Gewalt-Bilanz

Warum sich viele Berliner trotz Messerverbotszonen weiter unsicher fühlen

Die Polizei hat insgesamt 149 Messer sichergestellt, die Gewalt ist geblieben. Was denken Anwohner über die drei Berliner Verbotszonen?

Author - Stefan Doerr
Teilen
Beamte kontrollieren am Bahnhof Ostkreuz, ob ein Mann eine Waffe bei sich trägt.
Beamte kontrollieren am Bahnhof Ostkreuz, ob ein Mann eine Waffe bei sich trägt.Pressefoto Wagner

Ein Jahr nach Einführung der Messer- und Waffenverbotszonen zieht die Berliner Polizei eine nüchterne Bilanz: In den drei besonders belasteten Bereichen rund um Kottbusser Tor, Görlitzer Park und Leopoldplatz wurden 149 Messer sichergestellt. Anwohner haben ihre Zweifel, dass das Verbot tatsächlich etwas bewirkt.

Verhindert das Messerverbot tatsächlich Angriffe?

Die Regelung gilt seit dem 15. Februar 2025 in den drei Zonen und umfasst öffentliche Straßen, Plätze und Wege sowie die U-Bahnhöfe Görlitzer Park, Kottbusser Tor und Leopoldplatz. Verboten ist dort das Mitführen jeglicher Waffen und sämtlicher Messer, auch Küchen- und Gebrauchsmesser. Berlins Innensenatorin Iris Spranger hatte die Maßnahme als Teil eines Sicherheitskonzepts verteidigt. „Sie stützen die Sicherheit gezielt dort, wo es erforderlich ist“, so die SPD-Politikerin.

Ein Polizist zeigt ein sichergestelltes Messer.
Ein Polizist zeigt ein sichergestelltes Messer.Paul Zinken/dpa

Anwohner bemerken keine Besserung

Doch bewirkt das Verbot tatsächlich etwas? Ein Mitarbeiter eines türkischen Supermarkts am Kottbusser Tor sieht das kritisch. „Es hat sich nichts verändert“, sagt der Mann, der anonym bleiben will. Im Winter sei es zwar etwas ruhiger, doch sonst bleibe die Lage oft gefährlich. „Die schlagen sich oder die klauen, also Handys oder Taschen.“ Auch Ladendiebstähle und die Drogenszene seien unverändert präsent.

Ein Bar-Mitarbeiter berichtet hingegen, dass Gewalt und Bandenkriminalität in der Nacht bereits seit der Corona-Pandemie zurückgegangen seien. „Das kam aber vor der Verbotszone und vor der neuen Polizeiwache hier.“

Ratlos zeigt sich ein Schuster vom Platz. Dealer würden zwar regelmäßig festgenommen, kehrten aber schnell zurück. „Wenn man die jetzt hier alle verscheuchen würde – wo sollen die hin? Ich schätze mal, hier werden die geduldet, warum auch immer. Ich meine: Warum sind die nicht in Zehlendorf oder in Mitte?“

Ein Waffenverbotsschild ist vor einem der Eingänge zum Görlitzer Park angebracht.
Ein Waffenverbotsschild ist vor einem der Eingänge zum Görlitzer Park angebracht.Soeren Stache/dpa

Weiter viele Messerangriffe in Verbotszone

Von Mitte Februar 2025 bis Ende Januar kontrollierte die Polizei in den Zonen insgesamt 5220-mal. Schwerpunkt der Maßnahmen war der Leopoldplatz in Wedding: Dort überprüfte die Polizei 3366-mal die Einhaltung des Verbots und beschlagnahmte bis Anfang Februar 110 Messer.

Doch die Gewalt verschwand nicht. Am Leopoldplatz kam es in den knapp zwölf Monaten bis Ende Januar zu 19 Messerangriffen, in drei Fällen wurden Schusswaffen eingesetzt. Im Görlitzer Park registrierte die Polizei 29 Messerattacken und einen Vorfall mit einer Waffe, am Kottbusser Tor 28 Messerangriffe sowie vier weitere Waffendelikte. Zusätzlich leitete die Polizei 269 Verfahren wegen Verstößen gegen das Verbot ein.

Auch die Polizei-Gewerkschaft sieht das Verbot skeptisch

Auch die Gewerkschaft der Polizei hält wenig von den Verbotszonen. „Waffen- und Messerverbotszonen sind und bleiben Placebo und lösen das Problem nicht, auch wenn unsere Kollegen vor Ort gute Arbeit machen“, sagt Landeschef Stephan Weh. Jede sichergestellte Waffe sei zwar ein Erfolg, „aber es ist eben nicht so, dass eine Waffe zwei Meter neben dem Leopoldplatz oder außerhalb der U-Bahn ungefährlicher ist“. Die Messergewalt habe in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen, die Politik habe dafür aber bisher keine Lösung gefunden.

Wie ist Ihre Meinung zur Gewalt in Berlin? Bitte schreiben Sie uns: leser-bk@berlinerverlag.com