schwierig. Für viele Lehrkräfte sei es kaum noch möglich, jedem Kind gerecht zu werden.

„Schulen in belasteten Lagen tragen eine disproportionale Last“, so Kasigkeit. Sie müssten mit immer schwierigeren Voraussetzungen arbeiten, ohne ausreichend Unterstützung zu bekommen.

Der Senats-Plan für bessere Deutschkenntnisse

Der Berliner Senat betont, dass er früh gegensteuern will. Mit dem sogenannten Kita-Chancenjahr sollen vor allem Kinder erreicht werden, die bisher keine Kita besuchen. Sie sollen früher getestet und bei Förderbedarf verbindlich in Sprachprogramme eingebunden werden.

Künftig sollen Sprachtests bereits vor der Einschulung stattfinden. Kinder mit Defiziten sollen mehr Förderstunden bekommen und möglichst früh einen Kitaplatz erhalten. Dafür wird der sogenannte Willkommensgutschein automatisch an alle Familien mit Kindern ab drei Jahren verschickt.

Einheitliche Regeln von der Kita bis zur Schule

Außerdem will der Senat die Entwicklung der Kinder stärker begleiten und auswerten. Lernstände sollen regelmäßig erfasst und ausgewertet werden. Wenn Schulen schlechte Ergebnisse zeigen, soll gezielt nachgesteuert werden.

Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch spricht von einem grundlegenden Kurswechsel. Statt vieler einzelner Projekte soll es ein einheitliches System geben, das von der Kita bis zur Schule greift.

Der Deutsche Philologenverband begrüßt frühe Sprachförderung, warnt aber davor, neue Pflichten ohne ausreichend Plätze, qualifiziertes Personal und verlässliche Qualitätsstandards einzuführen. Eine solche Ausweitung bliebe Symbolpolitik, betont Kasigkeit.

„Wer hier zu spät ansetzt, läuft Gefahr, Lernrückstände zu verfestigen, die später kaum noch aufzuholen sind“, sagt die ehemalige Berliner Lehrerin.