Stundenlanges Scrollen

So süchtig macht TikTok unsere Kinder

Die EU prüft TikTok wegen seines Sucht-Designs, während Experten vor Folgen für Kinder und Familien warnen.

Author - Tobias Esters
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Viele Eltern sorgen sich, wie viel Zeit der Nachwuchs täglich in sozialen Netzwerken verbringt.
Viele Eltern sorgen sich, wie viel Zeit der Nachwuchs täglich in sozialen Netzwerken verbringt.Annette Riedl/dpa

Erst hängen bleiben, dann durchscrollen, dann plötzlich ist eine Stunde weg. Für Millionen Kinder und Jugendliche gehört das zum Alltag. Jetzt schlägt sogar die EU Alarm. Die Europäische Kommission wirft TikTok vor, Kinder und Jugendliche mit einem „süchtig machenden Design“ an die App zu fesseln. Das könnte gegen den Digital Services Act verstoßen und für TikTok teuer werden.

So hält TikTok seine Nutzer in der Endlos-Schleife

Im Visier stehen Funktionen wie Endlos-Scrollen, Autoplay, Push-Nachrichten und der extrem personalisierte Algorithmus. Alles ist darauf ausgelegt, Nutzer möglichst lange auf der Plattform zu halten. „Nur kurz gucken“ gibt es praktisch nicht mehr.

Genau davor warnt Medienexperte und Elternsprecher Tobias Dillinger seit Jahren. Der Vater eines 13-Jährigen betreibt mit anderen Eltern den Blog Medienzeit, ein Magazin von Eltern für Eltern rund um Smartphones, KI und Social Media. Im KURIER-Interview sagt er: „Die Plattformen sind von Psychologen so gebaut, dass sie jeden kriegen.“ Selbst Erwachsene verlören darin jedes Zeitgefühl.

Tobias Dillinger, Medienunternehmer und Vater, warnt seit Jahren vor den Risiken digitaler Plattformen für Kinder.
Tobias Dillinger, Medienunternehmer und Vater, warnt seit Jahren vor den Risiken digitaler Plattformen für Kinder.Foto: Susanne Brünler

Laut Dillinger geht es bei TikTok & Co. nicht um Information, sondern um Emotionen. „Diese Plattformen sind nicht gebaut, um uns bestmöglich zu informieren, sondern um uns dranzuhalten“, sagt er. Immer das nächste Video, immer der nächste Reiz, immer ein bisschen extremer.

Der Algorithmus wirkt bis in die Nacht

Dillinger beobachtet in Familien immer häufiger massive Folgen. „Unreguliert kommen die Kinder nicht mehr in den Schlaf, und das zieht sich bis in den nächsten Tag“, sagt er. „Die Dinge, die nachts auf Smartphones passieren, sind ganz schlimm.“ Viele Kinder schlafen schlecht und sind am nächsten Tag in der Schule überfordert.

Auch die EU sieht darin ein ernstes Risiko. Deshalb prüft sie jetzt, ob TikTok seine Mechaniken umbauen muss. Im Raum stehen Auflagen oder sogar Milliardenstrafen.

Die ganze Familie im Algorithmus-Fangnetz

Doch das Problem betrifft nicht nur Kinder. „Viele Eltern haben selbst 40 oder 50 Stunden Bildschirmzeit“, sagt Dillinger. Sie stecken oft in derselben Algorithmus-Falle wie ihre Kinder, erwarten aber trotzdem, dass der Nachwuchs damit besser klarkommt.

Für Dillinger ist deshalb klar, dass Verantwortung nicht nur bei Familien liegen darf. „Das Einzige, was wirklich hilft, ist: Die Plattformen müssen in die Pflicht genommen werden.“

Genau das versucht nun die EU. Sollte TikTok gezwungen werden, sein Design zu ändern, hätte das Signalwirkung für den ganzen Markt. Auch Instagram und YouTube könnten dann unter Druck geraten.

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