Andrej Ilic hat es geschafft. Im 22. Saisonspiel des 1. FC Union Berlin hat der Angreifer sein erstes Tor erzielt. Nicht in jeder Minute stand er auf dem Platz, die meisten aber doch. Ein Spiel nur hat er ganz verpasst. Fast schon hatte man Mitleid mit dem Serben, der sich für das Team aufopfert, immer auch im eigenen Strafraum bei Aufräumarbeiten zu finden ist, der bei alldem aber nicht zu seiner Kernkompetenz gefunden hat. Nun hat er den Ball doch mal in den gegnerischen Kasten befördert. Und dennoch kommt keine Freude auf, weil es mit seinem Kopfball kurz vor Spielende mit dem 2:3 beim Hamburger SV doch wieder nicht der richtige Moment war.
Ilics erstes Tor – aber 45 Minuten zu spät
Es ist ein verfluchtes erstes Tor. Genau eine Halbzeit zu spät ist es gefallen. Zumal die Gelegenheit kurz vor dem Pausenpfiff die viel bessere war. Einladender als vor dem leeren Kasten und nur durch den in schierer Verzweiflung grätschenden HSV-Abwehrspieler Jordan Torunarigha gestört, hätte sie nicht sein können. Aber: wieder nichts. Wie schon in manchen Spielen zuvor und doch noch deutlich dramatischer.

In Dortmund beim 0:3 hatte Ilic allein vor BVB-Schlussmann Gregor Kobel vergeben. Es wäre kurz vor der Pause die Führung gewesen, dafür gingen zwei Minuten später die Schwarz-Gelben in Führung. Im Heimspiel gegen den HSV hatte Ilic einen Elfmeter vergeben; vielleicht hätte es ohne diesen Lapsus beim 0:0 einen Heimsieg gegeben. Zu Hause gegen Mainz hatte Ilic das leere Tor auch verfehlt; es wäre schon neun Minuten früher das 2:2, das schließlich Marin Ljubicic gelang, gewesen. Und nun das …
Die verheerende Serie der vergebenen Großchancen
Das kann mal passieren, ein zweites Mal auch, ein drittes Mal ist es schon komisch und beim vierten nicht mehr zu fassen. Es fällt nicht leicht, außer vor dem Trainer und den Mitspielern vielleicht, so eine Pechsträhne rational zu erklären. Oder nennt man so etwas schon nicht nur Pech? Einen Namen gibt es dafür eigentlich nicht. Nur Andreas Brehme, der Siegtorschütze im WM-Finale 1990, hatte einen, der an nichts zweifeln lässt: „Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß.“

Es ist fast wie einst bei Frank Mill. Auch er ein Weltmeister von 1990, in Italien aber ohne Einsatz geblieben, steht in der Bundesliga für die Mutter aller Fehlschüsse. Im ersten Saisonspiel 1986, Mill war aus Mönchengladbach nach Dortmund gewechselt, hatte er in München Bayern-Torhüter Jean-Marie Pfaff umkurvt, war allein aufs gegnerische Tor gelaufen, setzte den Ball aber an den Pfosten. Auch damals stand es 1:1, und es wäre Mills erster Treffer für seinen neuen Verein gewesen. Mill konnte sich trotzdem halbwegs trösten, denn der BVB schaffte wenigstens ein 2:2.
Warum die verpasste Pausenführung so weh tut
Sollte es für den 1. FC Union noch so richtig eng werden in diesem Spieljahr mit dem Klassenerhalt, dann liegt das nicht nur, aber gefühlt schon, an diesen Augenblicken. An dieser Nachspielzeit der ersten Halbzeit, die unglücklicher nicht hätte laufen können. Statt der so gut wie sicheren 2:1-Führung ging es, weil die Hamburger nur Sekunden später selbst ihr zweites Tor erzielten, mit 1:2 in die Pause. So etwas gibt es sonst nur beim Handball, dass eine vergebene Chance auf der einen Seite einen Treffer auf der anderen bedeutet. Vielleicht noch beim Basketball, wo die Gelegenheiten aber, einen Fehlwurf zu korrigieren, in der Regel mindestens alle 24 Sekunden zurückkehren.




